Das Tabgha wie es leibt und lebt. | Patricia Lozano

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Es riecht nicht nach Weihrauch, kein Bediensteter in Soutane kredenzt das Bier. Dass das nahe dem Oratori-Strand befindliche ehemalige Roxy jetzt der katholischen Kirche gehört und Tabgha heißt, erkennt man aber dennoch: Ein neues, von einer spanischen Künstlerin kreiertes Wandgemälde an der Treppe oberhalb des wohl ungewöhnlichsten Chiringuitos der Insel, das das Wunder von Jesu Brot- und Fischvermehrung am See Genezareth zeigt, gibt den ersten Hinweis. Die Tatsache, dass keine laute Wummermusik gespielt wird, lässt ebenfalls vermuten, dass hier jemand die Zügel in der Hand hält, der eher Ruhe und hingebungsvolle Liebe zur Schöpfung schätzt.

Die Handschrift der Kirche ist auch beim Essen zu erkennen: Es gibt nämlich in Anlehnung an die biblischen Vorgänge – man befindet sich schließlich in einer Art Gotteswinkel – ein Gericht „zum Brechen und Teilen”, das aus geröstetem Brot, Tomaten und anderen Ingredienzien besteht. 15,50 Euro müssen zwei Personen dafür zahlen, 46,50 Euro sechs Gäste. Dies dürfte Papst Franziskus aus der Seele sprechen, der auf der Homepage des Tabgha (www.tabgha.es) mit einer theologisch scharfsinnigen Analyse des Wunders verewigt wurde, bei dem Jesus Christus eine Handvoll Brot und Fische so sehr vermehrt haben soll, dass Tausende satt wurden.

Jenseits von Brot kann man sich – auch dies erinnert an das Heilige Land – für 16,70 Euro Salat mit warmem Ziegenkäse servieren lassen. Voll und ganz unheiliges Carpaccio vom Rind gibt’s für 18,50 Euro, der Avocado- und Garnelensalat kostet das Gleiche.

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Was die Getränke anbelangt, so merkt man im Tabgha – das Lokal wurde nach einer Ortschaft am Nordufer des nunmehr in Israel liegenden Genezareth-Sees benannt – nichts Ungewöhnliches: 0,4 Liter gezapftes Bier kosten 4,50 Euro, das hippe Corona ist für 6,50 Euro zu haben, und der Erdbeer-Mojito schlägt mit 13 Euro zu Buche. Wer ein prall gefülltes Konto hat, kann einen Moet & Chandon-Rosé-Champagner für 136 Euro erstehen, happige 415 Euro kostet der Dom Pérignon. Man geht in die Vollen in der „solidarischen Strandbar”, um elegant und frontal zugleich den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben. In der Pfarrgemeinde von Palmanova wird mit einem Teil der Einkünfte eine Unterkunft für notleidende Familien eingerichtet, wie auf der Tabgha-Homepage unter anderem auf Deutsch zu lesen ist.

Über dem Chiringuito thront wie eine mit ruhiger Hand überwachende Instanz die kleine, 1882 gebaute Kirche von Portals Nous, wo das Antlitz einer „Virgen” (Jungfrau) bestaunt werden kann. Vor einigen Jahren wurde noch geplant, auf dem 22.000 Quadratmeter großen Kirchengelände in gebührendem Abstand zum Gotteshaus in einem neuen Gebäude nebst Keller ein Restaurant für Hunderte Gäste aufzumachen. Jetzt beließ man es zunächst bei dem durchaus schick daherkommenden Strandetablissement.

Groß herumgesprochen haben sich die neuen Eigentümerverhältnisse noch nicht, und das zuallerletzt bei Urlaubern. „Was, das gehört der Kirche?”, wundert sich Christoph Krüger aus Frankfurt/Main, der hier mit seiner Frau mit Blick auf die topfebene Wasseroberfläche und den Yachthafen an einem Bier nippt. Er lacht sichtlich irritiert in sich hinein und genehmigt sich einen weiteren Schluck. „Na sowas!” Auch dem Personal ist eher zum Schmunzeln zumute. „Ja, das gehört jetzt der Kirche”, lächelt eine junge Kellnerin. Man sei denn auch gehalten, allzu wildes Brimborium nicht unbedingt zu tolerieren.