Offene Wunden des Bürgerkriegs

„Der Schmerz vererbt sich weiter"

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PALMA - ENTREVISTA A MARIA ANTONIA OLIVER, PRESIDENTA DE MEMORIA HISTORICA DE MALLORCA.

Sie ist die Enkelgeneration, die es wagte, Fragen nach den hingerichteten Großvätern zu stellen und Gerechtigkeit einzufordern: Maria Antònia Oliver.

Foto: Foto: Ultima Hora

An diesem Donnerstag, 9. Februar, zeigen die Angehörigen der Opfer des Spanischen Bürgerkriegs auf Mallorca Flagge. Geplant ist eine Kundgebung auf der Plaça d'Espanya, Beginn 19 Uhr. Die Veranstaltung ist eine Solidaritätsaktion für den international bekannten Richter Baltasar Garzón, dem derzeit der Prozess in Madrid gemacht wird.

Gleichzeitig wollen die Angehörigen und Nachkommen der Bürgerkriegsopfer auf die ihrer Ansicht nach unzumutbare Rechtslage aufmerksam machen. Gut 75 Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs (1936-1939) seien den Opfern von Repression und Diktatur juristisch weder Anerkennung noch Wiedergutmachung zuteil geworden.

So sieht es Maria Antònia Oliver, Präsidentin des Vereins „Memòria de Mallorca", einer Organisation, die sich die historische Aufarbeitung der Jahre des Bürgerkrieges auf Mallorca zur Aufgabe gemacht hat. Die Verfahren etwa, mit denen die Anhänger der Zweiten Spanischen Republik (1931-1936) von den Franquisten verfolgt, unterdrückt und nicht selten hingerichtet wurden, sind weiter rechtskräftig.

Mediale Aufmerksamkeit wurde Oliver am Donnerstag vergangener Woche zuteil: Spanienweit war die Mallorquinerin in den Hauptnachrichten zu sehen, wie sie im Prozess gegen Baltasar Garzón als Zeugin der Verteidigung gehört wurde. Der angeklagte Richter war der Erste, der es gewagt hatte, die Verbrechen der Franquisten während des Bürgerkrieges gegen die Menschlichkeit juristisch zu untersuchen.

Hatte der „Tyrannenjäger" zuvor viel Lob für sein Wirken gegen Diktatoren in Chile und Militärjuntas in Argentinien erhalten, so sah er sich plötzlich in der eigenen Heimat mit Prozessverfahren gegen sich konfrontiert. Ihm wurde vorgeworfen, gegen das Amnestiegesetz von 1977 verstoßen zu haben, das die jüngste Vergangenheit in Spanien beim Übergang zur Demokratie als abgeschlossen betrachtete. Garzón hingegen verweist auf die internationale Gerichtsbarkeit. Danach können Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht verjähren.

Was hat das alles mit Maria Antònia Oliver zu tun? Die Unternehmerin aus Calvià ist nicht nur Sprecherin all jener, deren Angehörige auf Mallorca von den Franquisten einst an die Wand gestellt und erschossen wurden, sie ist als Enkelin selbst eine Betroffene.

Auf ihrem Flug nach Madrid zum Prozess wird ihr auch diese Szene aus der Kindheit wieder durch den Kopf gegangen sein. Als Oliver und ihre Schwester noch klein waren, von der Mutter gebadet und gekämmt wurden, da sagte die Frau häufig: „Mädchen, vergesst nie: Euer Großvater hieß Andrés París Martorell. Und er war ein guter Mensch."

Andrés París stammte aus Inca, war Gewerkschafter und Gründer der Ortsgruppe der Sozialistischen Partei. Das reichte aus, um nach dem Militärputsch auf Mallorca inhaftiert zu wurden. Sechs Monate saß er im Gefängnis Can Mir, dem Lagerschuppen für Baumaterialien in Palma, in dem sich heute das Kino Sala Augusta befindet. Dann wurde er bei einer der üblichen „Sacas" (Herausholen) entlassen.

Wie Historiker in mittlerweile vielen Dokumentationen belegt haben, wurden die Gefangenen in den Abendstunden angeblich entlassen. Tatsächlich jedoch wurden sie kleinen Kommandos ausgehändigt, die die an Händen gefesselten Männer fortbrachten und in Nacht- und-Nebel-Aktionen an Friedhofsmauern erschossen. Anschließend wurden die Toten in anonymen Massengräbern verscharrt. Wo, wann und wie, das haben viele Angehörige bis heute nicht in Erfahrung bringen können.

Ein Trauma, für die Ehefrau von Andrés París und für seine damals zwölf Jahre alte Tochter, Maria Antònias Mutter. Sie brachte dem Vater stets Lebensmittel und saubere Wäsche ans Gefängnistor. Bis eines Tages die Wache am Eingang dem Kind sagte, es brauche nicht wiederzukommen. Der Vater sei am Vorabend „in Freiheit" entlassen worden. Die Freude des Kindes war die Horrornachricht für die Mutter. Sie wusste insgeheim, was das bedeutete.

Die Suche nach dem Verschwundenen hält bis heute an. Schon damals wurde der Ehefrau, als sie sich an die Autoritäten wandte, um den Leichnam ihres Mannes ausfindig zu machen, beschieden: „Was wissen denn wir, warum Ihr Mann nicht nach Hause kam?! Die Roten sind feige, vielleicht ist er auf's Festland geflohen. Und wer weiß, vielleicht hat er Sie verlassen und hält sich bei einer anderen Frau auf ...?!"

Die Ehefrau starb, ohne je Aufschluss erhalten zu haben. Ihre Tochter, heute 87, hofft, vor ihrem Tod noch einmal exakte Hinweise auf die letzten Stunden ihres Vaters zu erlangen.

„Der Schmerz über das Unrecht, über das Geschehene, über die Ungewissheit, er vererbt sich von Generation zu Generation", sagt Maria Antònia Oliver. „Dem ist nur mit Gerechtigkeit beizukommen, wie man sie von einem Rechtsstaat erwarten darf."

Oliver ist es zu verdanken, dass das Leid der Betroffenen auf Mallorca erstmals in einem Saal des Obersten Gerichtshofs in Spanien offiziell gehört werden musste.

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