FDP-Vize Kubicki: "Wir haben ein Recht auf Unvernunft"

| Camp de Mar, Mallorca |
Wolfgang Kubicki während des MM-Interviews im Restaurant Campino in Camp de Mar.

Wolfgang Kubicki während des MM-Interviews im Restaurant Campino in Camp de Mar.

Foto: Foto: Patricia Lozano

Mallorca Magazin: Herr Kubicki, Sie wollen am 24. September in den Deutschen Bundestag gewählt werden. Haben Sie sich also doch für eine Zukunft als Trinker und Hurenbock entschieden?

Wolfgang Kubicki: Nein, mittlerweile bin ich ja sittlich und moralisch gefestigt, sodass keine Gefahr mehr besteht.

MM: Die Frage beruhte auf einer Antwort von Ihnen in einem Zeit-Interview aus dem Jahr 2010. Damals sagten Sie, dass Sie in Berlin zum Trinker werden würden, vielleicht auch zum Hurenbock. Wie haben Sie das seinerzeit gemeint?

Kubicki: In Berlin kann man rund um die Uhr in Lokale und Kneipen gehen, es gibt viele Verlockungen. Ich war schon zweimal im Bundestag und weiß, dass mit der Aufgabe großer Stress verbunden ist und man sein soziales Umfeld aus der Heimat ja nicht mitnehmen kann. Daher ist die Verführung, gegen eine Vereinsamung anzutrinken und alkoholabhängig zu werden, groß. Aber, wie gesagt, ich bin dafür schon zu alt.

MM: Abgesehen davon, dass Sie sagen, dass Sie menschlich gereift seien - was ist der konkrete Grund, warum Sie für den Bundestag kandidieren?

Kubicki: Ich habe ja auch schon 2013 kandidiert, damals hat es die FDP aber bekanntlich nicht in den Bundestag geschafft. Mit einer Unterbrechung bin ich jetzt seit 25 Jahren FDP-Fraktionsvorsitzender im schleswig-holsteinischen Landtag, da ist es an der Zeit, mal das Feld zu wechseln, damit auch andere die Gelegenheit haben, selbst Führungsverantwortung zu übernehmen. Der eigentliche Grund ist aber, dass Christian Lindner und ich uns am Wahlabend 2013 in die Hand versprochen haben, dass wir die FDP nicht zerfallen lassen und dafür sorgen wollen, dass sie wieder in den Bundestag kommt. Das setzt voraus, dass ich als stellvertretender Bundesvorsitzender auch an führender Stelle kandidiere.

MM: Nicht jeder kennt sich mit dem Wahlrecht aus. Sie kandidieren auf der Landesliste - sind Sie damit wahrscheinlich im Bundestag, wenn die FDP es schafft?

Kubicki: Nicht nur wahrscheinlich. Wenn die FDP in den Bundestag einzieht, bin ich auf jeden Fall dabei.

MM: Wir stehen direkt vor dem Wahlkampf. Was ist Ihre Ergebnisprognose?

Kubicki: Die FDP wird zwischen sechs und neun Prozent erzielen. Eher neun, vielleicht noch ein bisschen mehr. Das habe ich vor zwei Jahren schon mal gesagt. Damals bin ich belächelt worden, das hat sich inzwischen geändert.

MM: Was werden die Schwerpunkte Ihrer Partei im Wahlkampf sein?

Kubicki: Zunächst einmal transportieren wir unser Menschen- und Weltbild. Wir wollen, dass jeder aus seinen Möglichkeiten das Beste macht. Dabei wollen wir ihm helfen mit Bildung und Ausbildung. Ein wichtiger Punkt ist die Digitalisierung. Die Welt um uns herum ändert sich, und zwar ziemlich dramatisch. Wir erleben das in fast allen Berufen. Man muss sich mal ins Gedächtnis rufen, dass es vor zehn Jahren noch keine Smartphones gab. Heute weiß ja niemand mehr, wie man ohne Navi fährt. Zumindest gilt das für die jüngeren Generationen. Auf diese Veränderungen ist die Gesellschaft nur unzureichend vorbereitet, da müssen wir mehr tun. Vor allem in Schule und Ausbildung. Insgesamt geht es um Modernisierung, Entbürokratisierung und Flexibilisierung.

MM: Ihre Partei hatte zuletzt Erfolge in Schleswig-Holstein, wo eine sogenannte Jamaika-Koalition regiert, und in Nordrhein-Westfalen, wo jetzt Schwarz-Gelb die Macht hat. In Rheinland-Pfalz ist die FDP Mitglied einer Ampel-Koalition. Sollte die FDP nach der Bundestagswahl auch in Berlin in Regierungsverantwortung kommen, welches Bündnis wäre Ihnen am liebsten?

Kubicki: Die SPD wird als möglicher Partner wohl ausscheiden. Die werden aus ihrem Jammertal nicht rauskommen und bei 25 Prozent oder darunter bleiben. Die Konstellation ist mir eigentlich egal. Wichtig ist, dass es eine vernünftige Politik gibt. Dass wir uns auf eine Linie für die nächsten vier Jahre einigen, mit der wir leben können. Dass unsere Idee einer Modernisierung von Staat und Gesellschaft umgesetzt werden kann.

MM: Spricht man Sie Ende des Jahres mit der Anrede "Herr Minister" an?

Kubicki: Die Wahrscheinlichkeit ist aus heutiger Sicht eher gering. Aber anders als früher würde ich das nicht mehr ausschließen. Meine Lebensplanung jetzt mit 65 Jahren sieht allerdings nicht so aus, dass ich unbedingt Minister werden muss. Zumal das ja auch einige Beeinträchtigungen mit sich brächte.

MM: Was meinen Sie zum Beispiel?

Kubicki: Dann unterhielten wir beide uns hier jetzt nicht mehr gemütlich alleine in der Sonne, sondern zwei, drei andere Jungs säßen um uns herum. Das finde ich nicht so schön. Man kann als Minister auch seinen Terminkalender nicht mehr frei bestimmen.

MM: Schauen wir mal vier Jahre zurück. Noch am Wahlabend haben Sie und Christian Lindner in einem Berliner Hotel vereinbart, die FDP zu retten.

Kubicki: Ja, es war nach Mitternacht. Ich bin aus Kiel gekommen, er war schon in Berlin und wir haben uns die Welt schön ... (Pause)

MM: ... geredet meinen Sie?

Kubicki: Genau, schöngeredet.

Kubicki: Alkohol war nicht im Spiel?

Kubicki: Doch, ein wenig schon. Wir mussten unsere Traurigkeit ertränken.

MM: Und dann haben Sie gesagt: "Wir, Batman und Robin, haben jetzt die Aufgabe, die FDP zu retten".

Kubicki: Naja, so lief das ja nicht ab. Wir waren beide traurig, dass es nicht funktioniert hatte. Es ist ja Tradition, dass am nächsten Morgen alle die Verantwortung übernehmen und zurücktreten. Das Präsidium, der Vorstand ... Christian Lindner und ich haben uns gesagt, wenn wir jetzt zurücktreten und der Partei nicht das Gefühl geben, dass es weitergeht, dann bricht die FDP auseinander. Es konnten in dieser Situation nicht sechs Wochen vergehen. Das Gespräch entwickelte sich und es war klar, dass einer von uns am nächsten Tag antreten müsste. Und das war dann Christian Lindner. Wir haben uns versprochen, dass wir in den nächsten vier Jahren alles zusammen machen, damit die Partei wieder in den Bundestag kommt.

MM: Es scheint so, als würde sich Ihre Mission erfüllen. Was haben Sie denn konkret getan, um die FDP zu retten?

Kubicki: Zunächst einmal haben wir eine andere Stimmung verbreitet. Die Diskussionsfreude ist gestiegen. Die Leute haben mitbekommen, dass es keinen Sinn macht, sich untereinander zu bekriegen, sondern dass man besser den Wettbewerb mit dem politischen Konkurrenten sucht. Es wird in den Gremien viel gefrotzelt, mehr gelacht.

MM: Also war die Arbeit weniger eine programmatische Erneuerung, sondern eine Frage des Führungsstils?

Kubicki: Sicher. Und der Performance. Menschen transportieren Themen. Wir sind so wie wir sind, wir sind authentisch, wir verstellen uns nicht, dass merken die Menschen. Wir leben den Liberalismus. Wenn Christian Lindner eine Zigarre rauchen will, obwohl das ungesund ist, dann ist das sein gutes Recht.

MM: Klingt politisch nicht korrekt ...

Kubicki: Wir haben auch ein Recht auf Unvernunft. Deswegen reagieren Freie Demokraten auch allergisch darauf, wenn man ihnen vorschreiben will, was sie essen oder trinken sollen. Oder wann sie ins Bett gehen sollen. Was die Menschen wollen, das entscheiden sie immer noch selbst. Und das ist auch richtig so. Wenn da drei Leute am grünen Tisch sitzen und wissen, wie die Zukunft aller gestaltet werden soll, dann macht mich das grundsätzlich skeptisch.

MM: Sie sind jetzt 65.

Kubicki: Stimmt.

MM: Und ein Mensch, der das Leben gerne genießt.

Kubicki: Stimmt auch.

MM: Wie lange wollen Sie noch Politik machen? Haben Sie einen Plan, in dem steht, wann Schluss ist?

Kubicki: Es kommt, wie es kommt. Ich empfinde meine politische Tätigkeit nicht als Belastung. Wenn das so wäre, hätte ich schon aufgehört. Und was einem Spaß macht, das sollte man machen, solange es geht.

MM: Stichwort Mallorca. Sie hatten mehr als zehn Jahre ein Haus in Santa Ponça dauerhaft gemietet und sind Ende vergangenen Jahres nach Camp de Mar umgezogen, wo Sie ebenfalls zur Miete wohnen. Warum der Ortswechsel?

Kubicki: Das war keine Entscheidung gegen Santa Ponça oder für Camp de Mar, sondern hängt einzig und allein mit der Lage unseres jetzigen Hauses zusammen. Wir haben einen wunderschönen Meerblick.

MM: Wie oft sind Sie eigentlich auf der Insel?

Kubicki: In diesem Jahr bedauerlicherweise nur selten. Um Ostern herum und jetzt. Vielleicht Weihnachten wieder. Meine Frau nutzt unser Haus wesentlich häufiger.

MM: Was machen Sie, wenn Sie hier sind?

Kubicki: Erstmal schlafe ich aus. Dann gehe ich Golf spielen. Und was ich besonders liebe, ist essen und trinken. Ich besuche immer eine ganze Reihe von Lokalen. Und ich lese viel.

Kubicki: Kommen wir zum Schluss. In Deutschland beginnt der Wahlkampf. Wir sind auf Mallorca. Hier machen viele Deutsche Urlaub. Andere leben auf der Insel und dürfen in der Heimat auch wählen. Was halten Sie von deutschem Wahlkampf auf der Insel?

Kubicki: Ich erinnere mich, dass die FDP vor Jahren mal große Plakate an der Autobahnausfahrt zum Flughafen hatte ...

MM: Das war tatsächlich so. Der damalige Parteichef Wolfgang Gerhardt ist eigens zum ersten Klebeeinsatz eingeflogen. Haben Sie oder Christian Lindner ähnliche Pläne?

Kubicki: Nein, gewiss nicht. Ich halte nichts davon, Bundestagswahlkampf auf Mallorca zu machen. Die Urlauber sollen sich erholen. Und die Deutschen, die fest hier leben, tun vielleicht gut daran, sich etwas mehr um die mallorquinische und spanische Politik zu kümmern.

Kommentar

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Klaus A. / Vor 1 Monat

@Dr. M. Daunke : Dann geht die neoliberale Ausbeutung Deutschlands und Europas wieder richtig los, ja? Widerlich!

Heinz / Vor 1 Monat

Hallo Dr. M. Daunke, das ist wohl inkonsequent.

Dr. M. Daunke / Vor 1 Monat

Kubicki und Lindner sind in der Tat bemerkenswerte Persönlichkeiten; rhetorisch begabt, klug, authentisch und mit "Ecken und Kanten". Solche Mitglieder hat der Bundestag dringend nötig. Wäre ich nicht aus Überzeugung seit Jahrzehnten Mitglied der "Merkel-Partei", würde ich am 24. September ganz sicher die FDP wählen. Aber die Beiden schaffen das auch ohne meine Stimme.

Mats / Vor 1 Monat

Natürlich plädiert Herr Kubicki ein "Recht auf Unvernunft". Sonst würde ja keiner FDP wählen.

wigo / Vor 1 Monat

Und die Deutschen, die fest hier leben, tun vielleicht gut daran, sich etwas mehr um die mallorquinische und spanische Politik zu kümmern."

Schön gesagt von einem deutschen Politiker. Genauso sollte es sein. Leider verstehen die Angesprochenen darunter meist nur "Nörgeln".