Vor dem Hauptportal der Kathedrale: So viel Historie aus Stein lässt die Gäste aus übersee trotz drückender Hitze aufleben | Ingo Thor

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Rose aus New Jersey staunt bei ihrem Mallorca-Besuch Bauklötze. Als Reiseleiter Alexandre Alemany in einer der Gassen nahe der Kathedrale mithilfe von Schaubildern auf Englisch erklärt, dass Palma einst von einer riesigen Stadtmauer umgeben war, sagt die Touristin aus Übersee halblaut: „Das Mittelalter ist so faszinierend!” Es könnte vielleicht an der feuchten Sommerhitze liegen, dass sie sich spart, vernehmbar „amazing”, „so lovely” oder „gorgeous” zu rufen, so wie man das halt kennt von Touristen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Alemany, der für „Free Tour Palma” arbeitet, hat wie dieser Tage sehr oft eine Gruppe von englischsprachigen Urlaubern um sich geschart, die sich für Geschichte und Kultur der Insel-Kapitale interessieren. Es ist Montag, 26. Juni, der Reiseleiter bringt mal wieder einen zweistündigen Rundgang durch die Altstadt über die Bühne. Los geht es vor dem Tourismusbüro im Parc de la Mar, wo sich in der laufenden Hochsaison die Feriengäste inmitten von schwarzafrikanischen Verkäufern falscher Luxus-Handtaschen gegenseitig fast auf die Füße treten. Das Sprachengewirr ist fast babylonisch: Neben Spanisch, Englisch und Französisch dringen auch osteuropäische Sprachen in die Ohren, sogar zwei Gruppen mit türkischen Urlaubern sind unter der grellen Sonne unterwegs.

Eine Gruppe von Besucheren schart sich um den Reiseführer.

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Nach dem Auftakt geht es zum Park S’Hort del Rei, zur Kathedrale und zum Almudaina-Palast, den üblichen Highlights halt. Auch die Santa-Eulàlia-Kirche, ein typischer Palmesaner Innenhof, ein Jugendstil-Gebäude an der Jaime-II-Gasse und die Plaça Major stehen auf dem Programm.

Rose aus New Jersey, die mit einer Freundin über den großen Teich herübergejettet war und unter anderem einen tragbaren Ventilator mit sich führt, ist so ein verwinkeltes Gassengewirr wie in Palma aus der Heimat nicht gewohnt. „Ich weiß gar nicht, wo ich bin.” Wie Schwämme saugen die beiden jungen Frauen die verbalen Ergüsse des Reiseleiters auf, während ein paar Meter entfernt tschechische Inselfreunde mit dem in ihrem Land gesprochenen sperrigen Idiom laut in die Geheimnisse des „casco antiguo” eingewiesen werden.

Die verstärkte Anwesenheit gepflegter und wissensdurstiger nordamerikanischer Touristen auf Mallorca war eine Herzensangelegenheit für die abgewählte sozialistisch geführte Regionalregierung und dürfte das auch für die neue konservative Verwaltung der Volkspartei sein. Es sind halt interessierte, kultivierte Menschen, die von der Ostküste der USA kommend aufschlagen. Mit grölenden und trinkfreudigen Partyurlaubern, wie man sie von der Playa de Palma oder aus Magaluf kennt, haben die dieses Jahr – wegen der Direktflüge ab New York verstärkt – angekommenen Amerikaner nichts zu tun. Wie wunderbar „amazing” das doch ist!