Die ersten Exilanten auf der Insel

| Mallorca |
Ein Exponat aus dem Archiv der Bibliothek Lluís Alemay sind diese Memoiren eines ehemaligen Soldaten Napoleons über seine Gefang

Ein Exponat aus dem Archiv der Bibliothek Lluís Alemay sind diese Memoiren eines ehemaligen Soldaten Napoleons über seine Gefangenschaft auf der Insel Cabrera.

Foto: Patricia Lozano

Die Manipulation der öffentlichen Meinung gibt es nicht erst, seit mutmaßlich russische Hacker versuchen, Wahlen in westlichen Ländern zu beeinflussen. Als in Madrid am 12. Mai 1808 die Erhebung Spaniens gegen die napoleonischen Truppen begann, rief auf Mallorca der Bischof Bernat Nadal die Inselbevölkerung zur Verteidigung von Vaterland, Religion und König auf.

Prompt folgte ein Gegenaufruf des Militärgouverneurs: Die Insulaner sollten mit den französischen Truppen kollaborieren. Ordnung in dieses Durcheinander brachte ein Rundschreiben der Inseljunta: Die Aufforderung des Oberbefehlshabers sei ein Fake, klärte sie die Bevölkerung auf.

Alle drei Dokumente sind in einer Ausstellung in der Bibliothek Lluís Alemany in der Misericòrdia in Palma zu sehen. Ihr Titel "Arsenal de Guerra". Im Spanischen bedeutet "arsenal" dreierlei: Werft, Waffenlager und eine Sammlung von Dokumenten zu einer bestimmten Angelegenheit. In diesem Fall handelt es sich um die Dokumente aus dem Archiv der Bibliothek, die sich auf den Krieg Spaniens gegen Napoleon beziehen, der von 1808 bis 1812 dauerte.

In diesem Krieg gab es auf Mallorca eine Besonderheit: "Auf der Insel gab es zwar keine Schlachten, aber die Auswirkungen reichten bis auf die Insel", erklärt Bibliotheksleiter und Ausstellungskurator José Carlos Llop.

Eine dieser Auswirkungen war ein massiver Zuzug von Exilanten. Sie kamen hauptsächlich vom spanischen Festland, aber auch aus Frankreich und suchten vor Napoleons Soldaten Schutz. Durch die kriegsbedingte Migration verdreifachte sich Palmas Bevölkerung. Laut Llop reagierten die Einheimischen gelassen auf den rapiden Zuwachs: "Der Mallorquiner ist es gewohnt, dass die Leute kommen und gehen", sagt er.

Dies ist umso bemerkenswerter, als dass Llop aufgrund von Dokumenten diesen Vergleich zieht: "Die Massenzuwanderung hatte einen ähnlichen Effekt wie in den vergangenen Jahren die Zuwanderung von Ausländern, die sich hier niederließen. Man begann, Häuser zu vermieten, die nie vermietet worden waren, und die Mieten stiegen wie verrückt." Die Leidtragenden dieser Preiserhöhung seien vor allem die Zuzöglinge gewesen, fügt er mit einem feinen Lächeln hinzu.

Parallel dazu bürgerten sich Moden und Bräuche ein, die von den Exilanten auf die Insel gebracht wurden. "Man begann, Gehrock und Überzieher zu tragen, die Perücken wurden abgesetzt und die Männer begannen, sich die Haare schneiden zu lassen. Einige Frauen kleideten sich nicht mehr in mallorquinischer Tracht, und trugen Parfüm auf", schildert Llop einige Beispiele. Kurz: Die Gesellschaft änderte sich während des Krieges.

Auch wenn viele alte Bräuche und auch die Inquisition später mit der Restauration des Absolutismus durch Spaniens König Fernando VII wieder eingeführt wurden, waren einige Veränderungen nicht mehr wegzukriegen. "Wir wissen ja, dass manche Moden nicht mehr verschwinden, wenn sie einmal eingeführt wurden", meint Llop.

Die Dokumente zeigen auch, wie die Bevölkerung mit Spenden die Erhebung Spaniens gegen Napoleon unterstützte. Darüber hinaus requirierte die Inselregierung in der Bevölkerung Pferde, um sie der Kavallerie zukommen zu lassen. Auch der Klerus wurde zur Kasse gebeten. Ein Schreiben an den Abt des Klosters La Real, das auch an alle Kirchen ging, forderte die Geistlichen auf, sämtliche Objekte aus Gold und Silber, die nicht für die Messe verwendet wurden, abzugeben. Diese Gegenstände wurden eingeschmolzen, um neue Münzen für die Kriegskasse prägen zu können.

Gedruckte Zeugnisse, sogar in Form von Memoiren, gibt es auch von den französischen Kriegsgefangenen, die auf der Insel Cabrera vor Mallorcas Südküste festgehalten wurden. Llop spricht von einem Konzentrationslager, legt aber auf diese Feststellung Wert: "Konzentrationslager ist eine Sache, Vernichtungslager eine andere. Natürlich gab es auf Cabrera Krankheiten und Hunger. Aber die Gefangenen fischten auch, backten Brot, hatten Hütten, ein soziales Leben, spielten Theater, veranstalteten Schach-Wettbewerbe."

1812 endete der Krieg, eine neue, liberale Verfassung wurde erlassen, die im Volksmund "La Pepa" hieß. Auch Mallorcas Bischof Bernat Nadal war an ihrer Ausarbeitung beteiligt. Nur wenige Jahre später beschnitt allerdings Fernando VII. viele Grundrechte, die in der Vefassung verankert waren.

Nach dem Krieg schrumpfte Palmas Bevölkerung wieder. 95 Prozent der Exilanten kehrten in ihre Heimat zurück. Kurioserweise kehrten Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem aus Barcelona einige ihrer Nachfahren auf die Insel zurück. Aber das, endet Llop, sei eine andere Geschichte.

INFOS ZUR AUSSTELLUNG:

Titel: "Arsenal de Guerra"; mallorquinische Dokumente zum Krieg Spaniens gegen Napoleon und den Auswirkungen auf der Insel.
Dauer: Bis April 2017.
Öffnungszeiten: MO bis FR 9 bis 14 Uhr, DI außerdem 16.15 bis 20 Uhr.
Eintritt: frei.
Ort:. Biblioteca Lluís Alemany (Misericòrdia, 1. Etage): Via Roma 1, Palma

(aus MM 51/2016)

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