Mallorca war schon 1933 eine Autoinsel

| Mallorca |
Paul Esch-Hörle, hier begleitet von einem Bekannten, am Steuer seines Chevrolet Roadster 1930 an der Plaça del Mercat in Palma.

Paul Esch-Hörle, hier begleitet von einem Bekannten, am Steuer seines Chevrolet Roadster 1930 an der Plaça del Mercat in Palma. Das Auto wurde 1929 angemeldet.

Foto: Familienarchiv
Paul Esch-Hörle, hier begleitet von einem Bekannten, am Steuer seines Chevrolet Roadster 1930 an der Plaça del Mercat in Palma.Der Bericht ist im Rahmen einer Artikelserie im Mallorca Magazin erschienen und basiert auf dem Buch "Mallorca unterm Hakenkreuz

Bis zu 12.600 Volkswagen-Verkäufer waren im November nach und nach auf Mallorca eingetroffen, um sich über die neuesten Fahrzeugmodelle zu informieren. Dadurch wurde die Insel einmal mehr zu einer Plattform für Autopräsentationen. Mallorca-Kenner wissen, das hat Tradition. Es gibt keinen europäischen Autohersteller, der nicht schon einmal die Infrastrukturen auf dem Eiland genutzt hat, um hier eingeflogenen Autohändlern oder Fachjournalisten Fahrterlebnisse quer über die Insel anzubieten. Die Autokonzerne bevorzugen die Anbindung Mallorcas an das internationale Flugnetz, die Luxus-Hotellerie und Gastronomie sowie die Landschaft der Insel als Hintergrundkulisse für die besten Fotomotive. Mallorca verdient seinerseits an solchen Werbeaktionen.

All diese Präsentationen machen Mallorca zur Autoinsel. Und nicht nur das: Die Balearen sind bei nahezu einem Fahrzeug pro Einwohner ein Archipel von höchster Autodichte. 2016 waren nach Angaben des Jahrbuchs "El Económico" exakt 968.725 Fahrzeuge auf den Inseln unterwegs, davon allein 741.698 Fahrzeuge auf Mallorca. Der Zuwachs der vergangenen 20 Jahre ist beachtlich: Seit 1997 kamen 365.000 Fahrzeuge hinzu, das Aufkommen stieg um 60 Prozent.

Der Autoboom begann nicht erst mit dem Tourismus, sondern ist weitaus älter als gemeinhin bekannt. Bereits in den frühen 1930er Jahren waren allein in Palma mehrere Tausend Autos gemeldet. Die deutsche Wochenzeitung "Die Insel" schrieb im Juli 1933 gar von 8000 Autos, nachdem noch im März von 7000 Fahrzeugen die Rede gewesen war. Demnach entfiel damals auf jeden zehnten Palmesaner ein Auto.

Fernando Ramón Ferrero, passionierter Forscher der balearischen Autogeschichte, hält die Zahl von 8000 Fahrzeugen für etwas zu hoch, verweist aber darauf, dass in jenen Jahren nicht jedes Auto angemeldet war, um so Steuern zu sparen. Hinzu kamen Autos, die von wohlhabenden Ausländern mit auf die Insel gebracht wurden, ohne dass für das Vehikel ein lokales Nummernschild beantragt wurde. Wie die Register der damaligen Steuerbehörden ausweisen, waren auf Mallorca bei Ausbruch des Bürgerkrieges 1936 mindestens 7047 Autos eingetragen.

Unter den Autobesitzern waren auch deutsche Residenten zu finden. Paul Esch-Hörle, ein reicher Duisburger, der sich bereits 1923 mit 40 Jahren in Sóller zu Ruhe gesetzt hatte, meldete 1929 einen Chevrolet Roadster an. Es dürfte sich um einen Neuwagen gehandelt haben, denn dieses Modell wurde von dem US-Autobauer erst von 1927 an gefertigt, weiß Fernando Ramón.

Ein weiterer Deutscher, der sich nicht ohne sein Auto auf Mallorca niederlassen wollte, war der Künstler Waldemar Fenn. Zeitungsberichte von 1926 verweisen darauf, wie Fenn in seinem Citroën anzutreffen war. Der Autotyp wurde von 1919 bis 1924 in Frankreich gebaut. Somit dürfte auch Fenn in einem nicht allzu antiken Gefährt seine Runden gedreht haben.

Die Namen der Autobesitzer sind aus den Verkehrsregistern nicht zu erfahren. Aber anhand der Nummernschilder, die auf manch historischem Foto zu erkennen sind, lässt sich zumindest das Jahr der Anmeldung sowie der Autotyp ermitteln. Ramóns ehrgeiziges Ziel ist es, nach und nach Fotos der ersten 10.000 Autos zusammenzutragen, die einst die Balearen unter die Räder genommen hatten.

Als die deutschen Residenten die bereits damals "glänzenden Asphaltstraßen", so "Die Insel", in Palma nutzten, blickte Mallorca bereits seit einer Generation auf die motorisierten Fahrzeuge zurück. Mit der Firma Loryc, die 1919 gegründet worden war, hatte auf der Insel bis 1923 sogar ein eigener Autohersteller existiert.

Die allerersten zwei motorisierten Wagen, die noch wie Kutschengefährte aussahen, waren am 10. April 1897 im Hafen von Palma entladen worden. Doch das erste Vier-Rad-Vehikel von Emile Roger, dem Vertreter für Benz-Fahrzeuge und -Motoren in Frankreich, blieb nach wenigen Metern mit Motorschaden stehen. Das zweite Fahrzeug, ein Dreiwagen aus selbiger Quelle, wird von seinem mallorquinischen Besitzer, einem reichen Industriellen, hingegen einige Zeit gefahren. Am Camí de Jesús unterhalb des Friedhofs bleibt jedoch eines Tages das einzelne Vorderrad in der Gleisspalte der Straßenbahn hängen, der Wagen stürzt um. Nach diesem Unfall ist er nicht mehr zu gebrauchen. Beide Vehikel befinden sich in Palma in Familienbesitz und sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Das erste Auto, das auf Mallorca offiziell registriert wurde, fand am 17. September 1900 Eintrag in die Behördenpapiere. Es gehörte einem Marineoffizier im Ruhestand. Er erhielt nicht nur das Recht, die öffentlichen Straßen auf Mallorca zu benutzen, sondern auch eigens eine Fahrerlaubnis für den Wagen der Marke Clément. Die französische Autofabrik war erst zwei Jahre zuvor gegründet worden. Die mallorquinische Fahrerlaubnis kann also als einer der ersten Führerscheine der Welt betrachtet werden.

Von den ersten sechs registrierten Autos auf Mallorca ist keine Information erhalten geblieben. Der siebte Wagen jedoch, der 1905 das Nummernschild "BA 7" (BA für Baleares) erhielt, wird von seinen Besitzern noch heute auf einem Landgut im Großraum Palma gewartet und gepflegt, weiß Fernando Ramón. Kurios: Der damals erteilte Fahrzeugbrief für den Panhard-Levassor ist weiter gültig.

Von diesen frühen Anfängen dauerte es rund 30 Jahre, bis die Zahl der Autos über die 7000er-Schwelle fuhr. Mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges wurde dann das Wirtschaftswachstum massiv ausgebremst. Es dauerte danach knapp 20 Jahre, bis im Jahre 1954 erstmals 9000 Autos bei der Steuerbehörde registriert waren. Seitdem ist der Autoboom jedoch bis heute ungebrochen, wie an den zahlreichen Staus rund um Palma täglich zu spüren ist.

(aus MM 43/2017)

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MK / Vor 11 Tage

Die Deutschen lieben Mallorca seit eh und je - ich auch. Ganz besonders und innig..