Schiedsrichter: "Druck nimmt ständig zu"

Besuch beim DFB-Lehrgang im Hilton Sa Torre in Llucmajor

Hilton Sa Torre, Llucmajor, Mallorca |
Er ist quasi der Schiedsrichter-Trainer: Hellmut Krug, ehemaliger Fifa-Referee.

Er ist quasi der Schiedsrichter-Trainer: Hellmut Krug, ehemaliger Fifa-Referee.

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Er ist quasi der Schiedsrichter-Trainer: Hellmut Krug, ehemaliger Fifa-Referee.Es schien auch mal die Sonne: Sonst hatten die "Schiris" bislang eher Pech mit dem Wetter in Llucmajor.

Schwitzen für die Rückrunde: 70 Schiedsrichter und Assistenten der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga trainieren noch bis zum Sonntag, 25. Januar auf Mallorca im Hilton Sa Torre in Llucmajor.

Schiedsrichter sind Leistungssportler, pro Spiel absolvieren sie bis zu 15 Kilometer. Auf Mallorca geht es aber nicht nur um Fitness, sondern auch um Theorie. Hellmut Krug ist für die Deutsche Fußball-Liga dabei und einer von fünf Schiedsrichtertrainern. Der 58-jährige Gelsenkirchner leitete von 1985 bis 2003 240 Bundesligaspiele, 1991 wurde er zum FIFA-Schiedsrichter berufen und wurde bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1994 und der Fußball-Europameisterschaft 1996 eingesetzt. Krug ist erklärter Mallorca-Fan: Mit seiner Frau kommt er jedes Jahr zum Golfspielen auf die Insel.

Mallorca Magazin: Herr Krug, abgesehen vom Fitnesstraining. Was machen die 71 Erst- und Zweitligaschiedsrichter in dieser Woche auf Mallorca?

Hellmut Krug: Wir bereiten die Schiedsrichter auf die Rückrunde vor. Daher schauen wir auch auf das zurück, was in der Vorrunde passiert ist. Da kommen natürlich auch kritische Dinge zum Tragen. Wir haben sicherlich 150 bis 200 Einzelszenen, mit denen wir arbeiten werden in den verschiedenen Workshops. Heute haben wir Disziplinarkontrolle, Strafraum und Handspiel. Wir legen auch Wert auf das ,Spielmanagement'. Es ist ja von ganz großer Bedeutung, dass ein Schiedsrichter das Spiel auch lesen kann, dass er seine Schlüsse daraus zieht. Er muss auch ein Spiel im Sinne des Charakters in die richtigen Bahnen leiten.

MM: Letztes Jahr hatten wir das Phantomtor (Leverkusens Stefan Kiessling gegen Hoffenheim, d.Red.), in der bisherigen Saison war es relativ unspektakulär...

Krug: Solche Aufreger sorgen für einen außergewöhnlichen Nachhall in der Öffentlichkeit und tun den Schiedsrichtern natürlich weh.

MM: Sie gelten dennoch nicht als Verfechter des Videobeweises...

Krug: Es gibt Argumente dafür, aber aus unserer Sicht mehrere dagegen. An jedem Wochenende werden Entscheidungen diskutiert, das heißt sie sind nicht eindeutig. Auch mit Videobeweis müssten Sie eine Entscheidung treffen, die würde aber nur auf eine andere Ebene verlagert, nämlich auf die des Obersten Schiedsrichters. Wir haben immer gesagt, dass wir die Torlinientechnologie befürworten. Es ist objektiv nachweisbar, ob der Ball die Linie überschritten hat oder nicht, da gibt es keinen Ermessensspielraum. Im Bereich Foul und Zweikampf gibt es den sehr wohl.

MM: Hat sich eigentlich das seit der WM eingesetzte Freistoßspray bewährt?

Krug: Fest steht eins: Auch mit dem Spray muss die Mauer auf neun Meter gebracht werden. Da reicht das Spray alleine nicht, da kommt es auch auf eine starke Persönlichkeit des Unparteiischen an. Aber generell hat sich das Spray in der Bundesliga bewährt.

MM: Wenn Sie die vergangenen Jahre betrachten: Hat generell der Druck auf die Schiedsrichter zugenommen?

Krug: Tatsächlich nimmt der Druck ständig zu. Wir haben eine immer größere, mediale Abdeckung, fast keine Szene bleibt mehr unentdeckt. Eine Messlinie im Auge hat der Assistent nicht, die Kamera sehr wohl. Keine Frage: Die Aufgabe des Schiedsrichters ist schwieriger geworden.

MM: Beklagen sich bei Ihnen manche Kollegen über den Druck?

Krug: Nein. Wer darüber klagt, der muss aufhören, das muss ein Schiedsrichter einfach wissen. Er steigt ja auch langsam Klasse für Klasse auf und gewöhnt sich daran. Dass er damit klarkommt, zeichnet einen guten Schiedsrichter aus.

MM: Sind Unparteiische eigentlich verhinderte Fußballer?

Krug: Sie können sicher sein: Jeder, der Schiedsrichter ist, wollte irgendwann einmal Fußballer werden. Dann entscheidet man sich irgendwann für die Schiedsrichterei. Bei mir war es wegen meines Vaters, der war Schiedsrichter in Gelsenkirchen und sagte mir, ich sollte mal einen Lehrgang machen. Er hatte gesehen, dass mein fußballerisches Talent nicht für mehr gereicht hatte.

MM: Sie haben es ja bis zum Fifa-Referee gebracht. Was war für Sie das Highlight Ihrer Karriere?

Krug: Das sind immer die bedeutenden Spiele, die nicht jeder bekommt. Ich habe 1998 das ChampionsLeague-Finale Juventus gegen Madrid gepfiffen, als Jupp Heynckes seinen ersten Titel bei Madrid geholt hat.

MM: Wie sieht Ihre Arbeit als Schiedsrichtermanager bei der Deutschen Fußballliga und dem DFB genau aus?

Krug: Wenn Sie in dem Bereich tätig sind wie wir, haben sie keine Wochenenden. Die sind durchsetzt von Fußball, von Übertragungen, internen Konferenzen, Telefonkonferenzen, in denen wir uns über einzelnen Entscheidungen unterhalten, damit wir uns auch gegenüber den Medien positionieren können. Gerade die diskussionswürdigen Entscheidungen müssen wir abstimmen. Wir sind so etwas wie die Trainer der Schiedsrichter.

MM: Fühlen Sie sich von den Fußballfans anerkannt?

Krug: Fußball ist Tagesgeschäft. Wenn Sie drei Spieltage haben, die völlig unproblematisch wahrgenommen werden, werden die Schiedsrichter nicht thematisiert. Dass Schiedsrichter gut sind, wird erwartet. Wenn Sie hingegen ein, zwei schlechte Spielleitungen haben, sind die deutschen Schiedsrichter die schlechtesten der Welt. Wir müssen damit leben, dass wir nicht mit Lobeshymnen überschüttet werden. Das größte Lob für Schiedsrichter ist es, wenn sie keine Erwähnung finden.

Die Fragen stellte MM-Redakteur Thomas Zapp

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