Hunde als "Türöffner"

Heim für Demenzkranke arbeitet mit tiergestützter Therapie

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Streicheln, festhalten, bürsten: Mit den kleinen Hunden könne auch Beweglichkeit und Koordination trainiert werden.

Streicheln, festhalten, bürsten: Mit den kleinen Hunden könne auch Beweglichkeit und Koordination trainiert werden.

Foto: Foto: Serge Cases
Streicheln, festhalten, bürsten: Mit den kleinen Hunden könne auch Beweglichkeit und Koordination trainiert werden. Zuneigung, Nähe, Berührung - auch zur Befriedigung dieser Grundbedürfnisse leisten die Hunde einen Beitrag. "Und sie urteilen niIm Therapiesaal der Gruppe.

Teilnahmslos sitzen zehn Demenz-Patienten im Therapiesaal. Die meisten haben einen leeren, verlorenen Gesichtsausdruck, einige schauen grimmig drein. Niemand spricht. Plötzlich flitzt ein kleiner Wirbelwind in den Raum. Es ist Cel, ein einjähriger Chihuahua. Fröhlich rennt er auf die Gruppe zu, springt dem einen auf den Schoß, gibt dem anderen ein Hundeküsschen. Schwanzwedelnd huschen zwei weitere Chihuahuas durch die Tür, gefolgt von einer Shih-Tsu-Hündin. Im Nu kehrt Leben in die Gruppe zurück.

Wo eben noch starre Blicke waren, beobachten jetzt aufmerksame Augen die kleinen Vierbeiner. Es ist Montagmorgen auf Mallorca. Im Pflegeheim für Demenzkranke Oms in Palma beginnt die Therapie mit Hunden. Jede Stunde wird von einer Psychologin, Physiotherapeuten und dem Hundetrainer begleitet.

Es gehe darum, erläutert die Psychologin Antonia Fontanet, auf spielerische Weise die kognitiven Fähigkeiten und die Motorik der Patienten zu trainieren, ihre Interaktion in der Gruppe zu fördern und positive Emotionen hervorzurufen. Am Anfang steht eine ausgiebige Begrüßung, verbunden mit viel Streicheln und Denkaufgaben. "Das hier ist Cel, und wie heißt dieser Chihuahua, Manuela?", fragt Antonia Fontanet. "Susi?", "Prima, und welche Farbe hat Susis Fell?" "Creme", "Super!"

Nun kommen Übungen für Beweglichkeit und Koordination an die Reihe: Schals umbinden, Schleifen anstecken, Hindernisse halten - über die die Hunde laufen sollen - Gassi gehen, bürsten. Immer wieder bestätigen und animieren die Therapeuten ihre Patienten. Die Tiere seien ein Türöffner, erklärt die Heimleiterin Marga Roser. Vielen Demenzkranken fehle die Motivation für herkömmliche Therapien, sie lebten in ihrer eigenen Welt, würden apathisch. Doch sobald ein Hund im Spiel sei, machten sie mit.

"Manila und Leonardo zum Beispiel haben sehr steife Hände und sperren sich gegen Übungen, aber die Hunde möchten sie gerne streicheln und bürsten. Da geben sie sich alle Mühe, ihre Hände zu öffnen." Heimbewohnerin Manuela wolle partout nicht laufen, aber wenn es darum gehe, den Shih Tsu an der Leine zu führen, stehe sie auf.

Die Direktorin deutet auf eine Dame, die gerade laut lachend die kleinen Chihuahuas auf ihrem Hindernis-Parcours anfeuert: "Das ist Paquita. Sie hat sonst immer schlechte Laune, spricht mit niemandem und nimmt an nichts teil. Hier ist sie wie ausgewechselt." Eine andere Dame sei den ganzen Morgen aggressiv gewesen und habe geschrien. Jetzt sitzt sie entspannt da, hält lächelnd das Chihuahua-Mädchen Aila auf ihrem Schoß und streichelt es.

Zuneigung, Nähe, Berührung, Spielen, auch Verantwortung übernehmen, dies seien wichtige Grundbedürfnisse des Menschen, welche die Hunde bei den Demenzkranken ansprechen, meint Marga Roser. "Dabei stellen die Hunde keine Anforderungen oder urteilen, wie wir Menschen das machen", fügt der Hundetrainer Clemente Dorado hinzu. "Sie geben ihre Liebe spontan und bedingungslos."

Die Hunde sind lebhaft, aber sehr geduldig. Cel muckt nicht, als Leonardo ihn an der Hinterpfote quer über den Tisch zieht. Shih Tsu Kika lässt sich ohne jeglichen Protest wie ein Weihnachtsbaum mit Schleifen zustecken. Die Hunde freuten sich auf die Arbeit, meint Dorado. "An den Therapietagen warten sie immer schon morgens in den Transportboxen auf mich."

Dorado behandelt auch Menschen mit Autismus mit Hilfe von Hunden. Die Voraussetzung zur Teilnahme an der tiergestützten Therapie sei, dass die Patienten Hunde mögen und auf andere nicht-medikamentöseTherapien nicht ansprechen, sagt die Heimleiterin. Sie würden die Therapie gerne ausweiten, denn die Wirkung überzeuge. Verbesserungen der kognitiven Fähigkeiten und Motorik seien nachhaltig. Die gute Stimmung der Patienten halte zwar nicht die ganze Woche, aber noch einige Zeit nach Ende der Hunde-Therapie an.

Auch im Therapeutenteam leisteten die Vierbeiner gute Arbeit. Zwei Physiotherapeutinnen hätten früher Angst vor Hunden gehabt. Die Phobie sei geheilt und eines der Mädchen habe sich sogar einen Hund angeschafft. Bislang dienen auf Mallorca Hunde nur vereinzelt als Medium zwischen Therapeut und Patient. Auf dem spanischen Festland, besonders in Barcelona, setzt man schon länger Hunde in Krankenhäusern ein, vor allem zur Behandlung von Krebs- und Traumapatienten.

 

 (aus MM 11/2014)

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Inselfreund / Vor über 4 Jahren

sehr trauriges Thema, aber trotz allem finde ich es sehr gut was da gemacht wird! auch kleine Schritte zur Erhaltung einer gewissen Lebensqualität, sind Schritte in die richtige Richtung!