Als an Mallorcas Es-Trenc-Strand die Pferde badeten

| Colònia de Sant Jordi, Mallorca |
Galopp am menschenleeren Es-Trenc-Strand in den 1960er Jahren.

Galopp am menschenleeren Es-Trenc-Strand in den 1960er Jahren. Familienarchiv Ellen Sader

Galopp am menschenleeren Es-Trenc-Strand in den 1960er Jahren.Verbrachten ihre Kindheit und Jugend auf Mallorca: Ellen Sader, geborene Probst (l.), ihr Stiefbruder Dietrich "Dieter" BrunhubeKarl-Heinz "Charly" Probst mit Ehefrau Paula in ihrem Reiterhotel 1962Dieter Brunhuber arbeitete in der Bar der Ranch.

Die Dünen, der weiße Sand, das karibischtürkise Wasser. Die Playa von Es Trenc, den nahezu letzten verbliebenen Naturstrand auf Mallorca, kennen viele Deutsche, bezeichnen ihn gar als ihren Lieblingsstrand. So besitzt der Sandstreifen zwischen Colònia de Sant Jordi und Ses Covetes im Süden von Mallorca - als absolutes Kontrastprogramm zur Playa de Palma - eine unübersehbare Fan-Gemeinde. Sie ist so riesig, dass die Balearen-Regierung in Zeiten des überbordenden Massentourismus zur Bewahrung des Strandes mit Zugangssperren wie etwa der Schaffung eines Naturparks sowie der Reduzierung von Autostellplätzen experimentiert.

Doch wie war das mit jenem Strand, als er begann, in das Blickfeld des Tourismus zu geraten? Noch dazu des geradezu naiven Tourismus der ersten Stunde? Eine Ahnung davon stellt sich ein, wenn Ellen Sader ihre Familienalben aufschlägt. Fotos aus den 1960er Jahren, die allermeisten in Schwarz-Weiß, zeigen ein Colònia de Sant Jordi und einen Es-Trenc-Strand, wie man ihn sich heute nur noch schwerlich vorstellen kann. Da galoppierten die Feriengäste auf Pferden an der Wasserlinie entlang. Da preschte ihr Vater auf einem Rappen zwischen Mandelbäumen über die staubige Auffahrt der Finca an der Küste. "Da haben wir nach dem Ausreiten die Pferde im Meer gebadet. Das mochten die besonders gerne."

Ellen ist zwei Jahre alt, als sich ihr Vater Karl-Heinz Probst 1959 auf Mallorca niederlässt. Der Kölner, ein ehemaliger Polizist und Soldat, Jahrgang 1914, war erst spät aus der Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Er heiratet 1954 eine Witwe und Mutter dreier Kinder. Als eine der Töchter in Sant Llorenç als Au-Pair Spanisch lernt, reist die Familie nach. Auf Mallorca gefällt es Karl-Heinz Probst, den bald alle Welt nur noch "Charly" nennen wird, so gut, dass er Zukunftspläne auf der Insel schmiedet.

"Über den dicken Rudi vom Tirol, der damals alles und jeden auf Mallorca kannte, konnte Charly dann zunächst als Reiseleiter in Sóller und bald darauf als Betreiber der Pension ,Paris-Roma' in Palma anfangen", erinnert sich sein Stiefsohn Dieter Brunhuber. Denn schon damals war es für die mallorquinischen Eigentümer wichtig, einen Manager zu haben, der die Gäste in ihrer eigenen Muttersprache betreuen kann. Offenbar stellte sich Charly Probst tüchtig an, denn bald darauf kam er in Kontakt mit dem Marqués de Palmer, einem Adeligen, dessen Vorfahren einst den gesamten Süden der Insel ihr Eigen nennen konnten, bevor die Großväter des Junkers die meisten Ländereien im noblen Club Mallorquín beim Kartenspiel verloren. Der Marqués besaß indes noch ein Agrargut zwischen dem Kernort Colònia de Sant Jordi und den Salinen im Westen. Die Finca brachte ihm als "Hostal de los Estanques" eine Pacht ein. Für eben dieses Hostal engagierte der Mallorquiner nun den Deutschen als Betreiber.

Zu jener Zeit hatte Dieter Brunhuber in Köln seine Lehre als Koch abgeschlossen. Der 17-Jährige folgt dem Ruf seines Stiefvaters, um fortan die Gäste zu versorgen, erst als Koch, und dann - viel interessanter für ihn - als Barkeeper.

Das ehemalige Hostal de los Estanques liegt noch heute weitgehend unverändert an der Avinguda Primavera am westlichen Ende von Colònia de Sant Jordi. Das Herrenhaus mit dem historischen Glockenturm über dem Eingangstor wirkt wie ein altertümliches Relikt zwischen all den modernen Hotelburgen wie etwa dem "El Coto" oder dem "Marqués de Palmer" am Ende der Wendeplattform.

Damals muss das Hostal, das, von ein, zwei Gebäuden abgesehen, in einer absolut unbebauten Landschaft lag, überwältigend auf die deutsche Familie gewirkt haben. Charly, Ehefrau Paula, die Kinder im hohen Teenageralter und die kleine Ellen, sie ließen sich dort zwischen dem Meer und den Salinen, dem Es-Trenc-Strand und dem winzigen Kernort, damals auch "Puerto Campos" genannt, nieder. Das Hostal mit einen 18 Zimmern nahm am 1. April 1960 den Betrieb auf.

Charly, ein leidenschaftlicher Reiter, erkannte das Potenzial des Agrargutes auf einen Blick: 1961 schaffte er zwei Pferde an, ihre Anzahl stieg dann rasch auf 16. Daneben gestaltete er Broschüren über sein "Reiterhotel", die er eigenhändig in Reisebüros im Ballungsraum von Nordrhein-Westfalen verteilte. "Wir hatten jeweils von April bis Ende Oktober geöffnet, ritten mit den Gästen aus, veranstalteten zwei- bis dreimal die Woche Barbecues", erzählt Dieter Brunhuber.

Seine 15 Jahre jüngere Schwester flankiert: "Die Leute kamen zum Reiten, zum Essen und zum Trinken." Das Leben auf "Charlys Ranch" scheint für die Gäste eine einzige Party gewesen zu sein, an der sich der Nachwuchs des Managers maßgeblich beteiligte. Es gibt Aufnahmen von Ellen Sader als kessen Backfisch, wie sie im Bikini den Pferden Futter gibt. "Ich bin immer geritten und geschwommen", sagt die polyglotte Touristikerin mit Blick auf ihre Jugend in freier Natur.

Charly selbst blieb 15 Jahre im Hostal de los Estanques. Dann schickte er die junge Tochter auf Hotelfachschulen in Bayern und in der Schweiz. Er selbst und seine Frau übernahmen die Leitung einer Pension in Oberstdorf.

Colònia de Sant Jordi selbst hatte sich damals bereits stark gewandelt. Nachdem der Schweizer Alfred Erhart 1966 die ehemalige Getreidemühle, die dem Marqués de Palmer als Restaurant und als Wohnhaus diente, übernahm und dort gemeinsam mit dem Adligen das heutige "Universal Hotel Marqués" eröffnete, entstanden dort auf dem unberührten Küstenstreifen mehr und mehr Übernachtungsbetriebe und Apartmentanlagen.

Für Charly indes schrumpften die Gewinnmargen, je mehr die Betriebskosten für das kleine Hostal stiegen. Der Umbruch erfolgte in den frühen 1970er Jahren, erinnert sich Dieter Brunhuber. "Das war, als der Individualtourismus immer stärker vom Massentourismus verdrängt wurde."

(aus MM 52/2017)

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