Rebellion gegen die Gleichmacherei

„Risikozonen“: Elf internationale Künstler zeigen aufrüttelnde Werke im La Caixa Forum. Noch bis 10. Januar

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Die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Stiftung La Caixa besteht aus rund 800 Werken aus den vergangenen dreißig Jahren. Es sind Künstler unterschiedlicher Herkunft und Generation. Als Gesamtheit ist die Sammlung als Reflektion unserer Welt angelegt. So sind Arbeiten verschiedener Stilrichtungen und Disziplinen vorhanden: Minimalismus, arte povera, Expressionismus und – aus den 80er Jahren – Skulpturen.

Sehr oft wurden Werke aus den Anfängen des jeweiligen Künstlers angekauft. Man will der Entwicklung der zeitgenössischen Ästhetik folgen, um den Geist der Sammlung offen und innovativ zu präsentieren.

Aus diesem Grund gibt die Colección de Arte Fundación La Caixa einen Einblick in das zeitgenössische Kunstgeschehen. Die Sammlung war – in Teilen – bereits in Peking, Warschau, Bukarest und Lissabon zu sehen. Und natürlich in den verschiedenen La-Caixa-Zentren in Barcelona, Madrid, Lleida, Tarragona und immer wieder in Palma.

Die jetzige Ausstellung „Zonas de riesgo“ (Risikozonen) im La Caixa Forum des Gran Hotels zeigt eine Auswahl von neuen Arbeiten von elf, meist jungen, internationalen Künstlern. „Fast alle Werke entstanden nach 2001, ein Jahr, das eine neue politische Ordnung in der Welt nach sich zog. Das zeigt sich auch in der Kunst“, sagt die Kuratorin Nimfa Bisbe. Im Bewusstsein öffentlicher Funktion gehört es fast zu den Pflichten der Künstler, Verletzlichkeit, Angst, Isolation, wirtschaftliche Unsicherheit und die Furcht vor Globalisierung als Gleichmacherei und soziale Ungerechtigkeit durch provokative und rebellische Kunst sichtbar zu machen. Dazu nutzen Künstler heutzutage unterschiedliche Disziplinen wie Video, Videoinstallation, Fotografie oder eine Kombination aus Fotografie und Malerei.

Und sie stellen Fragen. Wie etwa Alicia Framis (Barcelona 1967). Sie zeigt eine Rauminstallation mit dem Titel „Welcome to Guantánamo Museum”. Kann man den Schrecken dieses Gefängnisses als Museum für Betrachter sichtbar machen? Framis zeigt den unterschiedlichen „Fortschritt“ beim Bau der Baracken, zeigt einen elektrischen Stuhl, kleiner als ein Kinderspielzeug, zeigt, wie der Mensch der Anonymität ausgeliefert ist. Besonders beeindruckend ist die per Audiofon vermittelte Namensliste der Häftlinge, die so eine Art von Identität erhalten.

Immigration und das damit verbundene Ausgeliefertsein an die Fremde, an die (vielleicht falsche?) Hoffnung ist das Thema von Adrian Paci (Albanien 1969). Er zeigt ein Video einer vollen Gangway – ohne Flugzeug. Immer mehr Menschen wollen diese Treppe besteigen, aber die Maschinen landen und starten ganz woanders. Von den Wartenden nimmt keiner Kenntnis.

Die Kolumbianerin Doris Salcedo (1958) verfremdet ganz normale Gegenstände des Alltags in etwas Verstörendes. Schränke sind zugemauert, Tische werden zu Barrieren. Sie werden damit zu reinem Material und zum Zeugnis eines Lebens in Armut, das kein Leben mehr ist.

Die Arbeit „Turbulence“ von Shirin Neshat (Iran 1957) wurde 1999 auf der Biennale von Venedig prämiert. Zwei Videos zeigen je einen Mann und eine Frau bei muslimischen liturgischen Gesängen. Die Stimme des Mannes ist durchdringend und laut, er hat Publikum und Anhänger. Die der Frau ist stumm, keiner hört sie, keiner sieht sie, auch ihr Gesicht ist unsichtbar.

Skylines in Porzellan – gefertigt nach uralten Techniken – ist eine Arbeit der Chinesin Liu Jianhua (1962). Shanghai, Peking, Shenzhen Guangzhou – alles Millionenstädte, deren Profil sich in nichts voneinander unterscheidet, als Endlosschleife.

Die Videoinstallation des Franzosen Stephen Dean (1968) lässt an Elias Canettis „Masse und Macht“ denken. Ist es die rhythmische, die stampfende oder die Fluchtmasse? Für Stephen Dean ist es ein einziges farbiges, grafisches Gebilde, in ständiger Bewegung, in großer Dichte. Es sind Menschen in einem Fußballstadion: Sie singen, tanzen, schreien und entwickeln dabei eine eigene Choreografie. Der Verlust der Individualität wird durch die Fahnen, die den Blick verstellen, verstärkt.

Die Ausstellung im Gran Hotel ist verstörend. Und aufrüttelnd. Wer sie sehen möchte, sollte sich Zeit nehmen. „Zonas de riesgo“ La Caixa Forum, Gran Hotel, Palma, Plaça Weyler. Geöffnet bis 10. Januar

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