Freilichtmuseum Mallorca

An den neuen Straßen findet eine alte Tradition ihre Fortsetzung: Skulpturen säumen die Trassen. Obwohl auch große Künstler verpflichtet wurden, ist die Qualität einiger Arbeiten umstritten

Die neu ausgebaute Schnellstraße nach Manacor ist das beste Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum auf Mallorca. Hier wechseln die Exponate – wie an anderen Standorten auch – zwischen hochwertiger Kunst wie den Skulpturen des spanischen Bildhauers Miquel Ginard, genannt „Sarasate”, mit zweifelhaften Werken wie einigen aufgepoppten Landmaschinen.

Die ganze Insel ein einziges Freilichtmuseum? Viele lächeln über die zahlreichen Skulpturen, die in den vergangenen Jahren vor allem in den Straßenkreiseln aufgestellt wurden. Andere sind begeistert, sprechen vom sichtbaren „Kunststandort Mallorca”.

Es gab einen regelrechten „Skulpturenboom”, seit Fernverkehrsstraßen und Autobahnen verlängert, verbreitert und erweitert wurden: Palma – Inca, Palma – Manacor, Arenal – Llucmajor, Palmanova – Peguera und der Ausbau der Straße nach Valldemossa bis zur Universität. Auch wenn es zuvor schon Kunst auf der Straße gab, wie etwa die Skulptur von Gloria Mas in Palma an der Ausfahrt nach Sóller oder die „Zahlen” an der Promenade zwischen Illetas und Santa Ponça, die allerdings von der Gemeinde Calvià erworben wurden.

Die Auftraggeber für die „Kunst am Straßenbau” sind sonst – je nach Zuständigkeit – die Landesregierung der Balearen oder der Inselrat Mallorca. Deren Vertreter wählen die Werke aus. In einigen wenigen Fällen waren auch die Baufirmen am Kauf beteiligt. Nur selten wurden die Preise öffentlich gemacht. Soweit bekannt, liegen sie zwischen 10.000 und 140.000 Euro.
Fast alle Skulpturen wurden und werden über bewährte Galerien der Insel erworben: Pelaires, Altair, Galería Maior, Xavier Fiol. Selten gibt es Käufe bei Künstlern direkt.

Unter den Künstlern, deren Arbeiten die Autofahrer nun täglich begegnen, sind renommierte Namen: Sarasate, Carlos Valverde, Santiago Picatoste, Pep Canyelles, Amador, Melchior Mascaró, José Zugasti, Ben Jakober, Aligi Sassu. Fast immer sind es mallorquinische Künstler oder solche, die auf der Insel leben, wie Sassu, Jakober oder auch Rolf Schaffner.

Autofahrern, die in der Kunstszene der Insel nicht bewandert sind, wissen nur selten, welche Skulptur welchem Künstler zuzuordnen ist, manchmal gibt es nicht mal eine Hinweistafel oder Plakette.

Einige der Skulpturen sind „nur” abstrakte Kunst, andere haben thematisch mit Mallorcas Kultur oder Geschichte zu tun, wie etwa die Skulpturen am Kreisel der Inca-Autobahn bei Consell und an der Manacor-Straße bei Algaida. Dort werden der Inca-Traditionsmarkt „Dijous Bo” bzw. die traditionelle Tanzgruppe der „Cossiers” dargestellt.

Schon bei Ankunft am Flughafen wird dem Mallorca-Besucher seit 1999 Straßenkunst präsentiert. Die 15 Meter hohe Skulptur „Anfora” ist eine Arbeit von Ben Jakober und seiner Frau Yannik Vu, für das Künstlerehepaar eine Hommage an den Mittelmeerraum.

An der Vía de Cintura ist eine weitere Skulptur dieser Serie zu sehen, die auf den Arbeiten des florentinischen Künstlers Paolo Ucello (um 1493) beruht. Mit Hilfe von Computerbildern haben Jakober und Vu seine Skizzen in zeitgenössische Kunst umgewandelt. Bei Port d'Alcúdia präsentieren sie den „Knoten des Leonardo”. Ebenfalls in Alcúdia zieht das brandrote Pferd des italienischen Künstlers Aligi Sassu seit Jahren Aufmerksamkeit auf sich. Sassu lebte von 1962 bis zu seinem Tod im Jahre 2003 auf Mallorca.

Der Festlandsspanier Miguel Sarasate ist mit Skulpturen bei S'Aranjassa und im Polígono Son Castelló präsent; eine weitere steht bei Sant Llorenç. Sie war ein Geschenk des Künstlers an die Gemeinde. Die bisher größte Skulptur der amerikanischen Künstlerin Betty Gold wurde erst vor wenigen Wochen an der neuen Autobahnzufahrt Sa Pobla installiert: Das weiße Werk „Velas I” (Segel) ist mehr als acht Meter hoch und sechs Meter breit.

Eine der längsten und aufwendigsten Skulpturen steht an der Autobahn vor Inca, eine Arbeit des japanischen Künstlers Keiji Kawashima, die aus etwa 15.000 Metern dickem Eisendraht besteht. Fast zeitgleich zur Einweihung im Oktober 2005 waren seine Arbeiten im Casal Solleric zu sehen.

Eisenskulpturen des mallorquinischen Künstlers Pep Canyelles sind schon seit Jahren im Garten des Gebäudes „La Misericòrdia” zu sehen, nun auch bei Sant Llorenç. Die neuesten Erwerbungen sind Arbeiten von Carlos Valverde an der Autobahn Arenal – Llucmajor, Santiago Picatoste am Ortseingang von Llucmajor, Melchior Mascaró bei Manacor, Amador an der Valldemossa-Straße. Die Aufstellung weiterer Skulpturen bei der Universität, an den Autobahnen Palmanova – Peguera und Palma – Inca sind vorgesehen, andere in Planung. Der Skulpturenboom ist noch lange nicht vorbei.

Mabel Cabrer, Bauministerin der Balearen, hält die Skulpturen „auf der Straße für eine hervorragende Möglichkeit für die Begegnung zwischen Bürgern und Kunst”.

Die Künstler selbst stehen der Angelegenheit kritisch gegenüber. Der Verband der Bildenden Künstler der Balearen hat deshalb im Frühjahr 2006 einen offenen Brief sowohl an Mabel Cabrer als auch an den balearischen Kulturminister Francesc Fiol verfasst, in dem sowohl mehr Transparenz bei Auswahl und Zuschlag der Kunstwerke als auch ein größeres Mitspracherecht der Künstler gefordert wird. Biel March, Präsident des Verbandes, wünscht ein politisch unabhängiges, kunstverständiges, fachgerechtes Gremium.

Die balearische Oppositionspartei EU–Els Verds fordert im Zusammenhang mit Kunst in der Öffentlichkeit, dass „Steuergelder nicht verpulvert werden”. Auch Kunst könne Umwelt zerstören. Bei einem Treffen zwischen Vertretern der Ministerien für Bau und Kultur einerseits sowie dem Künstlerverband andererseits kam es bislang zu keiner Einigung. Die Galeristenverbände für Palma und die Balearen halten sich bedeckt. Für sie sind Inselrat und Regierung schlicht „Kunden wie andere auch”.

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