Späte Ehre für einen guten Freund

„Die Insel des zweiten Gesichts”: Palma erinnert an den deutschen Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen, der von 1931 bis 1936 auf Mallorca weilte. Gedenktafel wird am 15. April enthüllt. Delegation aus Viersen

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Albert Vigoleis Thelen (1903-1989), der Schriftsteller und Übersetzer ist bis heute „der große Unbekannte der deutschen Literatur”. Das schrieb Jürgen Pütz, der als derzeit bester Thelen– Kenner in Deutschland gilt. Er hat über Thelen promoviert und zwei Bücher über ihn publiziert. Thelen blieb weitgehend unbekannt, obwohl sein Roman „Die Insel des zweiten Gesichts” als eines der großen literarischen Werke des 20. Jahrhunderts gilt.

Doch das soll sich nun ändern: In Palma wird am 15. April offiziell eine Gedenkplakette enthüllt, die, unweit der von Thelen gemieteten Wohnung in der Altstadt, an die Lebensjahre des Schriftstellers auf Mallorca erinnern wird. Der spanische Thelen-Experte Germà García i Boned frohlockt: „Es war an der Zeit. Thelen hat sich um die Insel verdient gemacht, und man hat es ihm nie gedankt.”

Mit einer unnachahmlichen sprachschöpferischen Fabulierlust verarbeitet Thelen in seinem Meister-Roman die Jahre, in denen er von 1931 bis 1936 auf Mallorca lebte. Dabei machte ihn das Buch bei Ersterscheinung im Jahr 1953 im kleinen Kreis berühmt. Thelen selbst sagte dazu: „Ich schreibe, wie die Hand mich führt.”

Das Buch bescherte dem damals schon 50jährigen Debütanten den Fontane–Preis als Ehrung. Es ist ein bitterböser und humorvoller Schelmenroman. Thelen schildert das heute bereits vertraute Mallorca deutscher Touristen: „Im Städtchen lärmte bereits das Herrenvolk”, schrieb er. Siegfried Lenz und Paul Celan lobten das Buch gleichermaßen; Konrad Adenauer soll es ebenso gelesen haben wie Thomas Mann und Martin Walser. Bei Thelens Auftritt bei der damals tonangebenden „Gruppe 47” erntete er wenig Verständnis für seine Sprach–Opulenz.

Hans–Werner Richter sprach von „Emigrantendeutsch”. Thelen selbst soll dazu gesagt haben: „Meine Sprache ist gerade dadurch, dass ich Deutschland verlassen haben, reicher geworden.” Und wirklich – man findet kaum ein Werk dieser sprachlichen Vielschichtigkeit. Thelen war ein Worte–Sammler und riskierte auch Wortneubildungen, zum großen Vergnügen seiner Anhänger. Dazu Siegfried Lenz: „Der Philologe Vigoleis bereichert sie (seine Prosa) sogar mit der Entlehnung von Fachausdrücken aus der Nudelindustrie.”

Später wurden Autor und Buch schnell vergessen. Zu Unrecht, wie viele finden. „Es soll Linke geben, die Urlaub auf Mallorca machen, ohne den 900–Seiten Roman im Gepäck zu haben”, schrieb Günter Platzdasch in einer Würdigung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers. Und man sollte das Buch wirklich in der Tasche haben, sei es auch nur zum reinen Vergnügen.

Auf Mallorca verdingten Thelen und seine schweizerische Frau Beatrice sich eine Weile als Fremdenführer: „Für die Kathedrale ist eine halbe Stunde vorgesehen. Ich bitte die Gruppe, erst einmal den kolossalen Raum auf sich wirken zu lassen. Alle tun das, die Hälse recken sich wie bei Hühnern, über denen der Habicht schwebt. ,Einfach kolossal!* – ,Nicht wahr?* Dann kommt die erste Frage: warum die Säulen, die das Mittelschiff tragen, nach innen leicht geneigt seien? Verdammt, das hatte ich noch nie bemerkt, sie stehen tatsächlich schief. Der Turm von Pisa blitzt durch mein Hirn, kann ich mit dem hier was anfangen? Eine partielle Inklination? – und da bringe ich erst einmal den Zimt, der immer weiterhilft: ,Ihre Frage ich wichtig und zeugt von einem ungewöhnlichen Kombinationsvermögen. Vermutlich sind Sie Kunsthistoriker und werden als solcher eigene Wege gehen. Der junge Mann bejaht, da muss ich auf der Hut sein.”

Thelen wird am 28. September 1903 als Sohn katholischer Eltern in Süchteln bei Viersen geboren. Er absolviert ein humanistisches Gymnasium, macht eine Schlosserlehre, wird technischer Zeichner und Schüler der Textilfachschule in Krefeld und studiert schließlich in Köln Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. 1928 lernt er seine spätere Frau und Muse Beatrice kennen. 1931 bis 1936 dann Mallorca, das er mit Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges wieder verlassen muss: Beatrice und er fliehen vor den spanischen Falangisten und den deutschen Nationalsozialisten über Frankreich in die Schweiz. Zwischen 1939 und 1947 leben die Thelens im Norden Portugals auf dem Landgut des Mystikers Teixera de Pascoaes, dessen Schriften Thelen übersetzt und kommentiert.

Ab 1947 dann Wohnsitz Amsterdam. In dieser Zeit wird Thelen nach und nach zum Außenseiter der Literatur. Als sein in Holland spielender Roman „Der schwarze Herr Bahßetup” 1956 vom Verleger in den Ramsch gegeben wird, zieht sich „Don Vigo” aus der literarischen Öffentlichkeit zurück. Er schreibt zwar unermüdlich weiter, publiziert jedoch kaum etwas und gilt praktisch als verschollen.

Zwischen 1960 und 1973 leben Vigoleis und Beatrice als Verwalter auf einem schweizerischen Landgut, 1962 war ihm eine Rente als Verfolgter des Naziregimes bewilligt worden. Später kommen trotz allem auch Ehrungen, etwa die Verleihung des Professorentitels des Landes Nordrhein– Westfalen 1984 und das Bundesverdienstkreuz 1985. Ein Jahr später übersiedelt das Ehepaar auf Kosten der Stadt Viersen in das Dülkener Seniorenheim St. Cornelius. Dort stirbt Thelen am 9. April 1989. Thelen bezeichnete sich selbst häufig als „Meister der verpassten Gelegenheiten”, als „Oberunglücksvogel und Erzweltschmerzler”.

„Glücklichsein ist eine Kunst”, hat er geschrieben. „Die wenigsten Menschen beherrschen sie. Wirklich glückliche Menschen sind so selten wie Christen, die an Gott glauben.”

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