Billig, billiger, am billigsten. Fliegen, schon lange kein
Privileg der Wohlhabenden mehr, wird jetzt so günstig, dass ein
Ausflug per Jet oft weniger kostet als die Fahrt ins Blaue mit dem
eigenen Pkw. Die neuen Billig-Flieger, Low-Cost-Carrier,
No-Frills-Airlines machen's möglich.
Als erste Fluggesellschaft bietet Germania seit einer Woche auch
Verbindungen nach Mallorca mit diesem Konzept an. Ein Flug von
Berlin nach Palma kostet 55 Euro, der Hin– und Rückflug 110 Euro.
Auf allen Plätzen, zu allen Terminen, nicht, wie bei Billigfliegern
üblich, mit unterschiedlichen Tarifen je nach Auslastung. Und im
nächsten Jahr, das kündigt Geschäftsführer Mustafa Muscati bereits
an, soll das Streckennetz ausgeweitet werden: „Wir werden im
Norden, Süden und Westen vertreten sein” .
Germania, bislang auf den Strecken zwischen Deutschland und
Mallorca ausschließlich im Vollcharter unterwegs, das heißt, es gab
keine Flugtickets zu kaufen, muss nicht der einzige Billigflieger
bleiben, der Palma ins Visier nimmt. Easy-Jet, Ryan-Air, Hapag
Lloyd Express, Deutsche BA, Germanwings und möglicherweise Virgin
Express wollen den deutschen Flugmarkt aufmischen – und dabei die
klassischen „Rennstrecken”, also Verbindungen mit hohem
Passagieraufkommen wie die nach Mallorca, genau analysieren.
Sensationsangebote wie nach London, wo man etwa ab Hahn schon
für 19 Euro hinkommt oder bei Ryanair gleich ganz kostenlos
(lediglich Steuern und Gebühren sind fällig), die wird es nach
Mallorca aber voraussichtlich nicht geben. Denn der klassische
Billigflieger hat vor allem da Kostenvorteile, wo er
Ausweichflughafen nutzen kann. So geht es nicht von Frankfurt
Rhein-Main nach London Heathrow, sondern von Hahn im tiefen
Hunsrück nach London Stansted – von wo aus das Taxi in die City
locker mehr kostet als der ganze Flug.
Auf den Mallorca-Strecken, erklärt Air-Berlin-Chef Joachim
Hunold, „ist unser Angebot ab Deutschland schon so breit, dass wir
die Konkurrenz nicht scheuen”. Da auch der Ferienflieger „sehr
günstig produziere”, könnten seine Preise nicht wesentlich
unterboten werden, „und die Kunden werden es sich überlegen, ob sie
wegen eines zehn Euro günstigeren Tickets einen 100 Kilometer
weiteren Anfahrtsweg zum Flughafen in Kauf nehmen”.
Auf Mallorca haben die Fluggesellschaften keine Wahl, wie Pablo
Caspers, Geschäftsführer von L'tur España analysiert: Sie müssen
auf dem Aeropuerto Son Sant Joan starten und landen. Der wiederum
hat keine Veranlassung, den Billig-Fliegern Kostenvorteile
einzuräumen, wie das etwa Hahn oder Stansted tun, um Verkehr
anzulocken. Zumal auch die bereits etablierten Carrier im Zuge der
Gleichbehandlung diese Rabatte fordern würden.
Gegen die etablierten Fluggesellschaften haben die
Billig-Flieger in der Regel erhebliche Kostenvorteile zum Teil
allein deswegen, weil sie jüngere Unternehmen sind: Da gibt es
keine Gewerkschaften, keine langjährigen Mitarbeiter mit
entsprechend hohen Gehältern. Auf den Strecken nach Mallorca müssen
sie sich mit einer Air Berlin messen, die selbst erst zehn Jahre
alt ist, und „eine Kostenstruktur wie ein Billigflieger hat”, wie
Joachim Hunold betont und auch einige Konkurrenten neidvoll
anerkennen. Der geschäftsführende Gesellschafter gibt sich denn
auch kämpferisch: „Wir werden uns die Butter nicht vom Brot nehmen
lassen.”
Zumindest die Hapag Lloyd Express wird sich aus einem ganz
anderen Grund nicht ins Mallorca-Geschäft stürzen: Der
Billigflieger aus dem TUI-Konzern soll der hauseigenen, etablierten
Marke Hapag-Lloyd in deren Stammgeschäft keine Konkurrenz machen.
Bei dieser Strategie bleibt es auch, wie Unternehmenssprecher
Herbert Euler bekräftigt.
Ein ähnliches Vorgehen kann man bei Germanwings erwarten. Der
neue Billigflieger ist eine Tochter der Eurowings, an der die
Deutsche Lufthansa mit 24'9 Prozent beteiligt ist. Die LH hält sich
in der Öffentlichkeit zurück und tut so, als hätte sie mit der
Germanwings nichts zu tun. Aber als 50-Prozent-Eigner des
Reisekonzerns Thomas Cook AG hat sie ein großes Interesse daran,
dass der gleichnamige Charter-Carrier, der bis vor kurzem noch
Condor hieß, nicht in einen möglicherweise ruinösen Konkurrenzkampf
getrieben wird.
Besonders apart ist deshalb die Tatsache, dass ausgerechnet die
Germania damit anfängt, Mallorca-Flüge à la billig aus Deutschland
anzubieten. Denn die Airline stellt die Flugzeuge für Hapag Lloyd
Express, zunächst vier, im nächsten Jahr noch einmal so viele. „Es
gibt die Meinung, dass in den Verträgen mit der Germania hätte
verhindert werden müssen, dass die uns Konkurrenz machen”,
formuliert Herbert Euler, der als für den gesamten TUI-Konzern
spricht.
Allerdings nicht unbedingt bei diesem Thema, denn wie das Hapag
Lloyd und die TUI-Reiseveranstaler finden, muss man „schon mit
diesen selbst besprechen”. Wolfgang Hubert, Sprecher des
Ferienfliegers, „sieht das nicht fröhlich”.
Kein Wunder: Den deutschen Charterfliegern war es gerade
gelungen, einige der reichlich vorhandenen Überkapazitäten im Markt
abzubauen. LTU ist auf Sanierungskurs, Aero Lloyd hat ein bisschen
abgespreckt, Thomas Cook / Condor stellt in diesem Winter wegen der
schlechten Nachfrage sechs Flieger in der Wüste ab. Und da kommen
die Billigflieger – mit „Einstiegsangeboten” genannten Kampfpreisen
– denkbar ungelegen.
Für die Reiseveranstalter stellt sich zudem noch eine ganz
andere Frage: Wie sieht die Zukunft der Pauschalreise aus? Zurzeit
gerade ein Modethema der Branche, sieht Roland-Berger-Berater
Philipp Goedeking in der Fachzeitschrift „Touristik Report” die
„Beschleunigung der Pauschalreise” voraus. Was so viel bedeutet wie
das Ende der klassischen Kataloge, damit ständig aktuelle Preise
gemacht werden können. Schließlich liegt in Zeiten ausreichender
bis zu hoher Kapazitäten das Dilemma in der Frage, wie man
Restplätze verkauft.
Bislang lösen das die klassischen Reiseveranstalter über
Last-Minute-Kanäle, wo sie ein an sich wertvolles Produkt zu
Schleuderpreisen an den Kunden bringen. Der freut sich, lernt
schnell und bucht immer später – was die Planung der Anbieter
erschwert.
Ein so auf den besten Preis gepolter Kunde wird zwangsläufig auf
die Idee kommen, sich aus günstigem Billig-Flug und direkt
gebuchtem Hotel plus Mietwagen sein Reisepaket selbst zu schnüren –
und das möglicherweise billiger als der Veranstalter.
Mario Köpers, Sprecher der TUI-Deutschland, zeigt sich
entsprechend „not amused”, was den Einstieg der Germania auf der
Mallorca-Strecke anbelangt. So was sagt sonst Queen Elizabeth, und
bei der gegenwärtig denkbar schlechten Lage im britischen
Königshaus ist diese an sich harmlose Formulierung sehr
vielsagend.
Christian Boergen, Sprecher des Deutschen Reisebüro und
Reiseveranstalter Verbandes DRV, sieht die Lage relativ entspannt:
„Gerade die Mallorca-Zielgruppe gehört nicht zu denen, die sich mal
eben im Internet eine Reise selbst zusammenstellen”, ist er
überzeugt. In Deutschland hätten 50 Prozent der Menschen überhaupt
keinen Web-Zugang. Insofern seien Billigflieger vor allem für
diejenigen interessant, die jetzt schon Nur-Flug buchen und die
Unterkunft selbst organisieren – sei es in den eigenen vier Wänden,
bei Freunden oder im Hotel, und weniger eine Bedrohung für den
klassichen Pauschaltourismus.
Doch schon bald könnte es clevere Unternehmen geben, die das für
den ansonsten unwilligen oder überforderten Kunden übernehmen. Der
Last-Minute-Marktführer L'tur hat mit flyloco.de schon ein
entsprechendes Angebot im Internet, das Billigflüge der Air Berlin
und Hotelangebote kombiniert – bislang allerdings nur in Städten.
In touristischen Zielen wie Mallorca könne man das auch tun, sagt
Sprecherin Tanja Huber, „wenn uns die Airlines die Kontingente zur
Verfügung stellen. Hotelkapazitäten haben wir genug”. Allerdings
dürften sich TUI und Thomas Cook als Beteiligungsgesellschaften von
L'tur mit Händen und Füßen dagegen stemmen.
Andere könnten keine Konzernhemmschuhe spüren. Mustafa Muscati
kündigt bereits an, zur nächsten Sommersaison eine solche Idee in
die Tat umsetzen zu wollen. Für Bewegung auf dem mallorquinischen
Markt ist also zumindest vorerst gesorgt.
Den Kunden kann es recht sein, wenn sie dadurch in den Genuss
billiger Flüge kommen.
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