Ski Heil in Mallorcas Bergwelt

Lange ist es her, doch die Bretter existieren heute noch

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Hiesige Tourismus-Verantwortliche preisen ihre Insel gerne damit an, dass hier jede Art von Freizeitsport betrieben werden könne - außer Skifahren. Sie kennen ihre eigene Insel schlecht. Bereits vor 75 Jahren fand am Puig Major, Mallorcas höchstem Berg, eine erste Ski-Expedition statt, die schon damals den Beweis erbrachte, dass es selbst im milden Klima der Mittelmeerinsel möglich ist, auf zwei Brettern verschneite Hänge hinabzugleiten.

Die vergilbten Fotos der Skiläufer, noch dazu mit nacktem Oberkörper, waren eingefleischten Mallorca-Forschern schon länger bekannt. Schließlich hatte man die Aufnahmen erstmals 1934 veröffentlicht. Doch die Geschichte hinter der Geschichte dieser Ski-Expedition war bis dato unbekannt.

Die damaligen Umstände waren in tiefste Vergessenheit geraten. Weder war zu erfahren, wer die Männer auf den Fotos waren, noch, warum sie damals in die verschneiten Höhen aufgebrochen waren.

Erst durch eine zufällige Bekanntschaft fielen die Puzzleteile in die richtige Ordnung. "Die Männer auf dem Foto sind mein Vater und mein Onkel", sagt Guillermo Hauf, pensionierter Malermeister in Sóller und einer der dienstältesten, leibhaftigen Repräsentanten der deutsch-mallorquinischen Freundschaft. Sein Vater Albert Hauf hatte sich auf der Insel niedergelassen und 1936 die Mallorquinerin Josefina Valls geheiratet. Guillermo "Wilhelm" Hauf erblickte im Jahre 1938 auf der Insel das Licht der Welt und verbrachte nahezu sein ganzes Leben in dem idyllischen Orangental.

Vater Albert Hauf und sein Bruder Richard stammten aus Leopolds-hafen bei Karlsruhe. Die früh verwaisten Brüder arbeiteten als Maler und Lackierer in der französichen Hafenstadt Le Havre, wo sie mit den damals modernsten High-Tech-Farben die prunkartigen Salons der Transatlantik-Dampfer verzierten. Ihre Mahlzeiten pflegten die Brüder in einem Lokal einzunehmen, das von Sóllerics betrieben wurde. So erfuhren sie von Mallorca und Sóller, sahen Postkarten und Fotos des Dorfes. Wohl Ende 1933 gab es für sie kein Halten mehr. Sie reisten nach Sóller, halb mit dem Ziel, urlaubsmäßig auszuspannen, halb mit der Idee, sich dort nach Arbeitsmöglichkeiten umzusehen.

Schnell wurden sie fündig. Denn Sóller war die Heimat fleißiger Geschäftsleute, die mit ihren Orangen und Zitronen traditionell nahezu den gesamten Früchtehandel in Frankreich und zum Teil sogar in Deutschland in der Hand hatten. Mit den Devisen, die sie im Ausland verdienten, ließen sie sich schicke Häuser in Sóller errichten. Und da man aufgrund der weltmännischen Erfahrung ohnehin gerne den französischen Lebensstil pflegte, sollten die gediegenen Salons dementsprechend mit Jugendstil- und Art-déco-Elementen ausstaffiert werden. Da die deutschen Brüder und zwei ihrer Freunde die entsprechende Erfahrung aus Frankreich mitbrachten und obendrein fließend Französisch zu parlieren verstanden, waren ihnen die Aufträge sicher. Noch heute gibt es in Sóller zahlreiche Herrenhäuser, deren florale Ornamente und Stuckbordüren an den Decken und Wänden der Wohnzimmer von der Familie Hauf koloriert worden sind.

Die Brüder schlossen rasch Freundschaft mit gleichaltrigen Sóllerics. Einer von ihnen war Miguel Colom Rullán, der Sohn des Inhabers der renommierten Schreinerei Cas Pallicer.

Irgendwie kam den jungen Leute damals der Einfall mit der Skiexpedition. "Es muss eine Schnapsidee gewesen sein", vermutet Guillermo Hauf. Möglich, dass sie von den deutschen Brüdern ausging, möglich aber auch, dass Miguel Colom, der selbst in Frankreich gearbeitet hatte, dort erstmals in Kontakt mit dem Wintersport gekommen war.

Fest steht, dass die jungen Leute die Langlauf-Skier in der Schreinerei des Vaters anfertigten. Sie verwendeten dafür Eichenholz, Metallhalterungen und Lederriemen. Elegant wölbte sich die hölzerne Skispitze gen Himmel. Die Skistöcke selbst bestanden aus Bambusrohr, einer Metallspitze und einem ledergebundenem Ring.

Mit weiteren Freunden zog man schließlich zu Fuß in die Berge, eine Wanderung, die gut vier, fünf Stunden dauert. Ein befreundeter Fotograf war mit dabei, um die spannendsten Momente der Expedition zu dokumentieren.

Direkt unterhalb des 1443 Meter hohen Puig Major begann der Spaß. Damals befand sich auf dem Berggipfel noch keine Radarstation. Den Skifahrern bot sich ein Panorama-Rundumblick, der in der Ferne nur vom Meer begrenzt wurde. Selbst auf den alten Fotos ist noch zu erkennen, wie das Wasser im Sonnenlicht glitzerte.

Angesichts dieser Aufnahmen ist es heute besser nachvollziehbar, wie der mallorquinische Ingenieur Antoni Parietti Coll 1930 Pläne vorlegte, eine Seilbahn bis hinauf zum Puig Major zu errichten. Tatsächlich wurde noch das Fundament für eine Basisstation gelegt, dann kam das Vorhaben durch den Spanischen Bürgerkrieg zum Erliegen.

Während also Parietti irgendwo in Palma an seinen Konstruktionsplänen feilte, glitten Albert und Richard Hauf sowie Miguel Colom auf den Brettern die Schneefelder des Puig Major hinab. Und da man auf Mallorca war, zog man die Pullover aus, um die nackte Brust zu sonnen. Bergkameraden sind stramme Burschen.

Das Paar Ski, das damals zum Einsatz kam, existiert noch heute. Es befindet sich im Besitz von Margarita Colom, der Tochter Miguel Coloms. Jahrelang lagen die Bretter in einer Dachkammer in Sóller und waren ein Festmahl für Termiten. Dann erbarmte sich Margaritas Ehemann José Luis und polierte das Holz erneut auf Hochglanz. Heute werden die Bretter wieder hoch in Ehren gehalten. Denn immerhin dürften sie das einzige Paar Skier sein, das je auf Mallorca hergestellt wurde.

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