Opernspektakel: Figaro heiratet in Version 4.0

| Palma, Mallorca |
Dirigentin Giuliana Retali: Ihre Interpretation setzt neue Maßstäbe.

Dirigentin Giuliana Retali: Ihre Interpretation setzt neue Maßstäbe.

Viele Opern wirken langweilig und verstaubt. Das sagt nicht irgendwer, sondern die Dirigentin Giuliana Retali. Sie ist spezialisiert auf italienischsprachige Opern von der Renaissance bis zur Klassik. Dass immer weniger Menschen in die Oper gehen, führt sie darauf zurück, dass sie Sprache und Handlung ohne vorherige Textlektüre nicht mehr verstehen.

Retali sagt deshalb: "Die sprachliche Rhetorik muss wieder ernst genommen werden." Auf diesem Anliegen gründet ihr Projekt "Oper 4.0". Das Ziel lässt sich auf diesen Nenner bringen: Wenn Worte und Musik in der Oper gleichermaßen sprechen, entfalten sie gemeinsam eine Kraft, die direkt das Herz des Publikums erreicht.

Am Samstag, 23. September, kann man dies erstmals im Auditorium in Palma erleben. Die Camerata Mallorquina und Solisten, die an den großen Opernhäusern singen, werden unter der Leitung Retalis die Mozart-Oper "Le Nozze di Figaro" aufführen. Die "Hochzeit des Figaro" 4.0 ist mithin eine Weltpremiere.

Weltweit einmalig ist wohl auch, dass dieser Premiere nicht zuletzt ein Mundraub zugrunde liegt. 2014 wurden Retali und der Cembalobauer, jetzt auch Opernproduzent, Matthias Kramer beim Klauen von Orangen erwischt. Beide leben sie seit zwölf Jahren teilweise auf Mallorca und hegten schon lange die Idee, auf der Insel eine Oper aufzuführen. Glück für sie, dass sich der Orangenbauer als großer Opernliebhaber erwies, mit besten Kontakten zur Gemeinde Manacor.

Noch im selben Jahr gründete Retali die Camerata Mallorquina, die sich aus Musikern der Musikkapelle von Palma, des Konservatoriums und des Sinfonieorchesters der Balearen zusammensetzt. Mit ihnen und Sängern aus aller Welt führte sie im Auditorium von Manacor Auszüge aus den drei Mozartopern "Cosí fan tutte", "Le Nozze di Figaro" und "Don Giovanni" auf.

Ritali spricht von den Musikern nicht nur wegen ihres Eifers und Konzentrationsvermögens während der abendlichen Proben in höchsten Tönen. "Sie haben für mich ein wenig vom spanischen Temperament und Eleganz. Das macht ihr Spiel sehr fein, zugleich aber auch sehr lebendig."

Interessant auch die Reaktionen aus Deutschland auf die Konzertaufnahme. Arend Prohman, langjähriger Produzent und Aufnahmeleiter für die renommierten Klassik-Labels Deutschen Grammophon und Decca, schrieb: "Ihre Interpretation setzte neue Maßstäbe und eröffnet eine aus meiner Sicht noch nie gehörte Präsenz - es ist, als würden die Instrumente mitsprechen ... Noch nie hat mich eine Mozart-Interpretation so beeindruckt! "

Die Camerata Mallorquina wird wieder dabei sein, wenn am 23. September "Le Nozze di Figaro" aufgeführt wird. Auch der Chor kommt von der Insel. "AQuatreVeus" heißt das Vokalensemble mit Sängern im Alter von 14 bis 18 Jahren. "Diese Insel hat uns so viel gegeben, und damit können wir ihr ein wenig zurückgeben", sagt Retali. Zudem konnte die musikalische Leiterin internationale Solisten verpflichten, die an großen Opernhäusern wie der Scala in Mailand, der Staatsoper unter den Linden in Berlin, dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona und der Opera national de Paris singen.

Für die Inszenierung zeichnet Deda Cristina Colonna verantwortlich, ihres Zeichens Regisseurin, Choreografin und Schauspielerin, Lehrerin für Barocktanz und Expertin auf dem Gebiet der Rezitation.

Schließlich die Kulisse: Sie besteht aus bewegten Bildern, Aufnahmen eines mallorquinischen Landgutes von dem mallorquinischen Dokumentarfilmer Juan Mateos.

Und - last but not least - Giuliana Retali. Ihre musikalische Laufbahn begann sie in ihrer Heimat, auf der Insel Elba. Bereits mit vier Jahren spielte sie ihre ersten Stücke auf dem heimischen Flügel, machte in Bologna und Lucca ihr Diplom für Cembalo und Klavier, widmete sich an der Schola Cantorum Basiliensis der Alten Musik und historischen Aufführungspraxis und bildete sich zur Dirigentin weiter.

Dass Retali das Projekt "Oper 4.0" entwickelt hat, ist letztendlich die Frucht einer langjährigen Verbindung von Forschung und Praxis. In diesem Rahmen arbeitete sie nicht nur mit Sängern und Musikern, sondern auch mit Philologen zusammen, erforschte frühe Kommentare über die Aufführung von Opern, verfügt mithin über ein profundes Wissen, um sagen zu können: "Ich lese den Text mit den Augen der Musiker und Librettisten der damaligen Zeit."

Das Dechiffrieren von Text und Musik gibt ihr den Schlüssel, um Opern wieder verständlich zu machen. Dies fängt bei Musikern und Sängern an, etwa, dass auch das Orchester den Text betont. Oder dass die Sänger die Worte verstehen, die sie singen, wissen, dass das alt-italienische "vago" kein leeres Wort ist, sondern "schön" bedeutet. Wenn die Affekte durch Musik, Gesang und Aussprache übertragen werden, erreiche dies auch diejenigen, die die italienische Sprache nicht verstehen, ist Ritali überzeugt und meint über ihre Herangehensweise: "Wir wissen nicht, wie Mozart seine Opern aufgeführt hat, aber ich glaube, er wäre zufrieden."

Weitere Opern sind geplant. Vorgesehen ist laut Produzent Matthias Kramer, eine Opernsaison von September bis Juni aufzubauen. "Dafür hat uns das Auditorium das Monopol für Opern in italienischer Sprache zugesagt."

(aus MM 35/2017)

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