„Noch Luft nach oben”

Kreuzfahrt-Experte Uwe Bahn sieht Urlaub auf dem Meer weiterhin im Trend

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Mallorca Magazin: Trotz der allgemeinen Wirtschaftskrise konnte man in den vergangenen Jahren immer wieder Schlagzeilen lesen wie "Die Kreuzfahrt boomt" oder "Urlaub auf dem Meer ist total angesagt". Setzt sich dieser Trend auch 2011 fort?
Uwe Bahn: Ja, die Kreuzfahrt boomt auf jeden Fall weiterhin. Das sieht man schon daran, dass selbst die deutschen Reedereien fleißig neue Schiffe ordern. Die "Mein Schiff 2" kommt, Aida Cruises bringt jedes Jahr ein neues Schiff. Und jetzt hat auch Hapag Lloyd, was ich sensationell finde, zwei neue Schiffe geordert. Die "Europa 2", ein Neubau, soll 2013 starten, die "Columbus 2", ein Umbau, bereits 2012.

MM: Kritiker sagen, dass hier schon die Überkapazitäten der Zukunft geschaffen werden ...
Bahn: Ich bin kein Hellseher, aber wenn man berücksichtigt, dass pro Jahr erst ein Prozent der Deutschen eine Kreuzfahrt macht, dann glaube ich, dass noch Luft nach oben ist. Wenn nichts Apokalyptisches passiert, was ich nicht hoffe, dann ist das Ende der Fahnenstange meiner Meinung nach noch lange nicht erreicht.

MM: Wie viele neue Kreuzfahrtschiffe sehen wir in diesem Jahr?
Bahn: 2010 gab es ein Dutzend Jungfernfahrten, dieses Jahr stehen neun, vielleicht sogar zehn Taufen auf dem Programm.

MM: Welche Rolle spielt Mallorca in der Welt der Kreuzfahrt?
Bahn: Nicht nur wegen der guten Fluganbindung und der kurzen Distanz zwischen Flughafen und Hafen ist Palma ein idealer Ort zum Ein- und Ausschiffen. Mich haben auch schon mehrere Kreuzfahrten hierher geführt.

MM: Wie fällt der Vergleich mit anderen Häfen aus?
Bahn: Es gibt sicherlich spektakulärere Destinationen. So ist die Einfahrt nach Lissabon zum Beispiel beeindruckend. Oder La Valetta, wenn man direkt an der Stadtmauer vorbeifährt. Hier in Palma kommt man an - und ist plötzlich da. Ich glaube, die Mallorquiner könnten, wenn das gewollt ist, die Kreuzfahrt noch etwas mehr zelebrieren, als sie nur abzuwickeln.

MM: Es gibt immer wieder Überlegungen, die Luxusliner an die alte Mole umziehen zu lassen. Sie lägen dann direkt vor der Kathedrale, Passagiere könnten zu Fuß direkt in die Altstadt schlendern ...
Bahn: Vom Ambiente her wäre das sicherlich toll. Aber in Zeiten des Umweltschutzes muss man natürlich überlegen, ob die Kathedrale damit gut bedient ist, wenn dort ständig große Schiffe liegen und Schweröle in die Atmosphäre lassen. Das ist sowieso ein Aspekt, an dem die Reedereien in Zukunft verstärkt arbeiten werden.

MM: Nicht zuletzt als Herausgeber des jährlich erscheinenden Kreuzfahrt-Guides beschäftigen Sie sich mit den aktuellen Entwicklungen auf den Schiffen. Täuscht der Eindruck, dass mit speziellen Angeboten auf einzelnen Reisen immer stärker jeweils ganz gezielt eine bestimmte Urlauberklientel angesprochen werden soll?
Bahn: Schon auf den Schiffen an sich wird stark differenziert. Das ist auch gar nicht anders möglich, wenn man mit 2000 anderen Menschen gemeinsam Urlaub macht. Diese Differenzierung läuft meistens über den Preis. Wer zum Beispiel den Wahnsinn des Büfetts nicht mitmachen will, der muss sich seine Freiheit im kostenpflichtigen Restaurant erkaufen. Ähnlich sieht es bei Spa- und Wellness-Angeboten aus.

MM: Und dann gibt es noch diverse Spezialangebote wie Touren für Schlagerfans, Gourmetwochen, Literaturreisen ...
Bahn: Ja, Themenreisen sind schwer angesagt. Zum Beispiel Fahrten mit einem speziellen Kinderprogramm in Ferienzeiten. Kreuzfahrt heißt heute nicht mehr, dass nur diejenigen mitfahren, die es schon im Kreuz haben. Da hat sich mittlerweile ein Drei-Generationen-Konzept entwickelt.

MM: Eine ganz besondere Themenreise ist der "Rockliner" von und mit Udo Lindenberg. Sie beraten Panik-Udo bei diesem Projekt. Wie kam es dazu?
Bahn: Die Idee stammt von Udo selbst. Er hat unsere Kreuzfahrt-Guides ganz intensiv durchgearbeitet wie ich früher Schulbücher und eines Tages per SMS mit mir Kontakt aufgenommen. Wir haben uns dann mehrere Schiffe angesehen und die ersten beiden Rockliner-Reisen mit "Mein Schiff" gemacht.

MM: Man hört immer wieder, dass sich heutzutage nicht nur Wohlhabende eine Kreuzfahrt leisten können, sondern auch Urlauber mit einem schmaleren Budget. Sind die Leistungen schlechter als noch vor 20 Jahren oder wie funktioniert das eigentlich?
Bahn: Die Schiffe sind größer, haben mehr Kapazitäten. Ein Schiff mit 2000 Passagieren kann andere Preise aufrufen als die Europa mit 400 oder die Sea Cloud mit etwas mehr als 60. Außerdem haben sich die Routen geändert. Wenn man 25-mal pro Jahr den gleichen Ort anfährt, dann kann man mit Hafen und Logistikunternehmen vor Ort ganz anders verhandeln, als wenn man nur einmal vorbeikommt.

MM: Mit dem Start der ersten Aida 1996 sind nicht nur die Preise in Bewegung gekommen, auch die Kreuzfahrt-Philosophie hat sich verändert. Weg vom Krawattenzwang hin zu mehr Lockerheit. Nun gibt es aber Menschen, die den Urlaub mit Smoking und Abendkleid beim Captain's Dinner so richtig zelebrieren wollen. Findet man diese "steifen" Schiffe noch?
Bahn: Ich würde nicht "steif" sagen, sondern von den Klassikern reden. Und natürlich gibt es die noch. Zum Beispiel die "Deutschland", die "Europa", die "Queen Mary 2". Als ich auf der "Queen Mary 2" einmal in das Feinschmecker-Restaurant gehen wollte, wo ich einen Tisch bestellt hatte, forderte der Kellner mich höflich auf, mir erst im Bordshop eine Krawatte zu kaufen.

MM: Worauf sollte jemand, der sich nicht auskennt und zum allerersten Mal eine Kreuzfahrt machen will, bei der Wahl des Schiffes achten?
Bahn: Ich würde mit einer kurzen Schnupperreise beginnen, von denen ja auch einige hier in Palma starten. Dann muss man sich fragen, was man will: klassische Kreuzfahrt, eine Reise mit 2000 Miturlaubern, oder mag man bei entsprechendem Budget eher kleine Schiffe? Die Frage der Seekrankheit ist auch ein Punkt. Hier besteht bei den großen Schiffen kaum Gefahr, bei den kleineren schon. Manche Schiffe sind in den Ferienzeiten sehr kinderlastig, das kann ein Pro oder Kontra sein. Auf alle Fälle sollte man sich intensiv informieren.

MM: Auf wie vielen Kreuzfahrtschiffen sind Sie schon gewesen und mit wie vielen auch gereist?
Bahn: Ich schätze, ich war auf 50 oder 60 und bin mit 35 unterwegs gewesen.

MM: Zum Abschluss eine persönliche Frage. Mal angenommen, drei Schiffe kommen für Sie in den Hafen von Palma, damit Sie sich für eine Reise mit einem davon entscheiden. Welche Schiffe sollen auf Sie warten?
Bahn: Aida, Mein Schiff und Sea Cloud 1 oder Sea Cloud 2.

MM: Und welches der Aida-Schiffe?
Bahn: Aida-Blu. Da ist eine Brauerei an Bord.

Mit Uwe Bahn sprach MM-Redakteur Nils Müller

ZUR PERSON

Uwe Bahn, Jahrgang 1958, ist Journalist, Autor und Moderator. Seit einigen Jahren macht er vor allem als Reiseexperte von sich reden, gilt als Spezialist für Kreuzfahrtthemen. Zusammen mit Johannes Bohmann gibt der Hamburger den "Kreuzfahrt-Guide" heraus. Die Ausgabe für 2011 ist vor wenigen Wochen erschienen (16'80 Euro, ISBN 978-3-9810991-9-5). Seine Rundfunkkarriere begann Uwe Bahn 1984 bei NDR 2. Er moderierte verschiedene Formate, unter anderem eine erfolgreiche Morningshow. Der Journalist ist auch in vielen Sendungen der NDR-Fernsehens präsent, vor allem, wenn es um Reisen geht. Zu diesem Themenbereich schreibt er auch für verschiedene Medien. Als Moderator ist Uwe Bahn ebenfalls im Einsatz, präsentiert zum Beispiel seit Jahren die "Nokia Night of the Proms". 1996 hat Bahn auf Mallorca das Inselradio ins Leben gerufen.

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