Der alte Eselskarren ist längst verrottet

Heutige Unüberschaubarkeit nährt Sehnsucht nach Vergangenem

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Früher war alles besser. Wie oft habe ich diesen Satz schon hören müssen, von mallorquinischen Kollegen, Bekannten, Freunden – allesamt ältere Semester – die den Wandel der Insel von einem verschlafenen Provinznest zum Boom-Eiland des Massentourismus hautnah begleitet haben.

Hautnah ist wörtlich gemeint, denn in den 1960er Jahren wurde Mallorca zu einem Felsbrocken im Meer, auf dem geradezu Milch und Honig flossen: Viele freizügige Touristinnen aus Nordeuropa, aus Schweden, Deutschland, England, Holland, öffneten den damals noch jungmännischen Inselrecken die Türe des Hotelzimmers, das Herz und noch manches mehr. Zweifellos, die „años dorados”, die Goldenen Jahre, sie müssen wahrlich schön gewesen sein.

Doch die nostalgische Sehnsucht nach der guten alten Insel beschränkt sich nicht nur auf jene ergrauten „picadores”. Nahezu jeder Zeitgenosse, der länger als 20, 30 Jahre auf Mallorca lebt, offenbart eine leise Wehmut, wenn die Rede auf die Vergangenheit kommt. MM lässt im Thema der Woche sieben Mallorca-Deutsche zu Wort kommen, die von früher erzählen.

Es ist durchaus möglich, dass beim Rückblick in den Zeittunnel die Optik verklärt und die Erinnerung geschönt ins Bewusstsein tritt. Auffällig ist, wie sich viele Aussagen gleichen und zudem mit den Empfindungen der Einheimischen übereinstimmen. Früher gab es keine Kriminalität auf der Insel, früher war das Leben hier billig, früher war alles einfacher, primitiv sogar, aber dafür herzlicher, ursprünglicher, wahrer. Die Strände jungfräulich, die Landschaft unberührt, die Eselskarren die Könige der Landstraße, denn Autobahnen gab es nicht.

Es wird zutreffen, dass die Insel an Charme verloren hat. Das verstärkte Wahrnehmen Mallorcas als einstigen Hort der Heimeligkeit hat aber auch mit der Unüberschaubarkeit unserer Gegenwart zu tun. Außer „Kriegsgewinnler” und Spekulanten scheint sich im Zeitalter der Globalisierung niemand so recht wohlzufühlen. Ein Trost: Wir sind damit nicht allein. Denn derzeit spielt der Boom in Dubai, in Shanghai oder sonstwo. Und so mancher Araber und Chinese würde uns sagen: Früher war alles besser.

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