,,Jeder will an die Spritze - und hilft nach"

Nach der Tour de Farce ist die Diskussion um Doping im Sport umso heftiger entbrannt. Dabei wird meist vergessen: Auch der Freizeitsportler greift zu allerlei Mittelchen, um seine Leistungen zu steigern. MM sprach mit dem Sportmediziner Dr. Dieter Uckermann über das ganz gewöhnliche, alltägliche Doping

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Schöner, schneller, weiter: Nicht nur bei Profi-, auch bei Freizeitsportlern scheint die Hemmschwelle zu sinken, zur schnellen Leistungssteigerung ein paar Pillen einzuwerfen oder zu anderen Aufputschmitteln zu greifen. Dopen, sagt Dr. Dieter Uckermann, ist ein Thema unserer Zeit: „Jeder will besser sein und es besser haben – und anstatt natürliche Entwicklungsprozesse abzuwarten, nimmt man künstliche Beschleuniger.” Unsere Leistungsgesellschaft sei zunehmend von der „Machbarkeits-Mentalität” geprägt: „Jeder will an die Spitze, und wenn es dafür käuflich erwerbbare Katalysatoren gibt – und die gibt es zuhauf – greift man zu.” Ohne falsche Hemmungen. Während Experten von rund 200.000 „Freizeit-Dopern” in Deutschland ausgehen – Studien zufolge konsumiert jeder siebte Freizeitsportler regelmäßig oder gelegentlich Anabolika, jeder dritte hat's schon mal getestet –, schätzt Dr. Uckermann ihre Zahl auf 30 Prozent: „Zumindest bei schwächeren Doping-Mitteln.” Wobei sich die zentrale Frage auftut: Wo fängt Doping an? Unter dem Begriff versteht man die „Einnahme von Substanzen oder Nutzung unerlaubter Methoden wie Blutdoping – dabei wird durch zugeführte Blutkonserven die Hämoglobinkonzentration (= roter Blutfarbstoff) und damit der Sauerstofftransport im Blut erhöht – zum Zwecke der Leistungssteigerung”. Wobei die Liste möglicher „Substanzen” heute schier endlos scheint. „Jede Hormongabe ist Doping”, sagt Dr. Uckermann. „Die ganze Anti-Aging-Kampagne ist nichts anderes als Doping.” Im Internet wird etwa das Wachstumshormon HGH (Human-Growth-Hormon) als „völlig natürliches Anti-Aging-Mittel” angepriesen, um den „Alterungsprozess umzukehren oder zu verlangsamen”. Körperkult und Jugendwahn treiben nicht nur Freizeitsportler zu allen erdenklichen synthetischen Hilfsmitteln – und sie werden längst nicht nur im anonymen Internet vertrieben.

Auch in der Uckermann-Praxis sind schon „Patienten” aufgetaucht, die sich unter dem Vorwand verschiedener körperlicher Beschwerden rezeptpflichtige Hormone verabreichen lassen wollten - vorrangig das männliche Sexualhormon Testosteron, das Muskelaufbau und Fettabbau anregt. Gravierende Gesundheitsrisiken bis hin zum Herzinfarkt spielen da kaum eine Rolle.

Andere „Mittelchen” in Form von Nahrungsergänzungsmitteln – Vitamine, Eiweiße, Mineralien in Pulveroder Tablettenform –, die die Fitness steigern und das Training beschleunigen sollen, kommen zwar oft harmloser daher, sind aber nicht selten mit Doping-Substanzen verunreingt. Auch das vitaminähnliche „L-Carnitin”, das als „Wundermittel” gegen Fettpolster gilt, ist heute fast in jedem Supermarkt zu bekommen – aber Achtung: Die unreflektierte Einnahme solcher Präparate, so Dr. Dieter Uckermann, führe zu einer Aufhebung des natürlichen Gleichgewichts im Organismus, von allen möglichen Wechsel- und Spätwirkungen ganz zu schweigen: „Statt uns körperliche Fitness auf natürliche Weise zu erarbeiten, neigen wir dazu, durch Stimulantien ein anderer zu sein, als wir biologisch eigentlich sind.” Gerade auf der Insel würde es dieser Klientel besonders leicht gemacht: „Mallorca hat einen Doping-Sumpf.” Gewisse Apotheken seien dafür bekannt, dass sie leistungssteigernde Medikamente besonders unbekümmert abgeben – ein zweifelhafter Ruf, den Spanien auch allgemein hat. Gedopte Dauerpower statt altersgerechtes Training – so will es die „moderne” Leistungsgesellschaft. Und erfindet immer neue Schleudersitze, um ihre ehrgeizigsten Mitglieder an die Spitze zu katapultieren – in oft absurdem Ausmaß: „Viele schlucken lieber Tabletten, als einmal um den Häuserblock zu gehen.”j

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