Doppelmoral unterm Regenbogen

Die schwule und lesbische Szene auf Mallorca gibt sich verhalten – dabei wäre der Bedarf an entsprechenden Locations und Festivitäten groß

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Wenn Daniel und Juan an den Strand fahren, nehmen sie gerne eine Stunde Fahrt und 20 Minuten Fußmarsch in Kauf. An allen anderen vorbei laufen sie am Es Trenc bis hinter einen der alten Bunker, den ein Witzbold vor zwei Jahren in Rosa gestrichen hat. Inmitten des ausgewiesenen Nudisten-Bereichs, so wissen Insider, liegt der Gay-Abschnitt. Hier ziehen sich Daniel und Juan gerne zurück.

Ihr Verhalten ist symptomatisch: Mallorcas „Ambiente”, wie die Spanier die schwul-lesbische Szene nennen, findet ein wenig im Verborgenen statt. Ganz anders als auf der Nachbarinsel Ibiza, deren Party-Kultur viel eher mit Drag-Queen-Shows und Dark-Room-Clubs in Verbindung gebracht wird als Mallorca. Obwohl es sie hier durchaus gibt. Aber Mallorcas Szene ist weniger schillernd, hält sich bedeckt.

Zwischen sieben und zehn Prozent der Weltbevölkerung sind laut Statistik homosexuell. Zum durchschnittlichen Homo-Anteil der Bevölkerung addieren sich auf Mallorca im Sommer die schwul-lesbische Touristenschar und auch zahlreiche homosexuelle Auswanderer. Viele von ihnen stammen aus Lateinamerika, suchen hier Zuflucht vor Diskriminierungen in der Heimat, die meist aus der dort vorherrschenden katholischen Weltanschauung herrühren.

Auch bei den Spaniern seien, bedingt durch ihre politische Vergangenheit, konservative Moralvorstellungen noch stark in den Köpfen verankert, meint Miguel-Angel Camacho von den Ben Amics, der schwul-lesbischen Vereinigung der Insel. Daraus resultiert eine Doppelmoral: Viele Homosexuelle outen sich nur teilweise. Am Wochenende gehen sie im „Ambiente” aus, unter der Woche mimen sie im Berufsleben oder sogar in der Familie den Hetero-Single.

„Ich komme aus einer ganz traditionellen mallorquinischen Familie”, erzählt Catalina, „für meine Oma würde eine Welt zusammenbrechen, wenn sie wüsste, dass ich auf Frauen stehe.” Wundert sich die Großmutter denn nicht, wenn Catalina so häufig mit ihrer „besten Freundin” vorbeischaut? „Vielleicht”, sagt sie, „aber Hauptsache, der Schein bleibt gewahrt.”

Schwer hat sie es auch, wenn sie abends in der Szene ausgehen will – das Angebot an lesbischen Locations ist kaum der Rede wert. Das Isidoro ist die einzig reine Frauenbar. In der Vergangenheit gab es weitere, aber alle mussten schließen. „Lesben gehen äußerst selten weg, vor allem, wenn sie eine Partnerin gefunden haben. Wie soll sich da ein Laden halten? Schwule dagegen gehen gerne aus, auch unter der Woche”, erzählt Gene Medina, Inhaber der Gay-Bar Aries.

Dennoch ist auch bei den Schwulen das Wehklagen laut, es mangle an interessanten Locations. Die meisten der Clubs bestehen seit den 80ern, viele konzentrieren sich auf die „Rosa Meile” der Calle Joan Miró. „Was hier fehlt, sind nette schwule Straßencafés, und man müsste weg von dem Getto-Charakter”, sagt Jens aus Oldenburg. Als der 30-Jährige vor einem Jahr auf die Insel kam, zog er mitten ins Geschehen.

Heute nerven ihn die ewig gleichen Bars und das Getratsche: „Das schwule Palma ist ein Dorf.” Es müsse ein Anliegen der Stadtverwaltung sein, die Gründung von schwul-lesbischen und „Gay friendly”-Lokalen zu fördern, meint Miguel-Angel von Ben Amics. Das Gegenteil aber ist der Fall: Seit Jahren wird versucht, die „Rosa Meile” als Wohngebiet aufzuwerten, indem in dieser Zone kaum mehr Konzessionen für Gastronomiebetriebe vergeben werden.

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