Für Entwarnung besteht kein Anlass

Anders als das spanische Festland bleibt Mallorca in diesem Sommer von der Dürre weitgehend verschont. Gleichwohl fordern Wissenschaftler ein langfristiges Rohstoff-Management, um den Grundwasserspiegel zu erhöhen

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Als im November 2001 der unvergessliche Herbststurm über die Insel wütete, entwurzelte er nicht nur Tausende von Bäumen, sondern brachte auch jene herbeigesehnten dunklen Wolken mit. Drei Jahre hatte die Insel unter einer verheerenden Dürre gedarbt. Die Wasserspeicher in der Serra de Tramuntana waren bis auf schlammige Lachen ausgetrocknet, die Grundwasserspeicher nahezu versiegt, die Anlagen zum Entsalzen von Meerwasser liefen auf Hochtouren.

Der Regen, der aus dem windzerfetzten Himmel prasselte, ging buchstäblich in letzter Minute nieder. Und die Schauer fielen in den folgenden Wochen so reichlich, dass bereits im Januar 2002 die Trinkwasserspeicher Cúber und Gorg Blau nahezu überliefen. 2002 und 2003 gingen als zwei der regenreichsten Jahre in die Geschichte der Wetteraufzeichnung ein. Ausgerechnet die „Sonneninsel” stieg damals wegen ihrer Niederschlagsrekorde zu einer der nassesten Regionen Spaniens auf.

Dass auf Mallorca die Uhren im Vergleich zum Festland wieder einmal anders gehen, zeigt sich auch an der jüngsten Entwicklung: Während auf der iberischen Halbinsel eine Dürre herrscht wie seit 1947 nicht mehr, scheint Mallorca glimpflich davonzukommen. Zwar hatte es auch hier weniger geregnet als in den Vorjahren, aber vor allem der Niederschlag in den Monaten November, Dezember und Februar hielt die Werte hoch. In den vergangenen zwölf Monaten hatte es ingesamt neun Prozent weniger geregnet, als es das langjährige Mittel für die Insel vorsieht. Zum Vergleich: Von Dürre wird gesprochen, wenn die Durchschnittswerte um 20 Prozent abweichen. Extreme Dürre herrscht bei einem Regendefizit von 40 Prozent. (In Zentralspanien beträgt das Defizit derzeit 50 Prozent.)

Ungeachtet der relativ positiven Werte auf Mallorca besteht nach den Worten des balearischen Chef-Meteorologen Agustí Jansà für Entwarnung kein Anlass. Denn im Jahresrückblick mag ein Defizit von unter zehn Prozent nicht allzu schwerwiegend erscheinen. Doch kurzfristig betrachtet könne es bedeutungsschwere Tenzenden ankündigen. Nach den durchnässten Jahren 2002 und 2003 erwartet Jansà einen Rückschlag des Pendels. „Die nächste Trockenheit wird kommen”, prognostiziert der Wetterexperte bereits seit Frühjahr 2004. Ein Blick auf die Daten seines Amtes gibt ihm recht. Seit 1955 wechselten sehr trockene und sehr regnerische Jahre willkürlich. Die Linie der Niederschlagsmenge vollführt in der Tabelle eine wahre Berg-und-Tal-Fahrt. „Es gibt hier keine Regelmäßigkeit”, betont Jansà, „unser Klima ist sehr variabel und neigt zu Extremen.”

Angesichts der schwankenden Regenmenge, von der Mallorcas Grundwasservorkommen abhängig sind, propagieren Wissenschaftler und Politiker verstärkt den nachhaltigen Umgang mit dem knappen Rohstoff. Und im Vergleich zu den 70er Jahren, in denen auf Mallorca das Vorhandensein der Ressourcen noch als schier unerschöpflich angesehen wurde – vorausgesetzt, die Brunnen wurden tief genug gebohrt –, hat sich auf der Insel in Sachen Wasser-Management manches getan: Zum einen gibt es mittlerweile in fast jeder Gemeinde eine Kläranlage, und die Qualität des behandelten Wasser wird stetig besser. Zum anderen setzen die Behörden mehr und mehr auf die Wiederverwertbarkeit von geklärtem Wasser insbesondere in der Landwirtschaft. Fast scheint es, als besinne man sich auf der Insel wieder auf die Findigkeit der früheren maurischen Herren im Umgang mit dem kostbaren Nass.

Ungeachtet der wachsenden Bedeutung von geklärtem Wasser bildet das natürliche Wasser aus den Tiefen der Erde nach wie vor Mallorcas Lebensgrundlage. Gegen das auf 220 Millionen Kubikmeter geschätzte Grundwasservorkommen nehmen sich die Oberflächengewässer der Insel, das sind im Prinzip die beiden Stauseen Gorg Blau und Cúber, mit ihren knapp zwölf Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen geradezu gering aus.

Wie sehr ein sparsamer Umgang mit dem flüssigen Rohstoff not tut, lässt sich auf Mallorca eindrucksvoll an den Pegelständen der Grundwasservorkommen ablesen. Im August des Dürre-Jahres 2001 befanden sich die Grundwasserreserven inselweit auf nur noch 16 Prozent des maximalen Fassungsvermögens. Und ungeachtet aller Niederschläge im regenreichen März 2003 kamen sie über den Höchststand von 57 Prozent nicht hinaus. Das bedeudet konkret, dass etwa der Grundwasserspiegel bei einem der wichtigsten Vorkommen der Insel, S'Estremera bei Bunyola, in der kritische Phase auf 180 Meter Tiefe gefallen war. Als man das Vorkommen einst per Brunnenbohrung erschloss, hatte der Spiegel in 55 Meter Tiefe gelegen. Derzeit pendelt er in 96 Meter Tiefe – wie auch die Pegelstände auf Mallorca im Schnitt derzeit 48 Prozent betragen.

Damit liegen sie bereits unterhalb des Grenzwertes, wie sie der balearische Umweltminister Jaume Font (PP) vorgegeben hat. „So lange wir nicht einer Dürre entgegengehen, sollten die Pegel idealerweise nicht unter 50 Prozent fallen”, sagte der Politiker. Denn die Folgen einer überzogenen Ausbeute der Vorkommen haben sich insbesondere in den Küstenregionen bemerkbar gemacht: Wenn zuviel Grundwasser heraufgepumpt wird, drückt seitlich Meerwasser in den Untergrund der Insel. Das lässt Brunnen versalzen. Ihr Wasser wird ungenießbar für den Verzehr und die landwirtschaftliche Nutzung.

Ziel der Regierung in Madrid und Palma ist es, die Felder der Bauern mit geklärtem Wasser zu gießen. Derzeit geht der Wasserverbrauch auf der Insel etwa zur Hälfte zu Lasten der Landwirtschaft, sagt der Biologe an der Balearen-Universität, Hipólito Medrano, der kürzlich einen Kongress zum Thema Wasser in Palma mitorganisiert hatte. Doch während der Konsum im Agrarbereich seit Jahren weitgehend konstant ist, hat sich der Verbrauch durch die Haushalte, insbesondere im Ballungsraum Palma, nahezu verdoppelt. „Es ist traurig, aber wie vor 30 Jahren werden Siedlungen geplant, ohne die Versorgung mit Trinkwasser und die Entsorgung des Abwassers zu berücksichtigen”, kritisiert der Wissenschaftler. Auch der Einbau von individuellen Wasserzählern komme nicht voran, obwohl seit Jahren darüber gesprochen werde. Verluste des Trinkwassers durch marode Stellen im Leitungsnetz seien ebenfalls nicht behoben. „In Sachen Kläranlagen sind wir gut vorangekommen, aber die Wiederverwertung stagniert. Noch wird viel zu viel geklärtes Wasser ins Meer geleitet.”

Der Wissenschaftler und seine Kollegen sind sich einig, dass das Entsalzen von Meerwasser in Dürre-Zeiten keine Lösung ist. Vielmehr gelte es, eine Vielzahl von unterschiedlichen Maßnahmen zu ergreifen und einen Mix aus Grundwassernutzung, Talsperren, Wiederverwertung, Einsparungen und Entsalzung zu entwickeln. Im Bemühen um ein effizientes Wassermanagement sei nicht nachzulassen. Antonio Rodríguez, Geograph an der Balearen-Universität und ehemaliger Generaldirektor für Wasservorkommen unter der Regierung des Pacte de Progrés, macht sich in diesem Sinne für eine Wasserpolitik stark, die über die Zyklen aus Regen und Trockenheit hinausreicht und mittelfristig hohe Pegelstände beim Grundwasser anpeilt.

Ungeachtet der Forderung fühlen sich Mallorcas Politiker diesen Sommer besser gewappnet als noch vor ein paar Jahren. Der Grund ist, dass das 56 Millionen Euro teure Sa-Costera-Projekt bereits weit gediehen ist. Derzeit werden vor der Küste Stahlrohre im Meer verlegt, um darin das Wasser der Tramuntana-Quelle demnächst über Sóller in Richtung Palma zu pumpen. Bislang floss das Frischwasser ungenutzt ins Meer. Die Ausbeute wird auf jährlich zwölf Millionen Kubikmeter, in etwa das Fassungsvermögen der beiden Stauseen, geschätzt. Nach Angaben des balearischen Umweltministerium soll das Wasser von Sa Costera nicht nur dem Konsum im Großraum Palma dienen, sondern auch zum Auffrischen der Grundwasservorkommen genutzt werden.

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