Die Zukunft Mallorcas

Welche Chancen hat die Urlaubsinsel im wachsenden Wettbewerb? / Eine (langfristige) Analyse

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„Die Lage ist schlecht”, antwortet die Souvenirshop–Besitzerin Maria Antònia Llull aus Calas de Mallorca auf die Frage nach ihrer Beurteilung des Tourismus auf Mallorca. „Es wird langsam besser”, sagt Antonio Homar, Verkaufsdirektor der mallorquinischen Hotelkette Viva. „Mallorca hat nach drei schlechten Jahren wieder zugelegt und seine Position als wichtigstes Sommerreiseziel eindrucksvoll bestätigt”, erklärt erleichtert Volker Böttcher, Geschäftsführer von TUI-Deutschland. „Die Balearen haben die Trendwende geschafft”, jubiliert Tourismusminister Joan Flaquer. „Mallorcas Hotellerie ist zum Teil völlig veraltet und der heutigen Nachfrage nicht angemessen”, analysiert der Direktor eines deutschen Großreiseveranstalters. „Eine großangelegte Umstrukturierung ist nötig”, fordert ein auf Mallorca ansässiger Berater. „Wenn wir keine Gehaltserhöhungen erhalten und die Sicherheit der Arbeitsplätze nicht gewährleistet ist, streiken wir”, drohen die Gewerkschaften. „Die illegale Konkurrenz schadet den Hoteliers und gefährdet die Zukunft der ganzen Insel”, warnt Pere Cañellas, Präsident des mallorquinischen Hotelverbands FEHM.

Wenn es um die Beurteilung der Lage und der Aussichten des Tourismus auf Mallorca geht, sind sich die Experten keineswegs einig. Seit Jahrzehnten dreht sich auf Mallorca alles um Zahlen: Wir verläuft die aktuelle Saison, wie wird die nächste? Vorher wird meist viel gejammert, hinterher eigentlich auch. Nur Politiker verbreiten Optimismus, es sei denn, sie gehören zur Opposition. Wechselt die Regierungsverantwortung, wechseln die Beurteilungen gleich mit.

Politiker haben mit Reiseveranstalter eines gemein: Ob es die nächste Wahl ist oder das nächste Geschäftsjahr – viel weiter reicht der Horizont nicht. Auch inhabergeführte Reiseunternehmen unterscheiden sich nicht wesentlich von den börsennotierten Konzernen. Wenn der Kunde in, sagen wir, fünf Jahren nicht mehr nach Mallorca will, fliegt er sie eben in die Türkei.

Mallorca als großes Wirtschaftsunternehmen kann sich so leicht nicht umorientieren. Die Insel bleibt, wie sie ist, und die Insel bleibt, wo sie ist. 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukt werden mehr oder weniger direkt durch den Fremdenverkehr erzeugt, die restlichen 20 hätten ohne Tourismus auch keine Basis. Bei dieser totalen Abhängigkeit von einer einzigen Branche drängt sich also die Frage auf: Wie sieht die touristische Zukunft Mallorcas aus? MM hat mit Dutzenden Touristikern, Hoteliers, Politikern, Interessenvertretern und anderen Fachleuten gesprochen. Viele haben ihre ehrliche Meinung aber nur unter der Bedingung kundgetan, dass sie nicht zitiert werden.

Es gibt Hoteliers, die glauben, sie könnten die Nachfrage steuern. Deswegen versuchen spanische Ketten, sich an Großveranstaltern zu beteiligen. Auf Mallorca etwa Barceló, die jüngst bei der West–LB wegen der TUI–Anteile nachgefragt haben, jetzt aber aus dem Rennen sind. Aktuell will die kanarische Lopesan-Gruppe sich mit Partnern – darunter wohl auch RIU aus Mallorca – bei dem hannoveranischen Konzern einkaufen, um die abtrünnigen deutschen Kunden wieder nach Spanien zu schicken. Karl Born, Ex-TUI-Vorstand, jetzt Touristik-Professor und mit seinen „Bissigen Bemerkungen” Pflichtlektüre der Reisebranche, predigt dagegen immer wieder, dass der Kunde bestimmt, wohin die Reise geht.

Der Kunde, das wegen vieler Umfragen und Untersuchungen nicht mehr so unbekannte, dafür aber umso sensiblere Wesen, will in seinem Urlaub viel mehr als noch vor wenigen Jahren. Nur Sonne, Strand und ein ordentliches Hotel sind nicht mehr genug. Reiseveranstalter verzeichnen einen wachsenden Trend hin zu zielgruppenorientierten Produkten. Da sind Sportler, Paare, Gruppen, Cluburlauber und viele mehr.

Es reicht nicht, nur noch einen Mallorca–Katalog vorzulegen. Die Zukunft liegt in vielen Mallorca-Katalogen. Bei der TUI etwa erscheinen Insel-Hotels etwa im Katalog „Stars” für hochwertige Hotels, „Vital” für Wellness, Entspannung und Wohlbefinden, „Zeit zu zweit”·für Paare, „Ambiente & Flair” für individuellen, ruhigen Urlaub in landestypischem Ambiente, „Golf”, „Family Flug” für Familien-Ferien. Dazu kommen Club Robinson, die Günstig-Marke 1-2-Fly, der „normale” TUI-Mallorca-Katalog und Fly & More für Bausteinreisen.

Kirsten Feld-Türkis, für die Balearen zuständige Area-Managerin bei der TUI, zitiert eine Umfrage zu den Urlaubspräferenzen. Heute wollen die meisten Kunden eine klassische Pauschalreise, Baustein-Reisen und Zielgruppenangebote werden weniger nachgefragt. Künftig steigt das Interesse an den Baustein-Reisen und Zielgruppenangeboten, Lust auf die klassische Pauschalreise haben immer weniger. Nischen werden zum Hauptgeschäft, das, was noch das Hauptgeschäft ist, zur Nische.

Mallorca ist für Baustein-Reisen gut geeignet: Die besten Flugverbindungen in Europa, Tickets gibt es beim Low-Cost-Flieger schon ab 19 Euro, viele Kunden kennen sich aus, brauchen keine Betreuung, dafür aber einen Mietwagen. Und Zielgruppen lassen sich besonders gut bedienen. Heike Genschow, Marketing-Direktorin der Hotelkette Iberostar, ist überzeugt, dass „Mallorca, wenn man es objektiv betrachtet, viel mehr zu bieten hat als die allermeisten anderen Destinationen. Natur, Kultur, mit Palma eine der allerschönsten Städte überhaupt, gute Hotels, beste Strände, Straßen ohne Schlaglöcher, medizinische Versorgung auch in deutscher Sprache, und optimale Flugverbindungen”, zählt sie auf und käme bei längerem Überlegen auf eine deutlich längere Liste.

„In dieser Mischung und Vielfalt kann in Europa kein anderes Urlaubsziel mithalten”, findet Minister Flaquer, „hier gibt es alles, und nichts liegt weiter entfernt als eine einstündige Fahrt.” Allerdings müssen wir „diese Vorteile viel stärker herausstellen”, sieht Flaquer das Problem eher im Bereich Marketing. „Wer weiß schon, dass auf Mallorca der beste Herzchirurg Spaniens im öffentlichen Krankenhaus Son Dureta operiert?”

Womit er indirekt bei dem wichtigsten Wachstumsmarkt überhaupt angekommen ist: Es gibt immer mehr Senioren. Die wollen zwar nicht so genannt werden, aber anstelle von Abenteuer-Reisen in fernen Ländern verbringt diese oft zahlungskräftige Klienten lieber einen ruhigen und gediegenen Urlaub in der Nähe. Das ist schon heute so, das wird aller Voraussicht nach so bleiben, und Mallorca ist dafür bestens gerüstet. Nicht nur wegen des besten Herzchirurgen Spaniens, sondern wegen des dichten deutschsprachigen Ärztenetzes, und wegen der Leichtigkeit, in schwereren Fällen problemlos und schnell nach Hause fliegen zu können.

Die meisten Probleme sehen Fachleute im Hotelangebot. Die Zahl der Herbergen ist seit 1990 nicht mehr dramatisch gewachsen. Damals waren es 1802 Häuser, laut offizieller Statistik ist 2003 die Zahl sogar auf 1559 gesunken. In der gleichen Zeit hat sich die Summe der Gästebetten allerdings leicht von 268.134 auf 283.436 erhöht. Ein leitender Angestellter einer mallorquinischen Hotelkette findet die Hotels auf Mallorca weniger gut als Heike Genschow: „Es gibt auf der Insel sehr viele Herbergen, die nicht mehr zeitgemäß sind und vom Markt genommen werden müssten.” Als Beispiel führt er Häuser auf, die in den späten 60er und frühen 70er Jahren gebaut wurden, in den späten 80ern schlossen und während des Booms der 90er doch wieder in Betrieb genommen wurden. „Und diese ollen Dinger sind immer noch offen, können nur noch über den Preis konkurrieren und machen der Qualitäts-Konkurrenz die Preise kaputt”. Renovierung hilft wenig, weil die Baustruktur – zu kleine Zimmer, zu kleine PoolAnlagen, zu wenig Platz für Nebenangebote – nicht zu verändern ist.

In vertraulichen Gesprächen geben das auch Politiker zu. „Wenn wir ehrlich sind, müssten 20 Prozent der Hotels schließen”, sagt ein Konsevativer. „Wir werden notfalls streiken, wenn der Strukturwandel auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen wird”, verkünden die Gewerkschaften CC.OO und UGT vorsorglich, als es um Pläne ging, die Playa de Palma einer tiefgreifendenen Modernisierung zu unterziehen. Der Arbeitsmarkt wird sich auch verändern, daran hat ein Regierungsvertreter keinen Zweifel: „Das geht den Werftarbeitern in Asturien oder den Fischern in Galicien auch nicht anders”, die eine oder andere Verwerfung wird unvermeidbar sein. Nicht nur er sieht daher im Grunde nur eine Lösung: „Das ist ein struktureller Anpassungsprozess, den wir einfach durchmachen müssen.”

In anderen Ländern geht die Anpassung an die neuen Bedürfnisse der Kunden leichter. In der Türkei etwa entstehen ständig neue Hotels. Resorts heißen sie auf Neudeutsch, der Gast muss die riesigen Anlagen gar nicht mehr verlassen. Es geht im wesentlichen um Spaß bei schönem Wetter, viele gehen nicht einmal an den Strand – aber ohne Meerblick geht's trotzdem nicht. Mallorcas Hotels sind zum größten Teil zu Zeiten gebaut worden, als ein ordentliches Zimmer möglichst nah am Strand das Nonplusultra war. Selbst, wenn man diese obsoleten Gebäude jetzt abreißt, reicht das nicht aus, denn die Grundstücke sind viel zu klein, um Resorts im modernen Sinne zu bauen.

Dazu kommt, dass die neuen Konkurrenten – vor zehn Jahren existierten Länder wie Tunesien, Marokko oder Bulgarien praktisch gar nicht auf der touristischen Landkarte – erheblich billiger produzieren können. Niedriges Lohnniveau, schlechte soziale Absicherung und eine weiche Währung – auf Mallorca gab es das auch einmal, jetzt liegt Spanien auf EU-Niveau.

Betrachtet man die Konkurrenz, ist es eigentlich erstaunlich, dass Mallorca immer noch so viele Gäste anlockt. „Der All-inclusive-Zuschlag auf Mallorca ist teurer als das ganze All-inclusive-Paket in einem vergleichbaren Hotel in der Türkei”, hat etwa Kirsten Feld–Türkis von der TUI beobachtet. Einzig logische Schlussfolgerung: Die Insel ist attraktiv genug, dass der Kunde bereit ist, mehr für einen Mallorca-Urlaub zu zahlen als für einen Aufenthalt in der Türkei. „Aber irgendwann ist eben die Schmerzgrenze auch für den größten Mallorca–Fan erreicht”, schränkt Detlef Altmann ein, bei Thomas Cook (Neckermann) für das Profitcenter Flugreisen verantwortlich. Deswegen halten er und die anderen Reiseveranstalter es für notwendig, die Preise zu reduzieren. In der jüngsten Vergangenheit ist das zumindest teilweise gelungen, in diesem Jahr melden alle deutschen Touroperator auf Mallorca Wachstum.

Über den Preis kann Mallorca mit der Konkurrenz so oder so nicht mithalten, alle Meldungen à la „Balearen billiger als im Vorjahr” helfen lediglich vorübergehend. Das war Celestí Alomar schon klar, als er von 1999 bis 2003 Tourismusminister der Balearen war. Der Sozialist, jetzt in der Opposition, fühlt sich angesichts der laufenden Diskussion über die Probleme Mallorcas in seinen Ansichten bestätigt: „Wir müssen auf Qualität setzen, ich habe es immer schon gesagt.” Er zieht den Vergleich heran, der ihm während seiner Amtszeit maximal schlechte Presse eingebracht hatte. „In Deutschland hat man einst den Käfer gebaut. Sehr erfolgreich, ein tolles Auto. Dann haben sich die Zeiten geändert, die Kunden wollten mehr Auto, und waren bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Für den deutschen Markt brauchte man ein neues Produkt. Deswegen hat man den Golf entwickelt, der heute noch viel erfolgreicher als der Käfer ist. Auf Mallorca ist es genauso. Jahrzehntelang konnten wir mit einem relativ einfachen Produkt die Kunden zufriedenstellen. Heute wollen die Kunden etwas Besseres, wofür sie auch gerne mehr Geld ausgeben.” Den Käfer gebe es immer noch: In Ländern, wo billige Produkte weiterhin nachgefragt werden, und wo man sie billiger herstellen kann.

Und so müsse sich Mallorca eben an der Entwicklung der Automobilbranche ein Beispiel nehmen, auf bessere Produkte, bessere Kundschaft und bessere Preise setzen. Alomar wird nicht müde zu betonen, dass er überhaupt nichts gegen Käfer-Fahrer respektive Preiswert-Touristen hat. „Alle sind willkommen auf Mallorca. Aber wir dürfen vor der Realität nicht die Augen verschließen, dass Mallorca Qualitätsführer ist, aber unmöglich noch Preisführer sein kann.”

Alomar wollte die nicht nur nach seiner Meinung notwendige Strukturreform quasi erzwingen. Sein Paradeprojekt hieß Ökosteuer. Sie sollte die Einnahmen bringen, um den Umbau zu finanzieren. Da man ohnehin teurer war, so Alomars Kalkül, kann man ruhig noch ein kleines bisschen mehr kassieren, so lange die Insel noch in Mode ist. Ist das Angebot erst einmal komplett veraltet, sei es dafür zu spät. Doch der Minister hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, also die Hoteliers und Reiseveranstalter: Sie weigerten sich strikt, die Taxe zu kassieren. Die sehr kontroverse, sehr öffentliche Debatte sorgte für so schlechte Presse vor allem in Deutschland, dass Mallorca ein ausgesprochen schlechtes Image erwarb.

Nach der Wahlniederlage der Regenbogenkoalition ist es Alomars Nachfolger Joan Flaquer und dessen mittlerweile zurückgetretenem Direktor des Fremdenverkehrsamtes Juan Carlos Alía eindrucksvoll gelungen, das Image wieder ins Positive zu drehen.

Die Regierung – sowohl auf Regional-, Inselals auch Lokal-Ebene – verlässt sich aber nicht nur auf den Markt. Gerade ist ein 88-Millionen-Euro-Programm verabschiedet worden, mit dem jede Gemeinde der Balearen ein Projekt finanzieren kann, um die Entzerrung der starren Saisonzeiten voranzutreiben. Für den Bau eines großen Kongresspalastes ist ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben worden, nach jahrelangen Reden sollen jetzt endlich Taten folgen. Und die Playa de Palma, Symbol alles Guten und Schlechten, was der Massentourismus Mallorca gebracht hat, soll mit Hilfe des spanischen Zentralstaates einer kompletten Runderneuerung unterzogen werden, Abriss alter Hotels und Entkernung dichtbebauter Zonen inklusive.

Doch der Plan liegt auf Eis. Nicht nur, weil in Madrid und Palma andere Parteien regieren und die Finanzierung ungewiss ist. Sondern auch, weil die Hoteliers gar nicht begeistert sind von der Idee, von der Nähe des Strandes in ein Ausweichgebiet in der Nähe der Cala Blava umzuziehen, auch wenn sie dort Platz hätten für moderne Hotelneubauten. Jordi Cabrer, Präsident des Hotelverbandes der Playa de Palma, weiß nämlich, „dass die Kunden nun mal Meerblick haben wollen”.

Dass es in der Tat auch ohne Politik geht, beweisen die mallorquinischen Ketten Grupotel und Barceló, die an der Playa de Palma Hotels aufwendig neu gebaut beziehungsweise renoviert haben, Wellness-Center und vielfältige Sportangebote eingeschlossen. Weitere Beispiele sind die Initiativen von Protur, die 2003 in Cala Bona das Spa Biomar eröffnet hat; oder Sol-Meliá, das in Palma direkt neben dem Hotel Meliá Victoria ein Tagungs– und Kongresszentrum für 600 Personen gebaut hat. Mallorca-Hoteliers haben das Qualitäts-Siegel „Q” erfunden, sehr viele Häuser sind ISO-zertifiziert.

So investitionsfreudig sind nicht alle Hoteliers. Viele ziehen es vor, ihr Kapital so lange arbeiten lassen, wie es irgend geht. „Die quetschen die Zitrone bis zum letzten aus”, so ein mallorquinischer Herbergsvater. Wenn es auf der Qualitätsschiene nicht mehr geht, senkt man Kosten, macht Sonderangebote. Da die Hotels bereits seit Jahren amortisiert sind, lässt sich das relativ lange durchhalten. Mit kleinen Gewinnen, oder sogar mit kleinen Verlusten.

Ironischerweise geraten gerade einige der Hoteliers in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die viel Geld investiert haben, um ihre Herbergen zu renovieren. Erfüllen sich optimistische Umsatzprognosen nicht, fehlt es plötzlich an Liquidität. Ausgerechnet Miquel Vicens ist der bekannteste Fall; der eloquente Präsident des mallorquinischen Fremdenverkehrsverbands Fomento del Turismo musste mit seiner Green Service SA kürzlich Vergleich anmelden. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs”, ist ein Insider überzeugt, „viele befinden sich in einer ähnlichen Situation, verschleppen aber die Insolvenz oder versuchen zumindest, sie geheim zu halten”. Auf Mallorca regiert eben keine Einheitspartei, es herrschen die Regeln der freien Marktwirtschaft. Unternehmer können mit ihren Hotels letztlich tun – oder lassen – was sie möchten.

So gut viele Hotels auch sein mögen – eine wachsende Zahl von Urlaubern schläft woanders. Die Air Berlin, mittlerweile absoluter Marktführer unter den Mallorca-Carriern, erwartet für dieses Jahr mehr 3'7 Millionen Passagiere in Son Sant Joan, teilt Spanien-Direktor Álvaro Middelmann mit. Dabei sind zwar viele Umsteiger, aber schätzungsweise 1'5 Millionen davon sind Mallorca-Gäste. Was die Hoteliers sehr bedrückt, ist die Tatsache, dass lediglich 40 Prozent davon mit einem Pauschalpaket unterwegs sind. Freilich sorgen sich die Reiseveranstalter deswegen deutlich mehr, denn wie Middelmann betont, steigen von diesem 40 Prozent viele dennoch in einem Hotel ab. Der Anteil der Direktbucher und Selbstorganisierer im Bereich Agro-Tourismus sowie der Luxus– und Boutique–Hotellerie ist nämlich sehr hoch. Das Luxus-Flagschiff Mardavall in Punta Negra etwa macht nur etwa ein Fünftel des Geschäfts über Veranstalter.

Weil das in den Mittelklasse-Herbergen anders ist, beschweren sich viele Hoteliers über den sogenannten Residenten-Tourismus. Aus dem Tourismusministerium heißt es, dass es eigentlich egal sei, wo die Urlauber wohnen, solange sie denn auf Mallorca Urlaub machen. Vermutlich geben Besucher, die privat unterkommen, sogar mehr Geld aus als der „normale” Pauschalurlauber. Restaurants, Schuhe, Leder und vieles anderes mehr: Mallorca ist ein Einkaufsparadies, die Möglichkeiten, Geld auszugeben, sind Legion.

Dass sich die Gastronomen über schlechte Geschäfte beklagen, erklärt ein Regierungsvertreter auch damit, dass das Angebot stark gewachsen ist. Laut offizieller Statistik gab es 2003 auf den Balearen 3815 Restaurants und 1980 Cafeterias mit einer Gesamtkapazität von 343.000 Plätzen; 1986 waren es lediglich 2785 Restaurants, 1941 Cafeterias und Platz für 265.700 Kunden.

Mittlerweile streichen allerdings viele Betriebe die Segel: Zwischen 2002 und 2003 sank die Zahl der Restaurants und Gaststätten auf Mallorca um 285. Álvaro Middelmann kann die Aufregung so oder so nicht verstehen: „Wenn hier jemand eine Ferienwohnung besitzt, ist er doch der treueste Gast, den man sich vorstellen kann. Und ob der Eigentümer selbst kommt oder ein Freund oder Verwandter, spielt in der Inselkasse auch keine Rolle.”

Die Selbstbucher und Ferienhaus-Besucher verstärken den ohnehin bestehenden Trend zum kurzfristigen Buchen. Sie hätten nur einen Grund, Monate im voraus zu planen: Dann gibt es die billigsten Flüge. Aber auch Pauschal-Urlauber unterschreiben ihre Reservierungen immer später. Nach 40 Jahren, in denen man mindestens ein halbes Jahr im voraus wusste, wie die Saison verlaufen wird, müssen Reiseveranstalter und Hoteliers jetzt viel mehr tun, um Kunden anzulocken.

„Aber die meisten Herbergsväter sind noch dem alten Modell verhaftet und warten darauf, dass ihnen der Reiseveranstalter die Gäste bringt”, sagt Unternehmensberater Wolf Hanke. Nach seiner Beobachtung setzt sich gerade bei den mittelständischen Unternehmen nur langsam die Erkenntnis durch, „dass sie sich selber um Gäste bemühen müssen”.

Vielleicht liegt das Problem Mallorcas auch ganz anders. „Wenn es nach mir ginge, würde ich alle Besucherstatistiken streichen und ganz von vorne anfangen”, sagt ein Regierungsbeamter. Denn „die Rekordzahlen der Vergangenheit verstellen uns den Blick auf die Realität”. 1999 flogen 7'2 Millionen Urlauber nach Mallorca, so viel wie nie zuvor und nie mehr danach. Die für den Mallorca-Tourismus goldenen 90er Jahre waren aber nicht nur wegen der Attraktivität der Insel so erfolgreich.

Kriege im Irak und auf dem Balkan haben das östliche Mittelmeer zum urlauberfreien Gebiet gemacht, wer an die Sonne wollte, musste praktisch nach Mallorca. In „normalen” Zeiten hätte es ein so spektakuläres Wachstum nicht gegeben. Wolfgang Beeser, damals und heute wieder Chef von Neckermann/Thomas Cook, hat als erster öffentlich auf den „künstlichen Boom” hingewiesen. Jetzt sind die Zahlen mithin wieder „normal”.

Fazit: Mallorca hat viele objektiven Vorteile, die den Tourismus als einträglichen Wirtschaftszweig auch langfristig sichern. Aber das Geschäfts läuft nicht mehr von alleine. Jeder – Unternehmer, Angestellter, Politiker, Beamte – müssen täglich daran arbeiten, das bestmögliche Produkt zu liefern. Wer sich ausruht, scheitert. Wer sich bewegt, bleibt am Ball.

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