Das Unfassbare fassbar machen – oder warum Bücher manchmal besser sind als Baldrian
Es gibt Tage, da hilft nur noch eins: ein gutes Buch. Während andere sich mit Baldrian-Tropfen oder einem Glas Rotwein behelfen, nehme ich mir ein Buch, das mich in eine andere Welt trägt. Lesen ist mehr als Zeitvertreib, es ist Therapie. Und das ganz ohne Wartezeit auf einen Termin. Als ich vor einigen Jahren selbst einen Trauerfall zu beklagen hatte, gab es zunächst auch für mich keinen Trost. Das Leben erschien einfach nur ungerecht und grausam. Was kann gegen diesen unsagbaren Schmerz der Trauer helfen? Zunächst gar nichts. Nach einiger Zeit stieß ich auf das Buch von Isabell Schupp „Die Nacht bringt mir den Tag zurück», indem sie über Leben und Tod ihrer Tochter Pauline schreibt, die mit 16 Jahren an Leukämie gestorben ist. Dieses Buch wurde zu meinem Trost. Ich konnte mit Isabell leiden, lachen und weinen und so, im Laufe der Zeit, meine eigene Trauer integrieren.
Manchmal fühlt man sich allein, selbst wenn man von Menschen umgeben ist. Vielleicht, weil keiner die richtigen Worte findet. Oder weil es niemanden gibt, der zuhört. Und dann gibt es Bücher. Sie unterbrechen nicht und verlangen kein Lächeln. Aber sie sind da. Und wer jemals nachts wachgelegen und mit einer Romanfigur gelitten hat, weiß: Man kann in Geschichten eintauchen, als wären sie echte Begegnungen.
Literatur ist wie eine Reise ohne Kofferpacken. Wer einsam ist, kann sich mit Sherlock Holmes auf Verbrecherjagd begeben, mit Elizabeth Bennet durch englische Gärten spazieren oder mit Harry Potter nach Hogwarts fliehen. Und ja, es fühlt sich manchmal an, als würde man wirklich dort sein. Eine gute Geschichte ist ein Portal – hinein in ein anderes Leben, das für ein paar Stunden das eigene vergessen lässt.
Ein besonders tröstliches Buch für einsame Tage ist „Die Mitternachtsbibliothek» von Matt Haig. Darin geht es um eine Frau, die ihr Leben als eine einzige Enttäuschung empfindet und in einer mysteriösen Bibliothek landet, in der sie all die Leben ausprobieren kann, die sie hätte führen können. Wer mit Einsamkeit kämpft, findet sich in dieser Geschichte wieder – und vielleicht auch einen Funken Hoffnung.
Oder nehmen wir „Das Café am Rande der Welt» von John Strelecky, das eine sanfte, aber eindringliche Botschaft vermittelt: Man ist nicht allein auf der Suche nach Sinn. Ein Buch, das wie ein freundlicher Begleiter durch schwierige Zeiten führt.
Manchmal sucht man in Büchern nicht die Flucht, sondern Erklärungen. Man liest, um sich selbst zu verstehen. Wer Liebeskummer hat, kann sich mit Erich Maria Remarque („Die Liebe in den Zeiten des Krieges») ins Drama stürzen oder sich von Jane Austen („Stolz und Vorurteil») zeigen lassen, dass es auch zweite Chancen gibt.
Wem das nicht reicht, der kann es mit „Gut gegen Nordwind» von Daniel Glattauer versuchen. Eine Geschichte, die zeigt, wie nah man sich kommen kann, ohne sich je zu berühren. Ein Trost für alle, die schon einmal von der Liebe hin- und hergeworfen wurden.
Wer mit Einsamkeit kämpft, findet vielleicht Trost in „Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry oder in „Das geheime Leben der Bäume» von Peter Wohlleben – denn wenn sogar Bäume miteinander kommunizieren, dann ist niemand wirklich allein.
Und wer sich mit dem Leben schwertut, könnte sich von Viktor Frankl inspirieren lassen, der in „Trotzdem Ja zum Leben sagen» zeigt, dass selbst im tiefsten Leid Sinn gefunden werden kann. Dieses Buch wurde von einem Mann geschrieben, der das Grauen des Konzentrationslagers überlebt hat – und dennoch einen Weg fand, in der Welt zu bestehen.
Es gibt Phasen, in denen man einfach nicht nachdenken möchte. Keine Selbstreflexion, keine tiefen Einsichten, einfach nur Eskapismus. Dann braucht es Bücher, die einen mitnehmen, ohne dass man großartig etwas leisten muss. Krimis sind da ein wunderbarer Trick: Der eigene Kopf ist so damit beschäftigt, den Mörder zu finden, dass er vergisst, über das eigene Drama nachzudenken. Agatha Christie oder Fred Vargas? Perfekt.
Oder vielleicht etwas Skurriles, um die Perspektive zu wechseln? Walter Moers und sein „Käpt’n Blaubär» beweisen, dass Fantasie wirklich jede Realität übertrumpfen kann. Und für Tage, an denen man dringend lachen muss, hilft alles von Marc-Uwe Kling.
Wer es epischer mag, kann sich in die Welt von „Der Herr der Ringe» stürzen oder mit „Game of Thrones» einfach mal das eigene Leid vergessen – denn verglichen mit Intrigen, Drachen und Machtspielen im fernen Westeros erscheint die eigene Situation plötzlich doch gar nicht mehr so schlimm.
Manchmal geht es nicht nur ums Lesen, sondern ums Geschichtenerzählen selbst. Es ist erstaunlich, wie viele großartige Autoren körperlich oder seelisch krank waren und trotzdem Werke geschaffen haben, die Jahrhunderte überdauerten.
Franz Kafka kämpfte mit Angststörungen und hat uns „Die Verwandlung» hinterlassen, eine Geschichte über Fremdsein und Identität. Virginia Woolf litt an Depressionen und schenkte der Welt „Mrs. Dalloway» und „Orlando». Stefan Zweig schrieb seine größten Werke im Schatten seiner inneren Dämonen.
Und dann gibt es Helen Keller, die taub und blind war – und dennoch eine Schriftstellerin und Philosophin wurde, die unzählige Menschen inspiriert hat. Es zeigt: Schreiben ist wie Lesen – eine Art, das Unfassbare fassbar zu machen.
Und das Schönste: Wer liest, ist nie wirklich allein. Bücher verbinden. Wer einmal mit einem anderen Bücherwurm über ein geliebtes Buch gesprochen hat, kennt das Gefühl, plötzlich nicht mehr fremd zu sein. Man teilt eine Welt, ein Gefühl, eine Erinnerung. Ein gemeinsames „Oh mein Gott, die letzte Seite!» kann der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.
Literatur vereint uns über Zeiten und Räume hinweg. Man kann mit jemandem am anderen Ende der Welt über dieselbe Geschichte weinen, lachen oder diskutieren. Das ist das Schöne am Lesen – es öffnet Türen, nicht nur im Kopf, sondern auch zwischen Menschen.
Vielleicht liegt genau darin die Magie des Lesens: Es ist nicht nur eine Flucht, sondern ein Zuhause. Ein Ort, an den man immer zurückkehren kann – egal, wie laut, einsam oder schmerzhaft das Leben gerade ist.
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