Gefangen in der Präsentismus-Falle: Warum Sie damit nicht nur Ihre eigene Gesundheit gefährden
Gerade schwappt mal wieder eine Welle von Erkältungs- und Grippeerkrankungen über die Insel. Bis jetzt hat mein Immunsystem gut gearbeitet und konnte alle Viren, Bakterien und sonstigen unangenehmen Kleinstorganismen abwehren. Selbstständig sein hält gesund! Zumindest ist das meine Erfahrung. Sollte es mich allerdings doch mal erwischt haben, kann ich es mir natürlich nicht erlauben, krank zu arbeiten. Das wäre eine Zumutung für meine Klienten und undenkbar. Ich kann mich aber auch an andere Zeiten erinnern. Zeiten, in denen ich mit dem Kopf unter dem Arm in die Firma gefahren bin. Ohne es zu wissen, war ich gefangen in der Präsentismus-Falle.
Manche Menschen kommen immer zu spät zur Arbeit. Andere sind immer da – selbst, wenn sie eigentlich ins Bett gehören. Willkommen in der Welt des Präsentismus (Englisch: sickness presenteeism): jenem eigentümlichen Phänomen, das uns dazu bringt, uns krank ins Büro zu schleppen, als hinge unser gesamtes Berufsleben von genau diesem einen Arbeitstag ab. Dabei gefährden wir nicht nur unsere eigene Gesundheit, sondern auch die unserer Kollegen, die Produktivität des Unternehmens – und letztlich die gesamte Gesellschaft.
Aber warum tun wir das? Warum legen wir uns nicht einfach wieder ins Bett, wenn der Kopf dröhnt, der Hals kratzt und der Körper Fieber meldet? Die Antwort ist so vielfältig wie absurd: Pflichtbewusstsein, Angst vor dem Chef, schlechtes Gewissen gegenüber den Kollegen, der Glaube an die eigene Unersetzlichkeit oder schlichtweg der Wunsch, die mühsam zusammengekratzten Überstunden nicht für einen Tag im Pyjama zu opfern.
Studien über Präsentismus – ein teurer Irrtum
Forscher haben sich das genauer angesehen und festgestellt: Präsentismus ist nicht nur weit verbreitet, sondern auch wahnsinnig teuer. Studien zeigen, dass Mitarbeitende, die krank zur Arbeit gehen, oft viel weniger leisten als in gesundem Zustand – ein Phänomen, das als „Leistungspräsentismus» bezeichnet wird. Sie sitzen zwar am Schreibtisch, aber ihr Kopf ist woanders. Die Konzentration leidet, Fehler häufen sich, und alles dauert länger als sonst. Man könnte also sagen: Wer mit Fieber E-Mails schreibt, produziert doppelt so viel heiße Luft und halb so viele brauchbare Antworten.
Laut einer Untersuchung der Harvard Business Review verursacht Präsentismus größere wirtschaftliche Schäden als krankheitsbedingte Fehlzeiten. Warum? Weil kranke Mitarbeitende nicht nur ineffizient arbeiten, sondern auch andere anstecken. Da wird ein einziger hartnäckiger Kollege zum Superspreader, wenn er mit einer Grippe durch das Großraumbüro tobt und damit in zwei Wochen für mehr Arbeitsausfälle sorgt, als ein kurzfristiger Fehltag je gekostet hätte.
Warum machen wir
das trotzdem?
Hier kommt die Psyche ins Spiel. Viele Menschen haben ein tief verankertes Bedürfnis, „durchzuhalten». Unser Arbeitsleben ist von dem Gedanken durchzogen, dass Anwesenheit mit Leistung gleichzusetzen sei. Der Klassiker: „Wer krank ist, ist schwach.» Dabei ist es genau andersherum. Wer seine Grenzen kennt, seinen Körper ernst nimmt und sich erlaubt, sich zu regenerieren, ist langfristig leistungsfähiger – und bleibt vor allem gesund.
Dazu kommt die Angst vor beruflichen Konsequenzen. Gerade in unsicheren Jobverhältnissen oder bei befristeten Verträgen wagen es viele nicht, sich krankzumelden. Sie befürchten, als „nicht belastbar» abgestempelt zu werden. In extremen Fällen führt das sogar dazu, dass Menschen trotz ernsthafter Erkrankungen arbeiten – bis hin zum Burnout.
Der Dominoeffekt:
Wie Präsentismus das
ganze Team belastet
Das Problem mit dem „Ich-zieh-das-durch»-Denken: Es betrifft nicht nur einen selbst. Der hustende Kollege in der Ecke verbreitet nicht nur Bakterien, sondern auch Druck. Wer sich krank ins Büro schleppt, sendet unterschwellig eine Botschaft: „Seht her, ich komme selbst mit 39 Grad Fieber! Ihr solltet das auch tun.» Besonders in Teams, in denen kranke Kollegen keinen Ersatz bekommen, wächst dieser Gruppenzwang.
Und dann gibt es noch die Ironie des Ganzen: Wer krank arbeitet, bleibt oft länger krank. Eine verschleppte Erkältung kann zur Bronchitis werden, eine Grippe zu einer Lungenentzündung – und dann folgt die Zwangspause. Während ein einziger Fehltag womöglich genügt hätte, sind es nun Wochen der Arbeitsunfähigkeit.
Wie widerstehen Sie dem Drang, sich krank zur
Arbeit zu schleppen?
Es beginnt mit der Erkenntnis, dass Gesundheit nicht verhandelbar ist. Und dass krank sein nicht bedeutet, faul oder schwach zu sein. Manchmal hilft es, sich selbst folgende Fragen zu stellen:
- Wäre ich glücklich, wenn mein Kollege mit diesen Symptomen neben mir sitzen würde?
- Macht meine Anwesenheit heute wirklich einen Unterschied – oder bin ich nur physisch anwesend?
- Werde ich schneller gesund, wenn ich mich ausruhe?
Wer merkt, dass die Antworten auf diese Fragen eindeutig sind, sollte zum Hörer greifen und sich krankmelden – ohne schlechtes Gewissen.
Was können
Unternehmen tun?
Firmen sollten ein Arbeitsklima schaffen, in dem Krankheit nicht als Schwäche gesehen wird. Flexible Homeoffice-Regelungen können helfen, ebenso wie klare Signale von Vorgesetzten, dass Mitarbeitende sich auskurieren dürfen – ja, sogar sollen. Manche Unternehmen belohnen mittlerweile gesunde Präsenz, indem sie für durchgängig gesunde Arbeitsmonate Bonusprogramme anbieten.
Ein neues Mantra: Zu Hause bleiben ist gesund für alle
Die Wahrheit ist: Wer krank ist, gehört ins Bett, nicht ins Büro. Wer krank arbeitet, schadet sich selbst, den Kollegen und am Ende sogar der Firma. Eine Auszeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung – sich selbst und anderen gegenüber.
Und mal ehrlich: Ein Tag mit Tee, Decke und Netflix ist manchmal genau das, was der Körper braucht. Also, lassen Sie den Laptop zu, die Kollegen in Ruhe – und genießen Sie die heilende Kraft des Nichtstuns!
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