Ohne Papa geht es nicht

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Welche Auswirkungen hat die Abwesenheit des männlichen Elternteils?

„Dein Vater kommt bald wieder.» Ein Satz, der in vielen Kinderzimmern fiel, während draußen die Weltgeschichte tobte. Doch oft kam er nicht zurück. Kriege rissen Männer aus ihren Familien, hinterließen Lücken, die mit nichts zu füllen waren. In den Nachkriegsjahren wuchsen ganze Generationen ohne Väter auf. Die Frauen stemmten alles alleine – Arbeit, Erziehung, Haushalt. Die Kinder mussten früh lernen, stark zu sein. Und doch blieb da etwas – eine Sehnsucht, eine Leere, die sich durch die Jahre zog.

Heute gibt es bei uns keinen Krieg mehr, der Väter zwingt zu gehen. Heute gehen sie oft freiwillig. Trennungen, neue Beziehungen, manchmal auch schlicht die Flucht vor Verantwortung. Es gibt Mütter, die den Vater ihrer Kinder bewusst verschweigen, als wäre er nie da gewesen. Manche Männer wiederum machen sich auf und davon, starten ein neues Leben und vergessen dabei, dass sie schon eines hatten – mit einem Kind, das immer noch wartet.

Es gibt Fälle, in denen Mütter bewusst den Kontakt zum Vater verhindern. Sei es aus verletzten Gefühlen, Stolz oder der Überzeugung, dass das Kind ohne den Vater besser dran sei. Doch diese Entscheidung kann langfristige Konsequenzen haben. Kinder, denen die Möglichkeit genommen wird, eine Beziehung zum Vater aufzubauen, entwickeln oft Unsicherheiten in ihrer eigenen Identität. Sie können Schwierigkeiten haben, stabile Beziehungen einzugehen, und tragen nicht selten eine unterschwellige Wut oder Trauer in sich, die sie nicht zuordnen können.

Psychologen betonen, dass Kinder das Recht auf beide Elternteile haben und dass der bewusste Ausschluss eines Elternteils in vielen Fällen langfristige emotionale Folgen haben kann. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts zeigt, dass Kinder, die von einem Elternteil entfremdet werden, häufiger unter Bindungsstörungen und Selbstzweifeln leiden. Auch das Selbstwertgefühl leidet erheblich, da die Abwesenheit des Vaters oft als stillschweigende Ablehnung empfunden wird.

Ein Kind ohne Vater wächst mit Fragen auf. Warum wollte er mich nicht? Was habe ich falsch gemacht? Und immer wieder diese unsichtbare Leere. Psychologen sprechen von Bindungsstörungen, Unsicherheiten, Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen. Studien zeigen, dass Kinder ohne Vaterfigur oft ein geschwächtes Selbstbewusstsein haben, sich schwerer in Beziehungen tun oder gar selbst Probleme mit Verantwortung entwickeln.

Eine Studie des Robert Koch-Instituts zeigt, dass väterlose Kinder häufiger unter psychischen Belastungen leiden und ein erhöhtes Risiko für Depressionen haben. Eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung bestätigt, dass die Vaterpräsenz besonders für Jungen entscheidend ist, um ein gesundes Männlichkeitsbild zu entwickeln. Fehlt sie, besteht die Gefahr, dass sie Orientierungslosigkeit erfahren oder sich an problematischen Vorbildern orientieren.

Viele Kinder entwickeln ein tiefes Gefühl von Verlassenheit. Sie können das Fehlen der väterlichen Liebe nicht begreifen und versuchen oft, diese Leere durch Perfektionismus oder rebellisches Verhalten zu kompensieren. Manche entwickeln Bindungsängste, weil sie gelernt haben, dass Menschen, die sie lieben, gehen könnten. Besonders in der Pubertät werden die Folgen spürbar: das Suchen nach Anerkennung in problematischen Gruppen, Schwierigkeiten in der Identitätsfindung und eine ständige innere Unsicherheit.

Mütter versuchen das auszugleichen, geben doppelt so viel Liebe, doppelt so viel Aufmerksamkeit. Doch so sehr eine Mutter ihr Kind liebt – der Vater bleibt unersetzbar. Er verkörpert andere Werte, andere Perspektiven. Und das Fehlen hinterlässt Spuren.

Interessanterweise ist es nicht nur das Kind, das leidet. Auch Väter tragen die Last ihres Verschwindens mit sich herum. Viele verdrängen es, andere holt die Vergangenheit irgendwann wieder ein. Schuldgefühle, Scham, die Angst, sich nach Jahren wieder zu nähern. Manche haben Angst davor, dass das Kind längst ohne sie klarkommt – oder schlimmer: dass es sie nicht mehr will.

Die psychologischen Auswirkungen auf Väter, die den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben, sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Eine Studie der Universität Hamburg ergab, dass entfremdete Väter häufig unter psychosomatischen Beschwerden, Angststörungen und depressiven Episoden leiden. Viele von ihnen kämpfen mit dem Bild des „Versagers», das sie sich selbst auferlegen. Der Schmerz, ein Leben ohne das eigene Kind zu führen, ist oft unausgesprochen und begleitet sie über Jahre hinweg.

Doch es gibt auch die, die sich irgendwann auf die Suche machen. Sie klopfen zaghaft an Türen, rufen an oder schreiben Briefe. Manche Kinder sind bereit, ihnen eine zweite Chance zu geben – andere nicht. Das ist die bittere Wahrheit: Verschwinden ist leicht. Zurückkommen erfordert Mut und Geduld.

Es ist nie zu spät für einen Neuanfang. Vielleicht braucht es Zeit, vielleicht auch professionelle Hilfe. Psychologen empfehlen, sich ehrlich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aber nicht in Schuldzuweisungen steckenzubleiben. Auch Vergebungsarbeit kann hilfreich sein.

Kleine Schritte können Großes bewirken: ein Anruf, eine gemeinsame Unternehmung, ehrliches Interesse. Wichtig ist, dass es von Herzen kommt und nicht aus einem Pflichtgefühl heraus. Auch Mütter können Brücken bauen, indem sie dem Vater eine Chance geben, sich wieder einzubringen – wenn er es ernst meint.

Und ja, manchmal bleibt nur der Versuch, den Kindern zu erklären, dass nicht jeder Vater in der Lage ist, eine Vaterrolle auszufüllen. Dass nicht jeder Mann die emotionale Kraft hat, Verantwortung zu tragen. Doch das Wichtigste ist: Kinder dürfen niemals glauben, dass sie schuld daran sind.

Vielleicht sollten wir uns alle ein Beispiel an der Natur nehmen. In der Tierwelt gibt es nämlich großartige Papas: Pinguine zum Beispiel brüten ihre Eier selbst aus, während Mama Fische holt. Seepferdchen tragen die Babys abwechselnd in ihrer Bauchtasche. Nur der Mensch scheint es manchmal komplizierter zu machen, als es sein müsste. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr wie die Seepferdchen sein – nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter.