„Ach, ich kann das einfach nicht …«

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So erkennen Sie die Waffe der strategischen Unfähigkeit

Es gibt Sätze, die klingen harmlos, sind aber heimliche Sprengsätze in Beziehungen, am Arbeitsplatz und dem täglichen Wahnsinn: „Das kann ich nicht so gut wie du.« Oder: „Ich habe das ja noch nie gemacht.« Wer diesen Worten begegnet, ahnt oft nicht, was sich dahinter verbirgt – ein Verhaltensmuster, das mittlerweile einen eigenen Namen trägt: weaponized incompetence. Auf Deutsch: bewaffnete Unfähigkeit.

Was ist das?

Ganz einfach erklärt, handelt es sich um ein Verhalten, bei dem jemand absichtlich inkompetent handelt oder sich unwissend gibt, um sich vor Aufgaben zu drücken. Klingt manipulativ? Ist es auch. Die absichtliche Inkompetenz wird zur Waffe, mit der Verantwortung und Arbeit elegant an andere weitergereicht werden.

Der Klassiker: Im Haushalt. „Schatz, ich weiß doch nicht, wie man die Waschmaschine bedient!« – und schon landet der Wäscheberg bei jemand anderem. Im Büro sieht es ähnlich aus: „Ich bin echt nicht gut in Excel, kannst du das übernehmen?« Die Folge: Jemand anderes räumt auf, organisiert oder erledigt den Job – während der vermeintlich „Unfähige« entspannt die Füße hochlegt.

Woher kommt dieses Verhalten?

Das Muster ist tief verwurzelt in sozialen Strukturen und Rollenbildern. In Partnerschaften sind es oft Frauen, die dieses Verhalten erdulden müssen – schließlich hat die Gesellschaft ihnen lange genug eingeredet, sie seien für Haushalt, Kinder und emotionale Arbeit zuständig. Männer dagegen wurden oft nicht darin bestärkt, Alltagsaufgaben zu meistern. Warum also nicht die alte Karte „Ich kann das nicht« ziehen und die Last anderen überlassen?

Aber auch im Berufsleben hat sich die bewusste Unfähigkeit eingeschlichen. Manche Mitarbeitende schätzen ihren Aufwand falsch ein oder spielen auf Zeit – in der Hoffnung, dass jemand anderes die Aufgabe übernimmt. Es ist eine subtile, aber effektive Form des Prokrastinierens.

Was steckt dahinter?

Es gibt verschiedene Motive für dieses Verhalten:

  1. Bequemlichkeit: Warum sich anstrengen, wenn jemand anders die Arbeit macht?
  1. Angst vor Fehlern: Lieber gar nichts tun, als etwas falsch zu machen.
  1. Machtspiele: Verantwortung geschickt abgeben, um die eigene Position zu stärken.
  1. Gelerntes Verhalten: Wer nie gelernt hat, Aufgaben zu übernehmen, wird sich nur schwer von alten Mustern lösen.

Wie erkennt man es?

Weaponized incompetence erkennt man an wiederkehrenden Ausreden oder einer plötzlichen Unfähigkeit in bestimmten Bereichen. Beispiele? „Das ist einfach nicht meine Stärke.« Oder: „Wenn ich das mache, dauert es doppelt so lange wie bei dir.« Der Clou: Sobald es sich um eine Aufgabe handelt, die der Person selbst wichtig ist, klappt es plötzlich wie von Zauberhand.

Was tun, wenn man betroffen ist?

  1. Aufzeigen, nicht übernehmen: Statt die Aufgabe sofort zu erledigen, die Person anleiten oder auf Hilfsmittel hinweisen. Ja, die Bedienungsanleitung für die Waschmaschine existiert tatsächlich!
  1. Grenzen setzen: „Das kannst du selbst machen« ist eine klare Botschaft – und nein, das ist nicht unhöflich.
  1. Verantwortung verteilen: Im Büro kann es helfen, Aufgaben klar zuzuteilen und Ergebnisse einzufordern.
  1. Geduld üben: Manche Menschen brauchen Zeit, um aus ihrer Komfortzone zu kommen. Das ist okay – solange sie sich ehrlich bemühen.

Was, wenn man selbst ertappt wird?

Hier hilft nur Ehrlichkeit. Sich einzugestehen, dass man sich bewusst unfähig stellt, ist unangenehm, aber der erste Schritt zur Besserung. Fragen Sie sich: Warum drücke ich mich? Und: Wäre es nicht besser, diese Aufgabe zu lernen, statt sie immer abzugeben?

Ein bisschen Humor darf sein

Natürlich gibt es Situationen, in denen Unfähigkeit einfach ehrlich ist. Ich etwa bin schlichtweg nicht in der Lage, Schränke des schwedischen Möbelhauses selbst aufzubauen, ohne mindestens eine Schraube übrig zu haben. Aber: Ich versuche es trotzdem. Der Unterschied? Meine Unfähigkeit ist keine Waffe, sondern eine Tugend. Schließlich habe ich so gelernt, dass man immer erst die Anleitung lesen sollte – zumindest beim zweiten Regal. Und zusammen mit meiner lieben Freundin, die ganz eindeutig den Titel „Ikea-Fachfrau« verdient, macht es auch viel mehr Spaß.

Wenn Unfähigkeit unbewusst ist

Nicht immer wird Unfähigkeit bewusst als Waffe eingesetzt. Manchmal steckt hinter dem Verhalten keine Manipulation, sondern schlicht Unwissenheit oder Unsicherheit. Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend wenig Verantwortung übernehmen mussten oder selten die Gelegenheit hatten, Fähigkeiten wie Kochen, Reparieren oder Organisieren zu erlernen, fühlen sich oft überfordert. Ihr „Das kann ich nicht« ist dann keine Ausrede, sondern Ausdruck echter Hilflosigkeit.

Auch Perfektionismus kann eine Rolle spielen: Wer Angst hat, nicht gut genug zu sein oder einen Fehler zu machen, zieht sich lieber zurück, bevor er scheitert. Dieser Mechanismus ist oft tief in der Psyche verankert und hat weniger mit Bequemlichkeit zu tun, als mit der Angst, nicht den Erwartungen anderer zu genügen. In solchen Fällen hilft ein einfühlsames Gespräch, um zu ergründen, wo die Ursachen liegen, und gemeinsam Wege zu finden, mehr Selbstbewusstsein und Kompetenz aufzubauen.

Denn am Ende gilt: Nicht jeder, der sagt „Das kann ich nicht«, meint es böse – aber jeder kann lernen, wie es geht. Manchmal braucht es nur einen kleinen Anstoß oder etwas Unterstützung, um aus der vermeintlichen Unfähigkeit echte Fähigkeiten werden zu lassen.

Ein Plädoyer für mehr Miteinander

Weaponized incompetence ist also eine Herausforderung, aber keine Sackgasse. Mit Offenheit, klaren Absprachen und einem Schuss Humor kann man dieses Verhalten entlarven und überwinden. Denn am Ende geht es darum, Verantwortung zu teilen und gemeinsam besser zu werden – sei es im Haushalt, im Büro oder beim Aufbau von Möbeln.

Also, wenn Sie das nächste Mal hören: „Das kannst du besser«, antworten Sie doch einfach mit einem Augenzwinkern: „Vielleicht – aber du kannst es lernen.« In diesem Sinne.