„Auf einmal hängst du drin und weißt nicht, wie es ausgeht”

Zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober hörte sich MM unter Residenten um: Wie haben Sie den 9. November 1989, als die Berliner Mauer fiel, erlebt? Was halten Sie vom Nationalfeiertag? Ein Ehepaar aus Peguera – gebürtig in Potsdam – berichtet über seine Haft-erlebnisse als „Republikflücht-inge”

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Vor dem "Stasi-Knast" in Bautzen - "Republikflücht- linge, die nach Paragraph 214 verurteilt wurden, bekamen in der Regel ein Jahr und acht Monate" - rettete die beiden im August 1989 nur der kurz bevorstehende Mauerfall. Wenn Mike und Martina Reindl aus Potsdam, die im Mai 2006 ihr "Strandcafé Schwarzwald" in Peguera eröffnet haben, heute an diese Zeit zurückdenken, kommt ihnen alles wie ein Film vor - Filmrisse inklusive. Einige Details dieser kurzen, dramatischen Monate scheinen wie ausgelöscht, wie die Nachwirkungen eines Schocks, den man erst im Nachhinein aufzuarbeiten beginnt: "Auf einmal hängst du da drin und weißt nicht, wie es ausgeht."

Mit einem 311er Wartburg macht sich das junge Paar mit einem Freund am 29. Mai 1989 auf den Weg nach Ungarn, um von dort nach Österreich zu fliehen: "Kein Gepäck, kein Laut zu Familie, Kollegen oder Freunden. Man wusste ja, was dann sofort geschieht: Stasi-Verhöre." Ihr ungarischer Freund Gabor hat ihnen einen Tipp für einen "wenig bewachten Grenzort" gegeben: Szombately. "Als wir dort ankamen, empfingen uns schon die Grenzer." Sie werden sofort verhaftet - dabei ist das Kreuz, das sie auf die Landkarte gemalt hatten, der einzige "Beweis".

Was folgt, sind drei Mo- nate Albtraum: In Handschellen von einem Gefängnis ins nächste, Trennung vom Partner, Ungewissheit. Am schlimmsten die erste Woche in dem ungarischen Dorf Szombately: "Morgens eine Tasse Tee und eine Scheibe Brot mit ,Augenwurst', mittags eine Brühe, aus der Geflügelkrallen herausschauten, abends wieder besagtes Brot." Dann wird das junge Paar, das zwei Jahre zuvor geheiratet hat, per Bus nach Budapest verlegt, zwei Wochen lang Verhöre: "Aber ohne Gewalt. Die haben wohl geahnt: Irgendwann machen sie die Grenze auf."

Per Flugzeug und mit Handschellen werden sie anschließend nach Berlin transportiert: "Neben jedem Gefangenen saß ein Stasi-Mitarbeiter." Nach zweieinhalb Monaten "Stasi-Knast" in der Hauptstadt geht es weiter in die Untersuchungshaft nach Potsdam in die Lindenstraße, genannt "Linden-Hotel". Hier müssen sie ihre persönliche Kleidung abgeben, werden in Trainingsanzüge und Hausschuhe gesteckt, eine Stunde "Freigang" an der frischen Luft, mehr nicht. Erinnerungen wie im Film. Durch die Fenster aus dicken Glasbausteinen ruft Mike seiner Frau vom anderen Ende des Gebäudes "Dicke, ich liebe dich" zu, und sie antwortet: "Ich dich auch." Dann kommt ihr dritter Hochzeitstag am 7. August, sie schaffen es tatsächlich, sich zu sehen - im Vernehmungszimmer: "Meine Eltern hatten uns Kuchen gebracht, wir saßen uns an einem langen Tisch gegenüber, daneben ein Vollzugsbeamter, der uns keine Sekunde aus den Augen ließ."

Getrennt, jeweils zu zweit, sitzen sie in einer Zelle, mit den Nachbarn kommuniziert man per Klopfzeichen: "A einmal, B zweimal, man hatte ja sonst nichts zu tun." Ein letzter Umzug in den "Polizei-Knast" von Potsdam, wo sie ihre persönliche Kleidung wiederbekommen. Nach anderthalb Wochen heißt es plötzlich: Zurück ins "Linden-Hotel": "Wir haben uns gefreut, es hieß, von dort wird man in den Westen abgeschoben."

Irrtum. Am nächsten Tag, es ist der 29. August, heißt es: "Hier sind eure Autoschlüssel, ihr könnt nach Hause fahren." Sie seien ratlos gewesen, sagt Martina Reindl: "Was machen wir denn jetzt?" Gut zwei Monate hätten sie dann nur "so vor sich hingelebt": "Wir waren ja Republikflüchtlinge mit Ausreiseantrag. Wir konnten nur warten." Bis zum 9. November, als die unfassbare Nachricht im Fernsehen kam: "Die Mauer ist weg."

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