Senta Berger „Immer stark sein ist langweilig”

Mallorca - Als Schirmherrin der Initiative „Stark gegen den Schmerz” kommt Senta Berger nach Palma. MM sprach mit der Schauspielerin über Arthrose, „Kir Royal” und das Geheimnis ihrer Jugendlichkeit

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Mallorca Magazin: Was war für Sie der Impuls, sich für die Initiative „Stark gegen den Schmerz” zu engagieren?
Senta Berger: Ich habe die Schirmherrschaft für die Initiative 2003 übernommen. Ich engagiere mich, weil ich, wie fast alle Frauen in meiner Familie, von Arthrose betroffen bin. Es gibt eine genetische Form der Fingerarthrose. Mein Mann, der Regisseur Michael Verhoeven, hat Medizin studiert und lange im Krankenhaus gearbeitet. Er hat mir viel über Arthrose sagen und raten können, als sich die Polyarthrose vor etwa zehn Jahren auch bei mir gezeigt hat. Das, was ich weiß und was mir geholfen hat, möchte ich auch anderen Menschen vermitteln. Deshalb unterstütze ich die Initiative „Stark gegen den Schmerz” als Schirmherrin.

MM: Wo sehen Sie den Schwerpunkt Ihrer Arbeit?
Senta Berger: Besonders wichtig ist mir, dass Patienten mit Arthrose sich nicht allein gelassen fühlen. Sie sollen wissen, dass es Initiativen und Personen gibt, die sich für ihre Belange einsetzen und die Informationen zur Verfügung stellen. Sie sollen erfahren, wie wichtig es ist, sich zu bewegen – gerade auch, wenn man bereits unter Arthrose leidet. Und dass es heute neue Therapiemöglichkeiten gibt, die den meisten Betroffenen eine schmerzfreie Bewegung ermöglichen. Unsere Initiative möchte Patienten ermutigen, selbstbewusster ihren Ärzten gegenüber aufzutreten. Patienten sollten auch selbst mehr Verantwortung für sich und ihren Körper übernehmen.

MM: Ihre Mutter, sagen Sie, wurde 98 und war stets – dank eines engagierten Orthopäden – sehr beweglich. Was war ihr Geheimnis – und was haben Sie daraus gelernt?
Senta Berger: Meine Mutter litt stark unter Arthrose. Sie hat dennoch darauf geachtet, bis ins hohe Alter in Bewegung zu bleiben. Unterstützt wurde sie durch ihren Orthopäden, der sie gezielt mit Physiotherapie und medikamentöser Therapie betreut hat. Es heißt ja, dass Bewegung die Gelenke auf natürliche Weise schmiert. Wenn Sie aber eine Hüftarthrose haben, kann es zunächst sehr schmerzhaft sein, sich zu bewegen. Meiner Mutter halfen ihre Disziplin und die Unterstützung ihres Orthopäden. Ich habe in Bezug auf meine Arthrose von meiner Mutter gelernt, dass es sich lohnt, „am Ball” zu bleiben, in Bewegung zu bleiben und sich helfen zu lassen. Disziplin heißt in diesem Fall nicht, die Zähne zusammenzubeißen und den Schmerz auszuhalten. Sondern in Bewegung zu bleiben – auch wenn es manchmal schwer fällt, den inneren Schweinehund zu überwinden.

MM: Sie selbst leiden seit etwa zehn Jahren an einer leichten Fingerarthrose. Da Sie als Schauspielerin ständig auf Achse sind: Wie kommen Sie damit zurecht?
Senta Berger: Ich versuche durch leichte Gymnastik und Rad fahren nicht „einzurosten”. Im Urlaub gehe ich auch gern schwimmen. Auf Reisen habe ich immer einen kleinen Ball dabei. Mit diesem kann ich – zum Beispiel im Flugzeug oder wenn ich etwas Zeit habe – nebenher Übungen machen, die mir mein Physiotherapeut empfohlen hat. Dieses Training hilft mir, meine Gelenke beweglich zu halten. Manchmal schauen die Leute schon ein bisschen komisch, aber das ist mir egal. Diese Übungen tun mir gut, und das ist die Hauptsache. Als Schauspielerin muss man beim Dreh voll da sein und ganzen Einsatz bringen, da ist eine gute körperliche Verfassung sehr wichtig. Ich bin froh, dass ich auf ein gut verträgliches Medikament zurückgreifen kann, das mir hilft, professionell zu arbeiten.

MM:Sie wirken ausgesprochen fit und beweglich – wie schaffen Sie das?
Senta Berger: Ich bewege mich einfach gern. Das liegt in meinen Anlagen. Ich fahre sehr gerne Rad. Ganz gemütlich – auf meinem Holländerrad. Und ich gehe gern schnell, aber mag kein Jogging. Das ist mir langweilig und auch schlecht für meine Sprunggelenke. Ich habe einen so fordernden Beruf, ich muss mich nicht auch noch beim Sport anstrengen. Ich bin eine sehr gute Skifahrerin, klar, ich lebe ja seit vielen Jahren in Bayern. Aber ich brauche keine „schwarzen” Pisten, mir genügen die „blauen”. Ich will mit Bewegung Lebensfreude ausdrücken und keine Sportrekorde aufstellen.

MM: Stimmt es, dass Sie nach 20 Jahren bei einer Neuauflage von Helmut Dietls „Kir Royal” wieder dabei sein werden?
Senta Berger: Helmut Dietl hat keine Neuauflage von „Kir Royal” vor, sondern einen Kinofilm, in dem alle Figuren, die er „erfunden” hat, also der Baby Schimmerlos und die Mona aus „Kir Royal”, die Veronika Ferres und der Mario Adorf aus „Rossini”, der Götz George und der Uwe Ochsenknecht aus „Schtonk” in einer Geschichte, die in Berlin spielt, zusammengeführt werden. Ich liebe diese Idee und freue mich schon auf ihre Umsetzung im nächsten Jahr.

MM: Sie spielen oft selbstbewusste, starke Frauen mit Eigensinn UND Charme. Bemerkenswerterweise sind das keine Widersprüche bei Ihnen. Was ist das Geheimnis?
Senta Berger: Ich glaube nicht, dass ich vorwiegend „starke” Frauen spiele. Gerade die Eva Maria Prohacek aus meiner Krimi–Reihe „Unter Verdacht” ist eine sehr widersprüchliche Frau, verletzlich, einsam, hart. Jeder Mensch hat ja viele Seiten, die er sich nicht immer bewusst macht. Und genau das interessiert mich als Schauspielerin. Diese Widersprüche aufzuzeigen. Nur „stark” ist ja auch langweilig. Aber Frauen zu spielen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, die spiele ich oft, einfach deshalb, weil es sie gibt, weil sich Frauen heute mehr zutrauen und ihnen mehr abverlangt wird.

MM: Für viele stellen Sie ein Vorbild in Sachen Frauenpower dar. Ist das der Grund, warum Sie jungen Frauen – etwa bei einem Kongress in Köln im Juni 2007 der Akademie für Fortbildung – Mut machen und an Ihren persönlichen Erfahrungen teilhaben lassen möchten?
Senta Berger: Ich bin zu diesem Kongress eingeladen worden – ich habe kein besonderes Sendungsbewusstsein – aber ich verstehe dieses Zusammenkommen mit den Frauen einer jüngeren Generation auch als Chance zum Dialog und das Erzählen aus meiner Biografie als ein Beispiel, dass die Verwirklichung seiner Ziele sehr viel mehr mit einem selber, mit Hartnäckigkeit, mit Fantasie und dem Glauben an sich selbst zu tun hat, als mit Vernetzungen, Beziehungen und Seilschaften.

MM: Was, liebe Frau Berger, ist Ihr Rat auch für mentales Jungbleiben?
Senta Berger: Ich habe diesen bunten Beruf, der mich immer wieder bei null anfangen lässt. Der Erfolg von gestern ist am ersten Drehtag einer neuen Arbeit vergessen. Man stellt sich immer wieder neu in Frage. Deshalb hört man auch nie auf zu lernen. Ich möchte auch wissen, in welcher Gesellschaft wir leben. Was verändert sich – zum Guten, zum Schlechten? All diese Dinge beschäftigen mich. Interesse, Neugierde, Anteilnahme, Mitgefühl – vielleicht sind das Eigenschaften, die einen zumindest innerlich „jung” halten.

MM: „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann”: Welche persönliche Lebenserkenntnis steckt hinter diesem – Ihrem – Buchtitel?
Senta Berger: Soweit habe ich gar nicht gedacht – im Buch über meine Lebenserkenntnisse zu schreiben. Mein Leben ist ja auch noch gar nicht zu Ende. Wer weiß, welche Erkenntnisse ich in 20 Jahren haben werde? Hoffentlich ein paar, die ich auch noch anwenden kann. In meinem Buch erzähle ich über meine Kindheit in Wien, meine Jugend in Berlin und in den USA, also in Hollywood – ohne dass ich ein Resümee habe ziehen wollen. Wenn meine Leser sich durch diese Erzählungen ermutigt fühlen, ihren eigenen Weg zu gehen, wie mir das mit Hilfe des Glücks und meiner Familie möglich war, dann freue ich mich.

MM: Auch als Chansonsängerin und auf Lesereisen sind Sie erfolgreich: Welche Rolle spielt für Sie die künstlerische Vielfalt? Genießen Sie neue Herausforderungen heute besonders?
Senta Berger: Mein Beruf hat viele Farben, und ich habe sie alle ausprobiert. Ich komme vom Theater – Sprache, Form und Literatur war mir immer wichtig. Auch das Improvisieren, wie es beim Film oft möglich und nötig ist, liebe ich. Durch neue Herausforderungen entwickelt man sich und genießt dann ganz bewusst die kurzen Ruhezeiten, in denen niemand etwas von einem will – nicht einmal ich selber.

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