Der kleine Prinz und das graue Asphaltnetz

Eine Geschichte für Realisten, die nicht an Märchen glauben

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Als der kleine Prinz das gigantische graue Asphaltnetz erblickte, das plötzlich seine schöne grüne Insel überzog, wurde ihm ganz eng ums Herz: Wo war dieses hässliche Ungetüm bloß so schnell hergekommen? Und vor allem: Was sollte das? Den anderen Inselbewohnern schien ähnlich bang zu sein, und um ihre Hilflosigkeit zu verbergen, gaben sie dem kleinen Prinzen einfach die Erklärungen, die ihnen die Männer in den grauen Anzügen genannt hatten: „Weißt du, wir sollen eben immer schneller werden und immer enger zusammenrücken.” Das verstand der kleine Prinz nicht. Schneller fuhren die Autos jetzt schon, aber näher hatte das die Menschen einander nicht gebracht. Im Gegenteil: Früher, als er mit seinen Freunden noch auf den malerischen Landstraßen Rad fahren konnte, da war es manchmal ganz schön eng gewesen zwischen den hübschen Natursteinmauern, und auch später in ihrem Stammlokal, wenn sich alle hungrig um den Mittagstisch drängten. Aber viele dieser Gasthäuser am Rande der Straßen waren heute nicht einmal mehr zu erreichen, das hässliche graue Asphaltnetz leitete die Menschen weg von diesen Orten, an denen früher so viel Ausgelassenheit und Freude geherrscht hatten.

Einige Wirte schimpften auch, dass niemand mehr in ihre Gasthäuser kam, ebenso wie die Händler von Vilafranca, in deren Läden kein Kunde mehr auftauchte, seit es das hässliche graue Asphaltnetz gab: „Und dann reden die da oben von staatlichen Investitionen, die sie mehr kriegen, wenn sie die ganzen Straßen bauen.” Jetzt verstand der kleine Prinz die Welt nicht mehr: Wieso kriegten die Männer in den grauen Anzügen Geld für Straßen, die nicht dahin führten, wohin die Menschen wollten?

Allmählich wurde ihm die ganze „Diskussion” zu dumm: Immer nur war von Geld die Rede. Wofür sollten die vielen Touristen, die früher immer so gern auf die Insel gekommen waren, denn noch ihr Flugticket bezahlen? Dafür, dass sie so schnell wie möglich vom Airport zu allen Orten der Insel gelangten!

Aber warum eigentlich nicht? Viel zu sehen auf der Strecke gab es ja eh nicht mehr.

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