Plädoyer für das Mallorquín: Spanisch nur in Anführungszeichen

Für die einen ist das Katalanische zu dominant, für die anderen wird es vernachlässigt – der Sprachenstreit hält an. Der langjährige PSOE- Politiker Josep Moll Marquès, der viele Jahre auch in Deutschland lebte, hält ein Plädoyer für das Mallorquín

VON JOSEP MOLL MARQUÈS

Darf's ausnahmsweise a bisserl provokativ sein? Dann sollte man vielleicht wieder einmal über das „Sprachenproblem” auf Mallorca räsonieren. Schließlich hat jetzt das Kultus– und Erziehungsministerium der balearischen Landesregierung ein Dekret angekündigt, das diese ewige Diskussion wieder angekurbelt hat. Danach soll das Erziehungssystem der Balearen dreisprachig gestaltet werden, was bedeutet, dass ein Drittel der Fächer in „spanischer” Sprache, ein Drittel in Englisch und nur ein Drittel in der Landessprache Katalanisch/Mallorquinisch erteilt werden soll.

Können Sie sich vorstellen, dass ein deutscher Kultusminister die deutsche Sprache auf nur ein Drittel der Fächer beschränkt, um etwa Französisch und Englisch den gleichen Platz als Unterrichtssprache einzuräumen? Und dass er das politisch überlebt? Übrigens: Woher die Landesregierung die Lehrer nehmen will, die in der Lage sind, den Unterricht in Biologie, Mathematik oder was auch immer in Englisch zu erteilen, das bleibt ihr Geheimnis. Was in diesem Fall soviel heißen soll wie: Sie hat nicht die blasseste Ahnung. Aber was soll's? Im kommenden Jahr sind bei uns Wahlen, und von nun an gilt nur: Hauptsache man schlägt um sich, auch wenn es nur Schaum ist. Oder wollen Sie behaupten, bei Ihnen sei die Sache ganz anders?

Warum ich „spanisch” in Anführungsstriche gesetzt habe, fragen Sie? Das kann ich Ihnen leicht erklären: Die Sprachen werden meistens nach dem Lande genannt, in dem sie gesprochen werden: in Deutschland spricht man Deutsch, in Portugal Portugiesisch, in Italien Italienisch und in Norwegen Norwegisch. Man kann sogar sagen, dass man in Frankreich Französisch spricht, nachdem die sukzessiven Zentralregierungen in Paris mit ihrer genoziden Kulturpolitik die für eine stolze Kulturnation beachtliche Leistung vollbracht haben, die katalanische Sprache in Perpignan, die bretonische in der Bretagne, die baskische im Südwesten des Landes, die korsische in Korsika und die deutsche in Elsass-Lothringen praktisch auszurotten. Man setzt damit voraus, dass in dem jeweiligen Land nur diese eine Sprache als Landessprache gesprochen wird.

Aber: Haben Sie schon von jemandem gehört, der fähig wäre, „Belgisch” zu sprechen? Oder „Schweizerisch” (nicht zu verwechseln mit „Schwyzerdütsch”, das ja eine Mundart des Deutschen ist!)? Oder „Tschechoslowakisch”, als es den Staat Tschechoslowakei noch gab? Oder gar „Jugoslawisch”?

Mit anderen Worten: Bei einsprachigen Ländern kann man den Namen der Sprache aus dem Namen des Landes ableiten, aber in Staaten mit mehreren Sprachen muss man, wenn man nicht als Kulturbanause gelten will, sich davor hüten, das Gleiche zu tun. In Belgien spricht man Französisch und Flämisch, in der Schweiz gar vier Sprachen, Französisch, Italienisch, Deutsch und Rätoromanisch, und die Nachfolgestaaten der ehemaligen Tschechoslowakei und Jugoslawiens sind jetzt einsprachige Länder, in denen die Sprache nach dem Namen des Landes benannt werden kann: Tschechisch, Slowakisch, Slowenisch, Kroatisch, usw.

Warum also wird im Falle Spaniens, wo auch vier Sprachen gesprochen werden (die genozide Kulturpolitik der spanischen Zentralregierungen der letzten drei Jahrhunderte war nicht so effizient wie in Frankreich), von einer „spanischen” Sprache gesprochen? Sind etwa Katalanisch, Baskisch und Galicisch keine spanischen Sprachen, und also auch Katalanen, Basken und Galicier keine Bürger Spaniens, sondern Kolonialvölker? Wir wollen es nicht hoffen, und deshalb muss man wohl schließen, dass man im spanischen Fall dasselbe Kunststück vollbracht hat wie in Österreich: Die Österreicher haben es geschafft, die Welt glauben zu lassen, Beethoven sei ein Österreicher und Hitler ein Deutscher gewesen! Die spanischen Zentralisten haben in ähnlicher Weise erreicht, dass viele Menschen, darunter sogar viele Spanier, nicht wissen, dass im Staate Spanien vier verschiedene Völker, ein jedes mit seiner eigenen Sprache, zusammenleben.

Ich hab' Sie schon gewarnt: Ich wollte heute etwas provokativ sein. Übrigens: Auch in Österreich spricht man Deutsch, und bisher ist noch keiner auf den Gedanken gekommen, von der „österreichischen” Sprache zu reden. Ebenso sagt keiner in Argentinien, Bolivien, Chile usw., dort werde „Argentinisch”, „Bolivianisch” oder „Chilenisch” geredet. Kaum einer jedoch sagt, dort werde „Spanisch” gesprochen, sondern kastilisch.

Denn das ist die richtige Bezeichnung für die Sprache, die doch meistens „Spanisch” genannt wird: die Sprache, die im Zuge der so genannten „Reconquista”, der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel von den Maurern, im mittleren Streifen des Landes von den Bergen Asturiens aus über Kastilien bis nach Andalusien getragen wurde; ebenso wie die katalanische sich von der vom Karl dem Großen 778 gegründeten Grenzmark in den Pyrenäen aus bis nach Valencia und den Balearen ausbreitete, während im Westen der Halbinsel das Galicische, aus dem sich das Portugiesische selbständig entwickelte, ebenfalls nach Süden getragen wurde.

Was wollen denn diese Menschen, die im nicht kastilischen Spanien auf eine Aufwertung ihrer jeweiligen Muttersprache pochen? Ganz einfach: dass sie gleichberechtigt mit dem Kastilischen behandelt wird, so wie in Belgien oder in der Schweiz die verschiedenen Nationalsprachen gleichberechtigt sind.

Und verschonen Sie mich bitte mit dem langweiligen Argument: Aber wir leben doch in Spanien! Oder: Die spanische Verfassung schreibt aber vor, dass alle Bürger Spaniens die Pflicht haben, die spanische Sprache zu können! Auch Belgien ist ein Staat. Und was die Verfassung angeht: Es ist schon Schande genug, dass es die einzige Verfassung eines demokratischen Landes ist, die eine solche Pflicht für seine Bürger vorsieht. Der Grund ist eindeutig: Alle Verfassungen sehen auch die Gleichheit aller Bürger in Rechten und Pflichten vor, und wenn einem Teil dieser Bürger die Pflicht aufoktroyiert wird, eine zweite Sprache, die nicht ihre eigene Muttersprache ist, zu erlernen, dann ist die Gleichheit futsch und diese Pflicht folgerichtig verfassungswidrig.

Denn im Gegenzug ist es doch so, dass die Spanier, die Kastilisch als Muttersprache haben, nicht bereit sind, sich verpflichtet zu fühlen, die anderen Nationalsprachen zu kennen. Viele spanische Richter zum Beispiel, die in Katalonien oder auf Mallorca tätig sind, weisen empört die Zumutung von sich, die Sprache des Landes, nämlich Katalanisch, zu können oder auch nur zu verstehen.

Es kommt also schon mal vor, dass etwa ein alter Bauer, der bis vor 50 Jahren kaum was anderes als Mallorquinisch gehört hat, sein Recht in kastilischer Sprache suchen muss, auch wenn er trotz Verfassungspflicht völlig unfähig ist, sich in dieser Sprache auszudrücken. Und einen Dolmetscher bekommt er nicht gestellt, denn er ist ja ein Spanier! Wenn ein Deutscher vor einem spanischen Richter steht, kriegt er seinen Dolmetscher. Aber ein Spanier nicht, auch wenn er genauso wenig „Spanisch” spricht wie der Deutsche.

Ich könnte Ihnen viel mehr solcher Beispiele bringen. Aber ich habe mich sowieso schon zuviel verbreitet. Lassen wir also diese wenigen Binsenwahrheiten gelten und uns bzw. mich hoffen, dass sie nicht von den Vorurteilen oder den Bequemlichkeiten erstickt werden. Ich würde mich damit schon zufrieden geben, auch wenn der eine oder andere von Ihnen mich wegen meiner „Sturheit” zerreißt.

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