Rettungsschwimmer: ,,Die Toten sind das Schlimmste"

Ein Tag mit ,,Socorrista" Juan Pablo Hernandez an der Playa von Magaluf

VON STEPHANIE KAYSER
Bei der Silikon-haltigen Pamela Anderson besteht niemals die Gefahr des Ertrinkens. Vom genauso muskulösen wie haarigen David Hasselhoff lässt sich das schwache Geschlecht lieber zwei- als einmal retten. Dabei hat die TV-Serie ,,Baywatch" mit der Realität so gar nichts gemein. MM beobachtete einen Tag lang die Arbeit von Rettungsschwimmer Juan Pablo Hernandez (33) in Magaluf.

,,Diese Serie, also, die hab ich nur einmal gesehen. Die war mir einfach zu unrealistisch", verzieht der gebürtige Argentinier das Gesicht. Kurz vor neun fängt seine Strandroutine an. Er kontrolliert die Wasser-Strömung (an diesem Tag hisst er die grüne Flagge) und hängt die Rettungsringe an den Strandabschnitten auf. So langsam erheben sich die kurz zuvor noch dezent schnarchenden, rotäugigen Überlebenden der vergangenen Nacht aus den Liegestühlen.

Die Sonne scheint noch nicht grell, die Putzkolonne sammelt Kippen, Kondome & Co. ein. Die Bucht - fast noch menschenleer. Juan Pablo bezieht Quartier auf dem Turm in der Strandmitte, sein Kollege Toni bleibt als Patrouillen-Gänger unten. 10.05 Uhr: mehr als 50 Menschen strömen auf einmal an den Strand. Keine Kunden. Die Touristen machen eine Bootsfahrt. 10.20 Uhr: Die nächste grosse Gruppe kommt an. eine Lehrerin mit ihren Erstklässlern. Die bleiben aber abseits des Wassers - keine potentielle Einsatz-Quelle.

Seit sieben Jahren arbeitet Juan Pablo als ,,Socorrista". Von Mai bis Oktober auf Mallorca (Magaluf und Palmanova), den Rest des Jahres, wenn auf der anderen Seite der Erdhalbkugel Sommer ist, in Mar del Plata in Argentinien. ,,Das Schlimmste an unserem Beruf, das sind die Toten. Die vergisst man einfach nicht", erzählt er. Wie der Rentner, der kerngesund ins Wasser stieg und plötzlich einen Herzinfarkt bekam. ,,An so etwas gewöhnt man sich nicht. Dabei gibt es in jeder Saison einige".

11.20 Uhr: An den Strand-Bars tanken die ersten Urlauber auf. ein Gläschen Sangría hier, ein Bierchen da. ,,Wenn jemand zu betrunken ins Wasser will, dann halten wir ihn auf. Wenn er sich trotzdem weigert, rufen wir die Polizei", erzählt der ,,Socorrista". Der Dialog mit den Angetrunkenen - teilweise schwierig, aber nur in Ausnahmefällen aggressiv.

11.40 Uhr: Juan Pablo überlässt den Turm einem Kollegen, schwimmt einmal quer durch die Bucht: ,,Das ist Training und Kontrolle zugleich."

Das meiste passiert in Magaluf an Land. ,,Oft handelt es sich um Leute, die zu lange in der Sonne waren, sich schwindelig fühlen. Manchmal gibt es hier auch Probleme mit Quallen", berichtet der Argentinier. ,,Hier in Magaluf ist das Meer sehr friedlich. In Argentinien müssen wir jeden Tag vier bis fünf Leute aus den Strömungen ziehen.”

Mindestens drei Liter Wasser trinkt der Rettungsschwimmer während des Tages, trägt gegen die prallen Strahlen Sonnenbrille und -kappe, schützt seine Haut mit Lichtschutzfaktor 30. „Wir können es uns nicht erlauben, bei der Hitze bematscht zu werden.”

Kurz nach 12 Uhr schaut Kollege Angel Pereal Séller vorbei. Er kontrolliert auf dem Jet-Ski die Bucht vom Wasser aus, Juan Pablo ist mit drei anderen Kollegen für den Strand verantwortlich. „Ich bin meistens der erste, der draußen bei den Leuten ist, die Hilfe brauchen. Unser Arbeitstag ist pures Adrenalin. Jedes Mal, wenn über Funk etwas kommt, schlägt mein Herz schneller”, erzählt Angel. „10 5 Rescate” ist der Alarm-Code – Menschenleben in Gefahr! „Ich mach' das jetzt seit Jahrzehnten. Aber ich bin immer noch total ausgepowert im Kopf, wenn ich nach Hause komme. Wir haben eben eine große Verantwortung”, sagt Angel. Kurz zuvor hat er einen Rentner aus dem Meer geholt. „Er hatte einen Krampf im Arm, kam nicht mehr richtig vorwärts.” Über Funk stehen die Rettungsschwimmer in Kontakt, holen sich so auch nur mal eben einen Ersatzmann, wenn sie auf Toilette müssen.

13.10 Uhr: die erste Aufregung am Strand. Ein radelnder Polizist bläst aufgeregt in seine Trillerpfeife. Kein Schwimmer in Not – aber ein illegaler, fliegender Händler am Strand. Statt weiter kaltes Wasser zu verkaufen, muss der junge Mann sich jetzt vor der Polizei verantworten. (Was ihn übrigens nicht davon abhält, drei Stunden später wieder mit Wasserflaschen aufzutauchen.)

13.24 Uhr: Wieder schreckt die Polizei die in der Mittagshitze dösenden Strandgäste hoch. Zwei Fahrrad-Polizisten jagen eine „wilde” Melonen-Verkäuferin. Die Frau entkommt, ihre Melonen werden von der Polizei konfisziert. 14 bis 15 Uhr: Juan Pablo hat Mittagspause. „Wir arbeiten sechs Tage die Woche, von 9 bis 19 Uhr. Jeden Tag haben wir eine Stunde Pause. Die nehmen wir immer getrennt, weil der Strand ja besetzt sein muss.” Gut 1000 Euro netto verdient ein „Socorrista” übrigens.

Nach der Pause ist er für den linken Strandabschnitt zuständig. „Hier ist es meistens ruhiger. Nur im Juli, August wird es auch hier richtig hektisch. In der Hochsaison gibt es überall viel zu tun.”

Kurz nach 16 Uhr: Ein junger, angetrunkener Engländer liegt bleich auf dem Boden. Er hat sich beim Fußballspielen am Strand verletzt. Seine Freunde informieren die Strandwächter. Die rufen die Ambulanz, legen dem Verletzten kühlendes Eis aufs Bein. „Wir haben eine Erste-Hilfe-Ausbildung”, erklärt Juan Pablo. Der Leiter des Zivilschutzes Calvià kommt hinzu, außerdem zwei lokale Polizisten. Kurz nach 16.30 kommt die Ambulanz. Zwei andere Engländer halten ihrem Kumpel Händchen, zutzeln nervös an der Zigarette. Erste Diagnose: Beinbruch. Die Sanitäter packen das Bein des Engländers in eine Kompresse. Transportieren ihn unter großem Gejohle und Beifall der anderen Strandgäste in den Rettungswagen. Der Verletzte kommt ins Krankenhaus, seine Freunde tanken auf den Schrecken erst mal in der Strandbar nach.

Juan Pablo muss sich um seinen nächsten Fall kümmern. Ein Motorboot kreuzt unerlaubterweise durch die mit Bojen abgetrennte Schwimmzone am Strand. Er schaltet die Guardia Civil ein. 17.30 Uhr: Eine dunkelhaarige Strandschönheit buhlt mit einem aufwendigen Bikini-Oberteil-Anzieh-Programm um die Aufmerksamkeit der Strandwärter. Die reagieren gar nicht. „Wir müssen uns auf unsere Arbeit konzentrieren. Wir tragen Verantwortung”, hatte Juan Pablo schon vorher erklärt.

18.30 Uhr: Die Brünette im schwarzen Bikini hat aufgegeben. Der Strandtag neigt sich für Juan Pablo dem Ende zu. Die Rettungsringe werden eingesammelt, der Motor vom gelben Plastik-Rettungsboot wieder eingeschlossen. Der Bericht des Tages muss noch geschrieben werden. „Heute war es ja echt ruhig. In unserem Job ist es ja eigentlich gut, wenn wenig zu tun ist”, sinniert er. Und weiter: „Weißt du, ich liebe meine Arbeit. Ich bin den ganzen Tag am Strand, sehe das Meer. Wer kann das schon von sich sagen ...”

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