Nichts als Meer, Stahl und Beton

Die auf Mallorca aufgewachsene Vanessa Karin Hirsch arbeitet auf einer Bohrinsel

Für die Arbeit auf einer Bohrinsel ist nicht jeder geeignet.

Für die Arbeit auf einer Bohrinsel ist nicht jeder geeignet. Vanessa Karin Hirsch kommt damit klar, zwei Wochen am Stück durchzuarbeiten, weg von der Familie und oft unter besonders harten Wetterbedingungen.

Viele Deutsche zieht es in den Süden, nach Mallorca. Vanessa Karin Hirsch dagegen ging in den hohen Norden auf eine Insel aus Stahl und Beton. Die 31-jährige Deutsche, die auf Mallorca geboren und aufgewachsen ist, arbeitet auf einer Bohrinsel in Norwegen.

Mallorca Magazin: Frau Hirsch, wie kommt es, dass Sie auf einer Bohrinsel arbeiten?

Vanessa Karin Hirsch: Mein Mann, den ich vor acht Jahren hier auf Mallorca kennengelernt habe, hatte die Idee, in Norwegen auf einer Bohrinsel zu arbeiten. Norwegen?, dachte ich. Und auf einer Bohrinsel? Ich wusste gar nicht, was eine Bohrinsel überhaupt ist. Aber so sind wir 2005 nach Norwegen gezogen und schließlich arbeitete ich sogar noch vor meinem Mann auf einer Plattform. Zuerst war ich Document Controller, dann habe ich mich zum Funker und Sicherheitsingenieur ausgebildet.

MM: Was ist Ihre Aufgabe?

Hirsch: Als Funkerin bin ich zuständig für die Kommunikation mit den Hubschrauberpiloten. Die Bohrinseln werden ja mit Hubschraubern angeflogen. Als Sicherheitsingenieurin überwache ich die Sicherheitsprotokolle, die für alle Arbeiten gelten. Diese werden abgefragt, bevor die Arbeit beginnen darf. Ein einziger Funken kann auf einer Plattform zu einer Katastrophe führen. Ich schaue auch, dass die Arbeiter die Sicherheitskleidung richtig tragen, und dass bei Alarm alle Mann von Bord gehen.

MM: Gibt es oft Alarm?

Hirsch: Nein, kleinere Arbeitsunfälle passieren immer mal, aber große habe ich noch nicht miterlebt. Alle zwei Wochen wird jedoch ein Alarmfall simuliert.

MM: Beschreiben Sie Leben und Arbeiten auf einer Bohrinsel

Hirsch: Wir arbeiten in zweiwöchigen Schichten. Danach haben wir vier Wochen frei. Wenn ich mit dem Hubschrauber zur Schicht auf die Plattform fliege, denke ich: Ok, jetzt bist du 14 Tage weg. Denn da sehe ich nur Meer um mich herum, kein Auto, kein Land, nichts, nur Meer. Wir arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag. Zwölf Stunden sind das Minimum, von 7 bis 19 Uhr von Montag bis Sonntag. Aber ich muss oft länger arbeiten, weil die Hubschrauber später fliegen, wenn sie durch schlechtes Wetter aufgehalten worden sind. Danach esse ich und gehe ins Bett. Und am nächsten Tag das Gleiche: arbeiten, essen, schlafen. Ein Kino und einen Trainingsraum haben wir auch auf der Plattform, aber ich bin nach der Arbeit zu müde dafür. Bingo habe ich schon mal gespielt. Das gibt es während der Schicht einmal am Samstagabend.

MM: Erinnern Sie sich noch, wie Sie das erste Mal auf die Bohrinsel kamen?

Hirsch: Wow, ist das groß, habe ich gedacht. Erst sieht man einen kleinen Punkt auf dem Meer, der langsam größer wird. Wenn man dann landet, sieht man, dass das eine riesige Insel ist, eine Insel aus Beton und Stahl. Da bekommt man Respekt. Unfassbar ist das Gefühl.

MM: Sind Sie die einzige Frau auf der Plattform?

Hirsch: Nein, von den 306 Personen, die auf meiner Plattform arbeiten, sind 80 Prozent Männer und 20 Prozent Frauen und die Atmosphäre ist sehr gut. Man respektiert sich. Man ist da, um zu arbeiten. Und wenn die 14 Tage herum sind und der Hubschrauber kommt, der einen zum Festland bringt, das ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Da bin ich ganz aufgeregt vor Freude.

MM: Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit?

Hirsch: Zum einen die Schichtarbeit. Weil ich vier Wochen frei habe, kann ich meine Familie auf Mallorca öfter besuchen, obwohl ich in Norwegen wohne. Und das Arbeitsklima. Das ist das Beste. Meine Kollegen sind wie eine zweite Familie für mich. Wir sind ja ganz oft zusammen, immer dieselbe Crew. Und wir haben einen guten Ton untereinander.

MM: Sprechen Sie untereinander Englisch?

Hirsch: Englisch, aber meistens Norwegisch. Anfangs sprach ich kein Wort Norwegisch. Dann habe ich einen Intensivkurs gemacht, aber man muss ganz viel hören, Zeitung lesen, Nachrichten sehen, irgendwann kommt das und inzwischen spreche ich besser Norwegisch als Deutsch.

MM: Was ist das Schwerste an Ihrer Arbeit?

Hirsch: Die ersten zwei, drei Tage. Dann habe ich mich wieder daran gewöhnt, alleine zu sein. Man ist ja nicht ohne Kontakt, es gibt Telefon und Internet. Aber man ist weit weg von der Familie.

MM: Haben Sie gar keine Angst auf der Plattform?

Hirsch: Ich fühle mich sicher, weil die Sicherheitsvorschriften in Norwegen sehr streng sind und alle ganz gewissenhaft arbeiten. Aber Angst bekomme ich schon, wenn manchmal die Wellen 20 Meter hoch schlagen. Aber da muss man denken, dass es schon gut gehen wird. Für diese Arbeit ist jedoch nicht jeder geeignet. Manche werden nach Hause geschickt, weil sie Heimweh haben oder ihnen schlecht wird. Meine Plattform ist ja nicht fest, sie bewegt sich. Wir brauchen ein ärztliches Attest und müssen ein Helikopter-Training machen, bevor wir auf die Plattform zugelassen werden. Dabei geht ein Helikopter unter Wasser und wir sitzen angeschnallt drin und müssen versuchen, hinauszukommen.

MM: Was vermissen Sie von Mallorca?

Hirsch: Das Wetter. Oktober hier auf Mallorca ist wie Juli in Norwegen. Auf der Bohrinsel sehe ich aus wie ein Astronaut. So einen dicken Sicherheitsanzug trage ich, damit ich nicht erfriere, falls ich von der Plattform falle. Außerdem vermisse ich das lockere soziale Leben auf Mallorca. Bei einer Freundin kurz anrufen: ,Wollen wir einen Kaffee trinken?' Oder noch nicht mal anrufen, einfach vorbeikommen und zusammensitzen, quatschen, lachen. In Norwegen ist das nicht so unkompliziert. Ich fühle, ich muss da anrufen, bevor ich hingehe und dann nur am Wochenende.

MM: Möchten Sie in den nächsten Jahren weiter auf der Bohrinsel arbeiten?

Hirsch: Auf jeden Fall.


Die Fragen stellte Eva Carolin Ulmer

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