Alte Heimat, neue Liebe

Distanz, die Nähe schafft: Wer nach Mallorca ausgewandert ist, entfernt sich meist nur äußerlich von Deutschland. Paradox: Ein anderer Blickwinkel aus der Ferne, Selbstreflexion und ein breiterer Erfahrungsschatz bringen uns im Inneren der Heimat so nahe wie noch nie. Und im Herzen wächst ein leises Sehnen...

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Ist es Sehnsucht? Sie kommt mit der Weihnachtszeit so pünktlich wie der erste Advent: Die Besinn-lichkeit. Wir besinnen uns auf uns, viele deutsche Residenten besinnen sich auch zurück – zurück auf die Heimat.

Bei vielen geschieht es unbewusst: Deutsche Traditionen gewinnen an Bedeutung. Plätzchen und Lebkuchen werden gebacken, eine Martinsgans gebraten, ein Adventskalender gebastelt. Und natürlich bringt das Christkind am 24. Dezember die Geschenke und nicht die „Reyes”. Auch wer sich fest auf Mallorca integriert und im spanischen Leben verankert sieht, fühlt sich auf heimelige, anrührende Weise doch plötzlich ziemlich deutsch.

Distanz, die Nähe schafft. „Früher konnte ich mich nie mit Deutschland identifizieren”, schildert die 30-jährige Jennifer Rüther, die seit gut zwei Jahren auf der Insel lebt. Wie ihr geht es einigen: Selbst die Deutschen in Deutschland haben damit ein Problem – Soziologen sprechen vom „verletzten Nationalgefühl” durch das Dritte Reich. Erhebungen zeigen: Verglichen mit anderen Nationen halten die Deutschen sich selbst eher für unpatriotisch – und sind es im europäischen Vergleich auch.

Allen voran jene, die die Heimat sogar freiwillig verließen, um im Ausland zu leben. Und doch scheinen sie genau hier wieder auf ihre Wurzeln zu stoßen: „Früher habe ich bei der WM immer für Spanien mitgefiebert”, erzählt Jennifer Rüther mit einem Schmunzeln, „seitdem ich hier lebe, bin ich witzigerweise für die Deutschen.”

Neue Liebe, alte Heimat: Wer kennt es nicht – beim Deutschlandurlaub verblüfft einen dann das eigene Land. Außen vor in Sachen Alltag bekommt die Heimat einen neuen, wiederentdeckten Charme. Den man sich schon mal erarbeiten muss: Altbekannte Städte verändern sich so schnell, dass man plötzlich nach dem Weg fragen muss. Und die angesagten Clubs muss der Heimreisende im Touristenführer nachschlagen.

Dafür wird dann aber auch eine Fahrt im neuen Straßenbahnnetz der Geburtsstadt plötzlich genauso aufregend wie in der Metro von Paris. Die gleiche Begeisterung wächst wiederum für alles aus der Heimat, auf das man in der Fremde stößt: Und das Streifen durch den deutschen Supermarkt versetzt Residenten plötzlich in Stimmungs-Höhenflügen wie sonst nur ein Sonntagsausflug.

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