„Nichts tun ist langweilig”

Immer mehr ausländische Residenten veranstalten Konzerte oder gar Musik- Festivals auf Mallorca. Reich wird damit keiner. MM befragte die Initiatoren nach den Gründen für ihr Engagement

|

Musik auf Mallorca – Festivals, Konzerte, Gastspiele – hat eine lange Tradition. Das Internationale Musikfestival von Pollença fand in diesem Sommer zum 34. Mal statt, in Deià wird seit 25 Jahren musiziert. Der „Klassiker” unter den Musikveranstaltungen ist das Chopin-Festival von Valldemossa, das 1930 zum ersten Mal durchgeführt wurde.

Die meisten musikalischen Aktivitäten auf der Insel wurden durch Privatinitiative ins Leben gerufen: der Geiger Philipp Newman gab den Startschuss in Pollença, in Deià sind die Konzerte dem Musiker Patrick Meadows zu verdanken. Im Laufe der Zeit haben sich die Sommerfestivals institutionalisiert, wurden – mal mehr, mal weniger – von Regierung und Behörden unterstützt. Nach und nach haben die Gemeinden, allen voran die Stadt Palma, die Landesregierung und der Consell Insular nachgezogen, weil sie erkannt haben, dass Musik ein Werbefaktor für die Insel ist.

Heute ist Mallorca, vor allem in den Sommermonaten, eine ausgesprochen musikalische Insel. Wobei die Tatsache nicht unterschätzt werden darf, dass die meisten Konzerte einen internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen und in einem ausgesprochen schönen Rahmen stattfinden: im Schloss Bellver, in Klöstern und Kreuzgängen, in Kirchen und Herrenhäusern. Das erhöht den Reiz der musikalischen Darbietungen.

Inzwischen gibt es auch etliche Initiativen von ausländischen Residenten und deutschen Veranstaltern, die Musik nach Mallorca bringen. Auch hier ist der qualitative Standard meist hoch, der Aufwand oft beachtlich.

Für Toyo Masanori Tanaka und Wolf Brümmel, deren Festival MúsicaMallorca 2003 zum ersten Mal stattfand, war Mallorca „eine Herausforderung, ein eigenes Klassik–Festival zu gründen, nachdem wir seit Jahren erfolgreich in der internationalen klassischen Musikszene arbeiten”. Sie setzen auf internationale Sänger und Musiker und, so Wolf Brümmel, auf die „reizvollen Spielorte”.

Höhepunkte waren ferner Ausstellungen über Herbert von Karajan und María Callas.

MúsicaMallorca findet in diesem Jahr vom 22. Oktober bis zum 11. November im Konservatorium und im Teatre Xesc Forteza in Palma statt. (Eine Vorschau finden Sie im nächsten MM.) MúsicaMallorca konnte auch mallorquinische und auf Mallorca lebende Musiker verpflichten, wie den Chor der Universität der Balearen und die Capella Oratoriana, das Orquestra Barroca de Mallorca, die Pianistin Rumiko Harada und den Dirigenten Barry Sargent.

Für Josef Egger, Gründer und Präsident des österreichischen Vereins der Freunde Mallorcas, steht mallorquinisch-österreichischer Kulturaustausch im Vordergrund seiner Aktivitäten. Er brachte das Wiener Opernball Orchester nach Mallorca, das Strauß Festival Orchester Wien, das gemeinsam mit Tänzern der Wiener Staatsoper auch den Gala Benefiz Ball am 23. September ausrichtet. Egger, seit Jahren ein Opern-Fan, ist mit vielen Stars und Sängern befreundet, etwa Kurt Rydl, Marcela Cerno, Peter Guth, Johan Botha. Es ist ihm ein Leichtes, sie für Gastspiele auf Mallorca zu gewinnen.

Dazu verpflichtet auch er Musiker der Insel. Im Gegenzug organisiert Egger eine Ausstellung mit Picasso-Keramiken aus der Sammlung des Verlegers Pedro Serra in Wien, lädt Schüler der hiesigen Hotelfachschule in die österreichische Hauptstadt, um dort zu kochen. Eggers Erfolgsrezept: Kultur als gesellschaftliches Ereignis zu präsentieren.

„Ich liebe diese Musik”, sagt Rolf Wagemann, wenn er von „seinem” Jazz–Festival spricht, das in diesem Jahr zum zehnten Mal in Cala d'Or stattfand. Wagemann konnte zu Beginn den damaligen Bürgermeister des Ferienortes, Miquel Amengual, für sein Projekt begeistern. 2001 und 2002 fand das Festival nicht statt: „Dabei ist den Geschäftsleuten von Cala d'Or aufgegangen, dass ich 3000 bis 4000 Leute zusätzlich pro Jahr nach Cala d'Or bringe. Da kommt natürlich Geld in die Kasse”, sagt Wagemann.

Er ist ein wirklicher Jazz–Fan. Seit 1995 Ehrenbürger von New Orleans, organisiert Wagemann Marching Bands beim Jazz Festival von Eindhoven, ist beim 18. Jazz-Festival von Gelsenkirchen dabei. „Ich will Musiker aus New Orleans unterstützen”, sagt er. Was ihm auch immer wieder gelingt. Im Jahr 2000 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, was ihn freut, doch für wichtiger hält er, „mit dem Herzen dabei zu sein”.

Der Marketingexperte und Unternehmensberater Wolfgang Weymann organisierte das erste Benefizkonzert auf Mallorca zum Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2003, damals mit dem Orchester der Dresdner Philharmonie und dem Geiger Francisco Fullana. Es folgten je zwei Oster– und Weihnachtskonzerte in der Kathedrale. Auch in diesem Jahr wird zum 3. Oktober ein Benefizkonzert stattfinden.

Weymann sagt dazu: „Das kundenorientierte Marketing meiner Tätigkeit zielt nicht auf den zufriedenen, sondern auf den begeisterten Kunden. Bei diesem ist die Wiederkauf– beziehungsweise Wiederkehrrate am größten.” Doch direkt befragt nach dem „Warum” schlägt er auch humane Töne an:

„Ich möchte etwas für krebskranke Kinder tun.” Der Erlös der Konzerte von 2003 und 2004 betrug mehr als 30.000 Euro und ging an Organisationen für körperlich und/oder geistig behinderte mallorquinische Kinder und an die Kinderkrebshilfe Aspanob.

Mallorca hat Schätze, die nicht jedem ins Auge fallen. Wie etwa 120 Orgeln, von denen 78 als „historisch” deklariert wurden. Die meisten Orgeln findet man in den Kirchen der Städte und Dörfer auf dem Lande. Jahrelang wurden sie vernachlässigt, bis der deutsche protestantische Pfarrer Dietrich Hillebrand auf den Plan trat. Er organisierte deren Inventarisierung, brachte Renovierungen in Gang und machte die Klangkörper für die Öffentlichkeit zugängig: Seiner Initiative sind die jährlichen „Wochen der Historischen Orgeln Mallorcas” zu verdanken. Der damalige Bischof der Diözese Mallorca, Teodoro Ubeda, übernahm die Schirmherrschaft. Chöre und Orchester reisten aus Deutschland an und gaben der Orgelbewegung einen großartigen Impuls.

Auch Aktionen Einzelner können Erfolg haben. Wie im Falle von Wilfredo Boemeleit de Gómez, der Max Raabe im August im Schloss Bellver auftreten ließ – vor ausverkauftem Haus. Seine neu gegründete Agentur Mallorca-Concerts wird in Zukunft kubanische Musiker nach Spanien bringen: „Auch auf das spanische Festland, sonst lohnt sich die Sache nicht”, sagt Boemeleit.

Der Unternehmer, der seit drei Jahren auf Mallorca lebt, hat 25 Jahre lang die zu Kuba gehörende Insel „Isla de la juventud” touristisch vertreten und auf diese Weise „alle Großen der kubanischen Musik selbst kennengelernt”. Ein Gastspiel mit dem Opernsänger Moisé Sparka mit afro-kubanischer Musik ist für den Juli 2006 schon im Kasten. Einzelheiten möchte Boemeleit noch nicht mitteilen. Aber die Musikszene auf Mallorca wird in Zukunft mit ihm rechnen müssen: „Kubanische Musik ist auch beim mallorquinischen Publikum gefragt.”

Der Anwalt und Musikverleger Gunter Greffenius macht „ein Leben lang” Musik. „Nach 33 Jahren Mallorca war es nun Zeit, alte Musikfreunde auf die Insel zu holen”, sagt Greffenius. Die Band Munich Swing Stars wurde vor zwei Jahren gegründet, obwohl die Musiker – Greffenius spielt in dem Ensemble Vibraphon – sich seit Jahren kennen. Am 11. September gastieren sie im Theater von Artà; für das nächste Jahr ist eine größere Tournee geplant.

Musik der Öffentlichkeit zu präsentieren, kostet Geld. Die Diskussionen um Förderung von Opern, Orchestern und Konzerthäusern sind in allen europäischen Ländern ein heißes Thema. Wie finanziert sich nach Mallorca importierte Musik?

Eintrittskarten sind auf der Insel oft erheblich preiswerter als in Deutschland oder Österreich. Also braucht jeder Veranstalter Sponsoren. „Wir werten es als Erfolg, dass wir neben Air Berlin auch die Hotelkette Sol Meliá und die TUI gewinnen konnten”, sagt Wolf Brümmel von MúsicaMallorca. Die Absicht, mit MúsicaMallorca Geld zu verdienen, verwirft er:

„Wenn wir diese Absicht hätten, wären wir das erste Klassik-Festival der Welt, mit dem man reich würde. Allein unser mit besten Kritiken bedachtes Festival-Magazin und die Künstlergagen sind ein enormer Kostenfaktor.” Wolf Wagemann finanziert die klein gehaltenen Kosten durch Anzeigen im Programmheft; von „Überschuss” kann aber kaum die Rede sein. Josef Egger hält seine musikalischen Aktivitäten, deren Erlös an das Drogenrehabilitationszentrum Project Hombre geht, für ein „teures Hobby”, kann sich aber auf Zuschüsse des Österreichischen Vereins der Freunde Mallorcas verlassen.

Gunter Greffenius war sehr froh darüber, dass die Air Berlin für den Transport der Musiker nach Mallorca gesorgt hat. Wilfredo Boemeleit hält den Gedanken, mit Konzerten auf Mallorca Geld zu verdienen, für „nicht realistisch”; er war dankbar, dass Air Berlin die Flüge für das Max-Raabe-Gastspiel übernahm: „Ansonsten muss man Sponsorship von Fall zu Fall klären.”

Wolfgang Weymann hat als Co-Promotoren den Lions Club Palma und die Firma Profi–Konzept Minkner & Partner. „Bei den Benefizkonzerten in der Kathedrale fehlt ja die finanzielle Grundlage, der Eintrittspreis, völlig. Dort ist es nicht erlaubt, Eintritt zu nehmen. Bei Konzerten im Auditorium ist das anders”, sagt er.

Reich wird also keiner der Veranstalter. Alle geben eher altruistische Motive für ihr Engagement an.

Die Schecks, die einige von ihnen nach den Konzerten an Organisationen und Einrichtungen übergeben können, geben ihnen recht. Doch wenn man einige der Veranstalter „in action” sieht, weiß man, dass ein wenig Eitelkeit und der Wunsch, sich nützlich zu machen, auch eine Rolle spielen.

Wilfredo Boemeleit bringt es auf den Punkt: „Nichts zu tun, ist langweilig. Und es ist gut, Kontakt zu Künstlern und Publikum zu haben.”

Kommentar

Nutzungsbedingungen

Rechtlicher Hinweis

» Der Inhalt der Kommentare spiegelt die Meinung der Nutzer wider, nicht die von mallorcamagazin.com

» Es ist nicht erlaubt, Kommentare abzuschicken, die gegen das Gesetz verstoßen oder unangebrachte, beleidigende oder ehrverletzende Inhalte haben.

» mallorcamagazin.com behält es sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

* Pflichtfelder

Noch kein Kommentar vorhanden.