Pflegebedürftig – und jetzt?

| Palma de Mallorca |
Krankenpfleger Antonio Alomar hilft Gisela Vollmar beim Anziehen. Die Kosten dafür übernehmen deutsche Pflegekassen auf Mallorca

Krankenpfleger Antonio Alomar hilft Gisela Vollmar beim Anziehen. Die Kosten dafür übernehmen deutsche Pflegekassen auf Mallorca nicht.

Foto: Foto: Sophie Mono

Vorsichtig lockert Antonio Alomar die Schnürsenkel des Turnschuhs und zieht ihn mit gekonnten Griffen über Gisela Vollmars Fuß. "Alles in Ordnung'", fragt er. Vollmar nickt. "Das Schwierigste haben wir ja ohnehin schon hinter uns", sagt Alomar und lächelt Vollmar freundlich zu. Alomar ist Krankenpfleger. Jeden Morgen außer sonntags kommt der Mallorquiner zu Vollmar nach Hause, hilft ihr beim Waschen und anziehen.

Vor 15 Jahren baute die Deutsche mit ihrem Mann Hartmut ein Haus in einer Urbanisation in der Nähe von El Arenal. Hier verbringen die beiden etwa sechs Monate im Jahr. Als Gisela Vollmar vor zwei Jahren zum Pflegefall wurde, begannen die Schwierigkeiten: Ein Pflegedienst musste her. Deutsch sollten die Mitarbeiter können und zuverlässig sollten sie sein. "Es gibt im Internet zwar einige Angebote, aber nicht alle sind wirklich aktuell", berichtet Hartmut Vollmar.

"Viele Pflegedienste auf Mallorca halten sich nicht lange, schließen schnell wieder", bestätigt die examinierte Krankenpflegerin Elke Pauly vom Pflegedienst "Sunshine Pflege". Sie ist seit drei Jahren auf Mallorca im Geschäft, betreut deutsche, englische und spanische Patienten und steht auch für Beratungen zur Verfügung. "In Spanien sind ambulante Pflegedienste nicht so verbreitet wie in Deutschland. Hier spielt die Familie noch eine größere Rolle."

Gisela Vollmar stieß bei ihrer Suche im Juni schließlich auf den "Pflegedienst Mallorca", den Antonio Alomar kurz zuvor gegründet hatte. 26 Euro zahlen sie pro Stunde, plus Fahrtkosten. Ein gutes Angebot und doch: bei sechs Tagen die Woche, an denen sie Alomars Hilfe in Anspruch nimmt, kommt einiges an Geld zusammen. Die deutsche Pflegeversicherung übernimmt davon nichts.

Die Regelungen sind klar definiert: Deutsche Altersresidenten, die zuvor in die deutsche Pflegeversicherung eingezahlt haben und Anspruch haben, bekommen monatlich Pflegegeld, egal, wo sie wohnen. Der Haken: Sachleistungen, wie die Inanspruchnahme eines Pflegedienstes, die innerhalb Deutschlands direkt von der Versicherung übernommen werden, fallen im Ausland weg.

Betroffen sind davon viele: "In Spanien ist die Zahl der Menschen, die deutsches Pflegegeld beantragen, in den vergangenen Jahren gestiegen", berichtet Uwe Brucker vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Der Medizinische Dienst spielt eine zentrale Rolle für Bezieher von Pflegegeld: Er entsendet Gutachter, die prüfen, ob die Betroffenen pflegebedürftig sind und welche Pflegestufe ihnen zukommt - und dementsprechend auch, wie viel Geld. Im Jahr 2011 kam es in Spanien zu rund 550 Begutachtungen, 2014 waren es schon über 100 mehr. "Das sind vor allem Deutsche, aber auch Spanier, die mal in Deutschland gearbeitet haben", so Brucker. Auf den Balearen sei die Zahl der Begutachtungen jedoch recht konstant bei rund 40 geblieben.

Der Fall von Mallorca-Residentin Gisela Vollmar macht die Unterschiede zwischen Pflegegeld und Pflegesachleistungen deutlich: Vollmar wurde die Pflegestufe zwei zugewiesen. 458 Euro Pflegegeld stehen ihr daher monatlich auch auf Mallorca zu. Über dieses Geld kann sie frei verfügen. In Deutschland könnte sie stattdessen ihre Pflegekasse beauftragen, die Kosten für ambulante Pflegedienste (sprich: Sachleistungen) direkt zu übernehmen - in Höhe von bis zu 1144 Euro monatlich. Mit Pflegediensten im Ausland gibt es diese Vereinbarung nicht.

"Viele Auswanderer kehren nach Deutschland zurück, wenn sie pflegebedürftig werden", weiß Uwe Brucker vom Medizinischen Dienst. Vor allem dann, wenn sie ohne ihre Kinder ins Ausland gegangen waren. "Natürlich sind Sonne und Meer für viele verlockend, aber wenn man älter wird, ist hier nicht alles toll", betont auch Rosa Nieves, Leiterin der Geschäftsstelle der AOK auf Mallorca und bezieht sich dabei auf das spanische Gesundheitssystem allgemein und die Pflegeleistungen.

Immerhin: Seit 2007 wird in Spanien ein ans deutsche Modell angelehntes Pflegesystem etabliert. Auch Deutsche haben in der Regel Anspruch auf spanische Pflegeleistungen, wenn sie mindestens fünf Jahre in Spanien gelebt haben. Hier gibt es keine Pauschalbeträge wie im deutschen System, die Leistungsansprüche werden individuell berechnet. Generell seien in der spanischen Seguridad Social allerdings weniger Leistungen enthalten als in Deutschland, betont Nieves. Elke Pauly rät von einem Wechsel ins spanische System nicht ab. "Wichtig ist, auch generell, dass man sich möglichst früh und möglichst gut vorbereitet", rät sie. Mallorca sei nun mal kein 17. Bundesland. Kenntnisse der spanischen Sprache seien in jedem Fall von Vorteil. Auch sollten sich Auswanderer immer darüber bewusst sein, welche Schattenseiten das Leben auf Mallorca im Alter haben kann. "Oft sind Häuser auf Mallorca nicht gut isoliert und klimatisiert. Dann können 40 Grad im Sommer und kalte Nächte im Winter Pflegebedürftigen zu schaffen machen." Letztlich sei es immer eine Frage der finanziellen Möglichkeiten jedes Einzelnen, ob Pflegebedürftigkeit im Ausland zu Problemen führt.

Teilzeitinsulanerin Gisela Vollmar freut sich jedes Mal, wenn sie nach Mallorca kommt. Hier müsse sie die Pflege zwar selbst bezahlen, dafür sei die Qualität besser. Sie lächelt Pfleger Antonio Alomar zu: "Es ist persönlicher und weniger stressig."

DIE LEISTUNGEN DER DEUTSCHEN PFLEGEKASSEN

Pflegegeld (kann nach Spanien exportiert werden):

Pflegestufe 1: 244 Euro/Monat

Pflegestufe 2:458 Euro/Monat

Pflegestufe 3:728 Euro/Monat

Pflegesachleistungen (nur in Deutschland beziehbar)

Pflegestufe 1: 468 Euro/Monat

Pflegestufe 2: 1144 Euro/Monat

Pflegestufe 3: 1612 Euro/Monat

(aus MM 52/2015)

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Hajo Hajo / Vor über 2 Jahren

Es gibt keine Nachteile des Auswanderns, sondern nur Folgen sich nicht rechtzeitig und kompetent beraten und informieren zu lassen, bevor man diesen Schritt tut.

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