Gut für den Körper, schlecht für den Kopf

Integration hat mit Verstehen zu tun – nicht nur der Sprache

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Lautstarker Smalltalk nachts um drei im Treppenhaus, wenn die Insulaner von ihrer geliebten Fiesta heimkehren, die quietschend-rumpelnde Müllabfuhr zur gleichen Stunde (zumindest im Sommer), das abrupt-unfallträchtige Kriechtempo der Autos auf den Straßen, wenn drei Regentropfen gefallen sind, die gutmütigen, roten Nikoläuse, die zurzeit als Supermarkt-Angestellte beim Einpacken der Waren helfen – immer noch mit ordentlich Plastiktüten! –, das beruhigende „No te pre-ocupes, no pasa nada”, wann immer man auch nur eine winzige Nachfrage hat, der Stau auf der Straße, weil sich ganz vorn zwei Autofahrer unterhalten und keiner zu hupen wagt, man könnte sie ja stören. Diese und Hundert andere Kleinigkeiten, sie sind mir inzwischen ans Herz gewachsen, weiß ich doch: Herrlich, ich bin auf Mallorca.

Integration hat mit Verstehen zu tun. Sich nicht fremd fühlen unter Alltagsgebräuchen, die für Neuankömmlinge überraschend anders sein können als im nur zweieinhalb Flugstunden entfernten Alemania. Die Uhren ticken anders hier, forsches Vorgehen, „schnell und praktisch”, kann rasch zu ungeahnten Zeitverlusten führen. Interessant, dass sich Insulaner von Juist oder Langeoog unter den deutschen Residenten offensichtlich leichter tun, auf Mallorca Fuß zu fassen: Inselerfahrung verbindet.

In dem Fall sogar ohne Spanischkenntnisse, denen ansonsten eine Schlüsselfunktion bei der Integration zukommt. „Mallorca ist gut für den Körper und schlecht für den Kopf”, sagt ein Arzt von hier. Gemeint ist die fehlende, auch passive Kommunikation, wenn man der Sprache nicht mächtig ist. Wer im Café nie Wortfetzen vom Nebentisch aufschnappen kann, schaltet auf Durchzug. Ist es auch Indifferenz, wenn Residenten, seit 30 Jahren mit Zweitdomizil in Port d'Andratx, noch nie vom Berg Randa gehört haben? Wie heimisch kann man sich fühlen, wenn sich das spanische Vokabular auf die Speisekarte des Lieblingslokals beschränkt und der Freundeskreis auf Deutsche?

Das Erlernen einer Sprache wird im Alter nicht leichter, worauf warten? Hinein ins mallorquinische Leben, wenn's sein muss, mit Händen und Füßen. No te preocupes.

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