Palma, die Autostadt

Staus, Unfälle und Luftverschmutzung: Die Folgen jahrelanger Fehlplanung sind in Palma unübersehbar. Doch jetzt soll in der Hauptstadt eine neue Zeit anbrechen

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Einst gab es in Palma eine Tram - jetzt kommt sie wieder. 2011 ist es soweit.

Palma bekommt ein neues Gesicht. Die sozialistische Bürgermeisterin Aina Calvo und ihre Führungsmannschaft sind entschlossen, das Verkehrsproblem endlich anzupacken. Staus gehören bislang zum Stadtbild wie die Kathedrale und das über den Straßen thronende Castell Bellver. Rund 15 Menschen kommen Jahr für Jahr im Stadtverkehr ums Leben. Wer sich gezwungenermaßen oder freiwillig nicht mit dem Auto fortbewegt, setzt sich entweder der Lebensgefahr aus, sollte er sich für das Fahrrad entscheiden (lesen Sie dazu auch den Selbstversuch auf der folgenden Seite), oder muss sich mit einem völlig unzureichenden Nahverkehrssystem begnügen. Das soll sich jetzt ändern.

„Wenn wir unsere Pläne umgesetzt haben, dann wird Palma menschlicher sein, bürgernäher und freundlicher”, sagt Joaquín Rodríguez, Verkehrsdezernent im Rathaus und damit Hauptverantwortlicher für die angedachten Veränderungen. Fast eine halbe Milliarde Euro soll in den kommenden Jahren in den Ausbau des Nahverkehrs und des Radwegenetzes gesteckt werden. Allein die geplanten Straßenbahnlinien könnten 350 Millionen Euro verschlingen. Die Botschaft ist klar: „Die Autos müssen raus aus den Innenstädten”, sagte der balearische Verkehrsminister Gabriel Vicens im Rahmen der europäischen Woche der Mobilität, die erstmalig auch in Palma begangen wurde.

Zum ersten Mal scheint es jetzt den Willen zu geben, mit der autofreundlichen Politik der Vergangenheit zu brechen. Die konservative Landesregierung, die bis Mai 2007 das Sagen hatte, setzte noch eindeutig auf Straßenbau und den Autoverkehr. „Es war ein großer Fehler, mitten in der Innenstadt neue Parkhäuser zu bauen”, kritisiert etwa Verkehrsdezernent Rodríguez. Durch eine solche Politik habe man die Überlastung der Innenstadt nur noch verstärkt.

Balearen-Regierung und Palmas Stadtverwaltung meinen es ernst. Davon ist auch Xavier Lujan von der Vereinigung zur Förderung des Nahverkehrs überzeugt. „Alle sind sich einig, dass etwas geschehen muss”, sagt er. Das Auto genieße nicht mehr uneingeschränkte Vorfahrt in Palma.

Aber es gibt noch viel zu tun: Vor allem das Bewusstsein der Menschen müsse sich ändern, so Verkehrsdezernent Rodríguez. Denn ob die Bewohner Palmas tatsächlich auf ihr liebgewonnenes Auto verzichten mögen, kann niemand mit Sicherheit sagen. Es gibt offenbar Zweifel: So entschied sich die Stadtverwaltung dafür, nicht (wie in ganz Europa) den vergangenen Montag zum autofreien Tag zu erklären und Palmas Innenstadt für den Verkehr zu sperren, sondern vorsichtshalber lieber den Sonntag. Laut Rodríguez hatte das Umweltministerium in Madrid das Ausweichdatum empfohlen. Immerhin fand der autofreie Tag erstmalig in Palma statt und man will die Bürger behutsam an die neuen Kräfteverhältnisse auf Palmas Straßen gewöhnen.


Nichts für Angsthasen
Fahrradfahren in Palmas Innenstadt ist mangels ausreichender Radwege oft abenteuerlich
VON ANJA MARKS
Palma soll endlich radfahrerfreundlich werden. Gut vier Kilometer Radwege rund um die Avenidas sollen 2009 entstehen, insgesamt sind in den nächsten Jahren über 40 Kilometer neue Fahrradwege geplant. Noch sind sie allerdings Mangelware. Wer sich heute mit dem Rad durch die Innenstadt bewegt, hat zwar keine Parkplatzprobleme, schwankt aber ständig zwischen Abenteuer und Lebensgefahr. Ein Erfahrungsbericht.

Ich starte am Freitag um 16 Uhr in der Carrer Marquès de la Sènia, der Feierabendverkehr ist bereits in vollem Gange. Es geht bergab Richtung Plaça Pont und Zentrum. Die Autos rasen an mir vorbei, ich habe ein mulmiges Gefühl und halte mich möglichst weit rechts. Von Fahrradwegen keine Spur, hier ist man ein Verkehrsteilnehmer wie jeder andere. Schon nach einer Minute überholt mich ein Segway, dem der Verkehr offensichtlich vertrauter ist als mir. Eine Ampel springt auf Grün, drei Wagen blasen mir ihre Abgase direkt in die Nase, weiter geht's.

In der Calle Caro, einer Einbahnstraße, müsste ich mich auf die mittlere Spur einordnen, um am Paseo Mallorca links ameter Radwege rund um die Avenidas sollen 2009 entstehen, insgesamt sind in den nächsten Jahren über 40 Kilometer neue Fahrradwege geplant. Noch sind sie allerdings Mangelware. Wer sich heute mit dem Rad durch die Innenstadt bewegt, hat zwar keine Parkplatzprobleme, schwankt aber ständig zwischen Abenteuer und Lebensgefahr. Ein Erfahrungsbericht.

Ich starte am Freitag um 16 Uhr in der Carrer Marquès de la Sènia, der Feierabendverkehr ist bereits in vollem Gange. Es geht bergab Richtung Plaça Pont und Zentrum. Die Autos rasen an mir vorbei, ich habe ein mulmiges Gefühl und halte mich möglichst weit rechts. Von Fahrradwegen keine Spur, hier ist man ein Verkehrsteilnehmer wie jeder andere. Schon nach einer Minute überholt mich ein Segway, dem der Verkehr offensichtlich vertrauter ist als mir. Eine Ampel springt auf Grün, drei Wagen blasen mir ihre Abgase direkt in die Nase, weiter geht's.

Am Paseo Mallorca Richtung Avenidas erblicke ich dann den ersten Radweg. Hier wurde kurzerhand mittels weißer Farbe ein Teil des Bürgersteiges abgetrennt, nicht schön, aber sicher. Leider nur von kurzer Dauer, denn jetzt geht es rechts ab auf die Avenida de Portugal. Drei- bis vierspurige Fahrbahnführung bis hinunter an den Paseo Marítimo: Busse, Lastwagen, Motorräder, ungeduldige Taxifahrer, parkende Autos im Halteverbot, Parkhauseinfahrten auf dem Mittelstreifen.

Kurz gesagt: Wer sich hier als Fahrradfahrer unters motorisierte Volk mischt, muss mutig sein und darauf vertrauen, dass er gesehen wird. Gut zu wissen ist: Radfahrer dürfen – im Gegensatz zu motorisierten Zweirädern – auch den rechten Fahrstreifen nutzen, der sonst nur Bussen und Taxis vorbehalten ist. Wem auch das zu stressig ist, kann sogar legal auf den Bürgersteig ausweichen, allerdings nur im Schritttempo und ohne Fußgänger zu behindern. Ich kämpfe mich auf der rechten Fahrbahn durch, werde jedoch ständig von haltenden Autos gebremst. Was für Pkw-Fahrer schon schwierig ist – nämlich schnell vorbeizuziehen und sich wieder rechts einzuordnen – ist für Fahrradfahrer so gut wie unmöglich.

Erst nach der nächsten Ampelschaltung hinter mir wird es ruhig und ich komme an dem illegal haltenden Auto vorbei. Linksabbiegen ist tatsächlich nur unter Lebensgefahr möglich. Todesmutig versuche ich mich auf der linken Fahrbahn einzuordnen, aber hupende Wagen verscheuchen mich schnell wieder von der Mitte der Fahrbahn, und ich mache lieber einen Schlenker über die Calle Sindicat und die Plaça Porta de Sant Antoni und überquere dann die Avenidas in Richtung Calle Manacor.

Hier wird es zwar etwas ruhiger, doch spätestens jetzt bin ich mir sicher: Palma braucht dringend Fahrradwege. Das gilt nicht nur für die Hauptverkehrsadern. Auch in der Calle Manacor oder kleineren Straßen rund um den Markt Pere Garau kommt man ständig in Bedrängnis: Parkende Autos provozieren gefährliche Ausweichmanöver oder die Kollision mit unachtsam geöffneten Türen, in kleinen Einbahnstraßen behindert man als Radfahrer selber den Autoverkehr, und die Bürgersteige taugen allenfalls zu einer kleinen Verschnaufpause.

Aber es tut sich was auf Palmas Straßen, das kann man zum Beispiel in der Calle Miquel dels Sants Oliver erleben. Von der Avenida Portugal führt diese Straße Richtung Park Sa Riera und Camí de Jesús. Hier fährt man bequem und sicher auf einem roten Radweg, der für beide Richtungen eingerichtet ist, bis zum Park Sa Riera.

Ähnliche Abschnitte gibt es, außer dem bekannten Stück von Porto Pí bis Can Pastilla, auch vom Kreisel Son Rapinya Richtung Zentrum und am Camí dels Reis bis zum Gewerbegebiet Can Valero, ebenso wie an Teilstücken der Carretera de Valldemossa und außerhalb des Avenida-Ringes in der Calle Manuel Azaña. Dieses Stück soll Teil des neuen „Fahrrad-Cinturons“ um Palma werden. Spätestens Ende 2009 ist alles fertig, so sagen die Planer. Hoffen wir das Beste.

Die Wiedergeburt der Tram
Palma bekommt wieder eine Straßenbahn. Bis 2011 soll das erste Teilstück in Betrieb gehen
VON JONAS MARTINY
Einst war Palma eine Stadt der Straßenbahnen. Direkt unterhalb der Kathedrale führten Gleise entlang, an der Stierkampf-Arena auch und sogar bis hinaus nach Establiments. Auch in Génova gab es eine Tram, wovon noch heute ein Straßenname zeugt: Camino de Tranvía. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts war zum ersten Mal eine Straßenbahn durch Palma gerollt. In den 50er Jahren war dann jedoch schon wieder Schluss. Nach und nach wurden immer mehr Busse eingesetzt, 1959 verschwand die letzte Tram aus dem Stadtbild.

Das will die sozialistische Bürgermeisterin von Palma, Aina Calvo, nun rückgängig machen. Die Mitte-Links-Mehrheit im Stadtrat ist dabei, ein Großprojekt auf den Weg zu bringen, das sich bis weit in die nächste Legislaturperiode ziehen wird. Geplant ist eine Straßenbahnlinie, die die gesamte Innenstadt Palmas umschließt. Auf dem Ring, den die Avenidas bilden, sollen die Gleise verlegt werden. Ebenso steht dem Paseo Marítimo eine erhebliche Umgestaltung bevor. Denn auch ab der Avenida Argentina in Richtung Flughafen wird eine Straßenbahn verkehren, wenn es nach der derzeitigen Stadverwaltung geht. Sogar bis hinaus an die Playa de Palma soll die Tram-Linie reichen. „Das komplette Projekt wird auf keinen Fall in dieser Legislaturperiode fertig”, sagt Joaqín Rodríguez, Verkehrsdezernent in Palmas Rathaus. Bis 2011 soll aber zumindest eine Teilstrecke in Betrieb gehen. Priorität hat laut Rodríguez die Verbindung Paseo Marítimo-Flughafen. Am kompliziertesten dürfte dagegen der Bau der Strecke auf den Avenidas werden. Deshalb werde dieser Teil des Projekts wohl erst am Schluss in Angriff genommen.

Mehrfach haben sich die Verantwortlichen der Stadt zuletzt im Ausland umgesehen – in Städten, die über ein funktionierendes Straßenbahnnetz verfügen. So reiste eine Delegation um Rodríguez zuletzt nach Basel und Orléans. Rodríguez ist überzeugt: „Es war ein Fehler, die Straßenbahnen aus Palma zu entfernen.” Damals hätten aber nun einmal Busse als Gipfel der Modernität gegolten. Straßenbahnen dagegen seien als veraltetes Verkehrsmittel empfunden worden. „Dass Busse die Luft verschmutzen, war damals kein Argument”, sagt Rodríguez: „Umweltschutz spielte damals eben noch keine Rolle.”


Kein Durchkommen für den Notarzt

Trotz aller Proteste sollen die Zufahrtstraßen nach Palma ausgebaut werden – der Krankenhaus-Neubau erfordert das. Kaum ein Thema ist auf Mallorca so umstritten wie der Straßenbau. Dass in den vergangenen Jahren neue Autobahnen entstanden sind, dass unzählige Landstraßen ausgebaut, begradigt oder verbreitert wurden, dass in verschiedenen Gegenden Ortsumgehungen die Landschaft verschandeln – viele umweltbewusste Inselbewohner heißen das nicht gut. Naturschützer fordern ein Ende dieser Straßenbaupolitik.

Umstritten ist vor allem der Ausbau der Zufahrtsstraßen nach Palma. Auf der einen Seite befürchten Kritiker, dass der Bau eines zweiten Autobahnrings um die Stadt die Immobilienspekulation fördern und einen Bauboom auslösen würde. Auf der anderen Seite werden die Straßen der Stadt schon lange nicht mehr mit den Automassen fertig. An Knotenpunkten kommt es täglich mehrfach zu Staus. Darum ist der Straßenbau auch unter der Mitte-Links-Regierung kein Tabuthema. „Es muss ja keine zweite Stadtautobahn werden”, beschwichtigt Joaquín Rodríguez, Verkehrsdezernent im Rathaus von Palma. Klar ist aber, dass bestehende Straßen ausgebaut und verbreitert werden müssen. „Es muss eine Alternativroute geben, über die sich der Verkehr verteilt, bevor er bis zur Vía de Cintura kommt”, sagt Rodríguez.

Ein schlagendes Argument für einen Ausbau ist der Krankenhaus-Neubau Son Espases im Norden der Stadt. Wenn das Krankenhaus (voraussichtlich) 2011 die Arbeit aufnimmt, dann müssen die Verkehrsprobleme in der Umgebung gelöst sein. Andernfalls würden die Notarztwagen ständig im Stau steckenbleiben, so Rodríguez: „Es ist immer das Gleiche auf Mallorca, erst wird gebaut und dann nachgedacht, dass die Infrastruktur überhaupt nicht ausreicht.”

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