Dieter Hecking: "Am Ende zählt nur der Titel"

Hannover 96 weilte am Wochenende zu einem Turnier mit Real Mallorca, Hertha BSC Berlin und Newcastle United auf der Insel. Der Trainer des Fußball-Bundesligisten Dieter Hecking sprach mit dem Mallorca Magazin über die Pflicht zum Siegen, nutzlose Diskussionen und kaschierte Probleme

MM: Sie haben fünf Kinder, Herr Hecking. Wie sorgen Sie da für Ordnung?
Dieter Hecking: Das geht eigentlich relativ gut, weil ich eine Frau habe, die die Erziehung übernommen hat.

MM: Ist Disziplin wichtig?
Hecking: Für mich schon. Ich bin zwar kein Disziplinfanatiker, aber man braucht schon eine gewisse Ordnung - im normalen Leben wie auf dem Spielfeld.

MM: Sie gelten als streng. Zurecht?
Hecking: Ich weiß nicht, wie mich andere Leute sehen, und das ist mir auch egal. Jeder hat seinen Führungsstil. Meine Mannschaft weiß, wie weit sie gehen darf und wie weit sie besser nicht gehen sollte. Klar, ich kann natürlich auch streng sein.

MM: Zuletzt haben Sie den Mannschaftsrat abgeschafft - das Gremium, das die Interessen des Teams vertritt. Wollen Sie härter durchgreifen?
Hecking: Ein Mannschaftsrat macht eigentlich gar keinen Sinn mehr. Da werden die Spieler zu Sachen befragt, die relativ unwichtig sind. Bei uns wurde im Mannschaftsrat mal eine halbe Stunde über das neue Vereinslied diskutiert und am Ende hat der Präsident dann entschieden: Wir nehmen das andere. Wenn wirklich wichtige Dinge zu entscheiden sind, dann wird sowieso eine größere Runde einberufen.

MM: Trainieren Sie derzeit den stärksten Kader Ihrer Trainerlaufbahn?
Hecking: Ja.

MM: Was wollen Sie mit der Mannschaft in dieser Sasion erreichen?
Hecking: Das Mittelfeld in Deutschland ist sehr breit. Alle Klubs haben sich verstärkt: Hertha, Dortmund, Frankfurt, selbst Bochum hat mehr Geld ausgegeben als wir. Das Mittelfeld der Bundesliga hat aufgerüstet. Wir können eine gute Saison spielen, wir wollen da sein, wenn andere vor uns schwächeln, müssen aber auch aufpassen, dass wir nicht von Teams hinter uns überholt werden.

MM: Langfristig muss es für Hannover 96 darum gehen, international zu spielen. Wo soll der Weg sonst hinführen?
Hecking: Natürlich muss es unser Ziel sein, auch mal europäisch zu spielen. Aber in Deutschland sind nun einmal drei, vier Vereine weit enteilt, was die wirtschaftlichen Voraussetzungen angeht. Der Hamburger SV hat 100 Millionen Euro Umsatz, Hannover 96 nur 47 Millionen. Da sieht man schon, wo die Schwierigkeit liegt. Letztendlich schießt Geld eben doch Tore. Wenn man sieht, wie der VfL Wolfsburg aufrüstet - diese Möglichkeiten haben wir nicht. Da haben wir keine Chance. Das muss man ganz realistisch sehen und nicht Ziele einfordern, die nicht zu erreichen sind.

MM: Droht also Langeweile in der Bundesliga?
Hecking: Die Bundesliga ist nicht langweilig. Aber es ist nun einmal so, dass die Klubs, die das Geld haben, den kleineren Vereinen immer wehtun können, indem sie ihnen die besten Spieler wegkaufen. So ist es fast schon unterbunden, dass Mannschaften von hinten aufschließen. Auf Dauer aufzuholen geht eben nur, wenn man auch wirtschaftlich mit den ersten vier, fünf mithalten kann.

MM: Hannovers Präsident Martin Kind fordert, dass Investoren Bundesliga-Vereine übernehmen dürfen. Sehen Sie hier eine Möglichkeit, das Kräfteverhältnis zugunsten von Vereinen wie Hannover 96 zu verschieben?
Hecking: Die Änderung der Regel würde die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit aller Vereine in Deutschland verbessern. Wir wollen 96 im oberen Tabellendrittel etablieren - dazu sind nicht nur das Engagement strategischer Investoren wichtig, sondern natürlich auch sehr gute Arbeit auf dem Platz und eine kluge Transferpolitik.

MM: Wie fällt Ihr Fazit der Europameisterschaft aus?
Hecking: Sie war sehr offensiv. Mir haben viele Spiele Spaß gemacht. Die deutsche Mannschaft ist unter ihren Möglichkeiten geblieben. Was sie in den Qualifikationsspielen gezeigt hatte, hat sie nur gegen Portugal annähernd bestätigt. Man hat aber auch gesehen, was mit mannschaftlicher Geschlossenheit möglich ist. Dass wir am Ende nur Vize-Europameister geworden sind, lag daran, dass Spanien an dem Tag einfach besser war.

MM: Warum konnte die deutsche Mannschaft die Leistung aus der Qualifikation nicht wiederholen?
Hecking: Deutschland hatte einige Spieler dabei, die zum Beispiel wegen Verletzungen nicht auf dem höchsten Leistungsstand waren. Vielleicht hat auch die Lockerheit gefehlt, weil der Druck so groß war. In Deutschland war ja schon gefordert: Finale, am besten Europameister. Als Bundesliga-Trainer hätte ich mir gewünscht, dass unsere Mannschaft besser auftritt, als sie es in manchen Spielen getan hat.

MM: In Deutschland scheint es egal zu sein, wie das Team spielt, solange es weit kommt.
Hecking: Die Begeisterung für den Fußball in Deutschland ist riesengroß. Man hat ja gesehen, was auf den Fanmeilen los war. Das verwässert natürlich so ein wenig den Eindruck des tatsächlichen Geschehens auf dem Platz. Durch die gute Stimmung im Land wurde sicher das eine oder andere kaschiert, das auch Anlass zur Kritik gegeben hätte: die Spiele gegen Kroatien, Österreich und die Türkei etwa.

MM: Gehören Sie eher zu den Trainern, die in Fußball-Deutschland einen enormen Nachholbedarf sehen, oder zu denen, die sagen: Wir sind WM-Dritter und Vize-Europameister - ist doch alles gut?
Hecking: Ich gehöre zu denen, die sagen: EM-Finale gut, aber es geht besser. Andere Teams, wie zum Beispiel Niederlande oder Russland, haben nicht die Qualität gezeigt, um bis ins Finale vorzustoßen.

MM: Die haben aber begeisternden Fußball gespielt.
Hecking: Ja. Aber das ist immer die Diskrepanz. Der Aufschrei wäre groß gewesen, wenn Deutschland mit tollem Fußball durch die Vorrunde marschiert und dann im Viertelfinale ausgeschieden wäre. Das ist der schmale Grat, auf dem wir Trainer und Spieler wandeln. Letztlich zählt in der heutigen Gesellschaft nur der Titel.

MM: Sollte es eine deutsche Nationalmannschaft aber nicht zumindest im Repertoire haben, technisch hochklassigen Fußball zu spielen?
Hecking: Ja. Und ich glaube, da sind in den letzten Jahren auch deutliche Veränderungen passiert. Wir sind auf einem guten Weg, müssen aber weiter hart daran arbeiten, das zu verfestigen und zu verfeinern, damit dann zu dem ergebnisorientierten Fußball auch der attraktive Fußball kommt.

MM: Wie ordnen Sie da den Europameistertitel der U19-Nationalmannschaft ein?
Hecking: Sehr hoch. Das zeigt nämlich, dass wir im Nachwuchsbereich die ersten Früchte tragen.

MM: Wo sehen Sie den deutschen Vereins-Fußball im internationalen Vergleich?
Hecking: Auf Vereinsebene haben wir das Problem, dass in Russland, England, Spanien, Italien Spielern mehr Geld gezahlt werden kann. Nicht umsonst standen dieses Jahr wieder zwei englische Vereine im Champions-League-Finale. Wenn ich mehr finanzielle Möglichkeiten habe, dann ist es auch einfacher erfolgreich zu sein. Ich glaube, dass die Bundesligaklubs deutlich mehr Geld bekommen könnten, wenn sie sich besser vermarkten würden. Ein Ansatz ist da das Pay-TV.

MM: Es müsste also auch in Deutschland dahin gehen, dass Fußball wie in anderen europäischen Ländern exklusiver im Pay-TV gezeigt wird - auf Kosten der Sportschau?
Hecking: Wenn wir in Deutschland wollen, dass unsere Klubs international erfolgreich sind, dann müssen wir uns der Gesetzmäßigkeit in Europa anpassen. Sonst wird es sehr schwer, dass eine deutsche Mannschaft wieder die Champions League gewinnt.

Die Fragen stellte Jonas Martiny

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