Aus für dürre Schaufensterpuppen

Spanien kämpft gegen das Mager-Ideal. Konfektions-Größen werden neu bestimmt

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JÖRG VOGELSÄNGER

In einem Laden ist die Hose zu weit, im nächsten viel zu eng, obwohl sie doch beide Größe 38 sind. Das Shoppen wird bei solchen Unterschieden leicht zum Ärgernis. Nicht nur, weil bei der Suche nach dem begehrten Kleidungsstück viel Zeit verloren geht: Oft kommt obendrein Frust auf, wenn in einem anderen Geschäft selbst mit Luftanhalten auch bei Größe 40 nichts zu machen ist. Vor allem Frauen beschleicht da das Gefühl, sie seien zu dick.

In Spanien soll damit nun Schluss sein. Gesundheitsministerium, Modeketten und die Textilindustrie haben sich auf die Einführung einheitlicher Damen– Konfektionsgrößen geeinigt. Die Vereinbarung dient auch dem Kampf gegen Magersucht und Bulimie. Eine Konsequenz: Magere Schaufensterpuppen werden aus den Läden verbannt. „Es darf nicht sein, dass Schönheitsideale wie extreme Schlankheit und ewige Jugend verbreitet werden, die nicht nur von der Wirklichkeit weit entfernt sind, sondern auch noch krank machen können”, sagt Gesundheitsministerin Elena Salgado.

Die Initiative sieht deshalb auch vor, dass Schaufensterpuppen künftig mindestens der Größe 38 entsprechen müssen. Außerdem werden Kleidungsstü cke der Größe 46 nicht länger als „Sondergrößen” oder „Mode für Mollige” ausgezeichnet, was manche als diskriminierend empfanden.

Der Initiative haben sich große Modeketten wie Zara und Mango, die auch in Deutschland vertreten sind, angeschlossen. Auch Cortefiel, der Kaufhauskonzern El Corte Inglés, die Modedesigner-Vereinigung und der Textilverband machen mit. Sie repräsentieren etwa 80 Prozent der Mode– und Bekleidungsbranche Spaniens.

Ärzte und Ernährungsexperten begrüßten die Vereinbarung. „Frauen werden von dem psychologischen Druck befreit, den die Werbung mit Magermodels und irrealen Schönheitsidealen bringt”, sagt Jesús Román Martínez, Präsident der Gesellschaft für Endokrinologie. Die Verbraucherverbände kritisieren schon lange, dass einige Hersteller ihre Ware absichtlich falsch auszeichneten, um Kasse zu machen. In einigen Läden würden Kleidungsstücke mit der Größe 36 verkauft, die eigentlich der Größe 34 oder gar 32 entsprechen. Magersüchtigen Mädchen werde so der Eindruck vermittelt, mit ihnen sei alles in Ordnung.

Manchen Verbraucherschützern geht die Initiative allerdings nicht weit genug, denn sie basiert auf einer freiwilligen Selbstkontrolle. Strafen für Verstöße gibt es nicht. Nachdem im vergangenen Jahr bereits Hungermodels von spanischen Laufstegen verbannt worden waren, sei dies ein weiterer wichtiger Schritt, heißt es beim Selbsthilfeverband gegen Magersucht und Bulimie (Adaner). „Aber auch in der Werbung muss mehr getan werden, damit Frauen, die wegen ihrer extremen Schlankheit krank aussehen, nicht als das Ideal von Gesundheit und Schönheit angepriesen werden.”

Bevor die Vereinbarung im nächsten Jahr umgesetzt werden kann, gilt es zunächst, die Konfektionsgröße der „Durchschnitts-Spanierin” zu bestimmen. Dazu sollen in den kommenden Wochen 8500 Freiwillige zwischen zwölf und 70 Jahren im ganzen Land in speziellen Laserkabinen vermessen werden.

Auch für Männer soll es diese einheitlichen Größen irgendwann geben, kündigte das Ministerium an. Dem Schaufensterpuppen-Vorbild mit Waschbrettbauch und kräftigem Bizeps entsprechen die meisten Herren der Schöpfung schließlich auch nicht.

Bei Deutschlands traditionellem Puppenhersteller, der Moch Figuren GmbH in Köln, hält man den Schlag gegen die Mager-Puppen für überflüssig. Man produziere sowieso keine extrem dünnen Schaufensterpuppen, sagt Chef Josef Moch. „Eine Schaufensterfigur ist ein überzogenes Kunstobjekt. Und ich glaube, letztlich will niemand so aussehen wie eine Schaufensterpuppe.”(dpa)

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