Prachtboulevard im Dornröschenschlaf

Flaniermeile wird renoviert / Kritiker sprechen von Flickwerk

VON KLAUS SPÄNE
Stakkatohaftes Gehämmer von Pressluftbohrern dröhnt im unteren Teil der Straße, wo der Borne in die Avinguda Antoni Maura übergeht. Den oberen Teil erfüllen das Tuckern eines Kompressors und ds durchdringende Kreischen einer Steinschneidemaschine.Optisch begleiten die Lärmszenerie Bauarbeiter, die mit Spitzhacke die Straße aufreißen, gelbe Absperrgitter sowie zwei monströse Altpapiercontainer, die den Mittelstreifen des Borne verschandeln. Als ob das nicht genug wäre, gräbt sich ein Bagger tief in die Antoni Maura hinein, wo ein Parkhaus entstehen soll. Der Carrer Sant Feliu: ebenfalls aufgerissen. Dort werden Röhren für die pneumatische Müllentsorgung verlegt. die Plaza Joan Carles I: ein einziges Baulager.

Eine Momentaufnahme vom borne, wie er sich diese Woche bot. Sie dokumentiert die aktuellle Problematik der Hauptflaniermeile von Palma: eine Straße im Belagerungszustand, eine Straße im Umbruch in eine ungewisse Zukunft.

Zunächst die Fakten. Sei dem 17. September lässt die Stadtverwaltung die ,, gute Stube" Palmas renovieren. Bis Ende dieser Woche pflastern Bauarbeiter die stadteinwärts führende rechte Spur neu. Sie ist derzeit für den Verkehr gesperrt und soll das auch in Zukunft überwiegend bleiben. Nur Anwohner und Lieferanten sollen sie benutzen dürfen. Daher lässt die Verwaltung Poller instalieren, die man mit einer Berechtigungskarte im Boden versenken kann. Damit nicht genug. Gleichzeitig wurde die Mauer zwischen der Fußgängerzone in der Mitte und der rechten Fahrbahn an fünf Punkten durchbrochen, um dem Borne mehr Großzügigkeit zu verleihen.

Ab Januar gehen die Bauarbeiten dann auf der linken Straßenseite weiter. Alller Wahrscheinlichkeit nach wird die Fahrbahn dort weiterhin zweispurig verlaufen. Ganz im Sinne der Geschäftsleute am Borne.

,,Das bedeutet eine große Aufwertung fur das Gebiet", sagt Frank Reich, Vizedirektor der Immobilienagentur ,,Engel & Völkers". Überhaupt stünden die Geschäftsleute hinter den Plänen der Stadtverwaltung. ,,Wir haben ein Interesse daran, das der Borne eine Schönheit erlangt, die er verdient."

In dasselbe Horn bläst Carolina Domingo, Mitinhaberin des Schmuckladens ,,Tous" und Präsidentin der Vereinigung der Geschäftsleute am Borne. ,,Wir sind zufrieden, weil endlich etwas passiert," sagt sie. ,,Wir kämpfen seit Jahren darum." In die Genugtuung mischt sich die Hoffnung, dass die Renovierung des Borne nicht das Ende des Liedes sein wird. ,,Der Borne sollte auch vom Angebot her attraktiver werden", wünscht sich etwa Mario Mazola, Mitinhaber von ,,Tous" und Ehemann von Carolina. Vorstellbar seien etwa mehr Bestuhlungsmöglichkeiten im Freien für Cafés und Bars.

Auch Pedro Sampol, Betreiber des Café Solleric, kann sich weitere Maßnahmen vorstellen, um den Borne aufzuwerten. ,,In den vergangenen Jahren ist die Kundschaft weniger geworden", beklagt er. ,,Gut wäre es, wenn es hier //mehr Bars und Cafés gäbe, um Leute anzulocken.” Er hätte es sich auch vorstellen können, den Borne in eine reine Fußgängerzone zu verwandeln. Marisol Sanabria, Präsidentin der Anwohnervereinigung, sieht das genauso. „Die Mehrheit der Anwohner wäre dafür.” Man sei aber zufrieden, dass der Verkehr reduziert wird. Vorher habe man den Paseo gar nicht mehr genießen können. „Aber eigentlich reicht das nicht, um dem Borne seinen alten Charakter wiederzugeben.”

Die Anregungen sind nur die Spitze eines Eisberges aus Wünschen, Hoffnungen, Unzufriedenheit und Sorgen um die einstige Prachtstraße, die sich während der vergangenen Jahre angesammelt haben. Denn Fakt ist, dass der Borne schon mal bessere Zeiten gesehen hat als heute. Viel bessere.

Wirft man einen Blick auf die Geschichte dieser Hauptschlagader Palmas, bietet sich einem das Bild von einer Prachtstraße, auf der sich ganz Palma oft und gerne aufhielt. Der Borne war ein Treffpunkt für Literaten, Maler und Honoratioren der Stadt, die die zahlreichen Kaffeehäuser bevölkerten. „Abends nach sechs war dort immer ein unglaubliches Gedränge”, erinnert sich etwa der Fotograf Josep Planas Montanyà, als er 1945 nach Palma kam. „In den 50ern und 60ern war auf dem Borne ein einziges Flanieren angesagt”, kann sich auch Tabakhändler Toni Roig Novell an die Hochzeit des Boulevards erinnern.

Es folgte eine Phase des Niedergangs, als sich in der einstigen Prachtstraße Souvenirgeschäfte und Billigläden breitmachten. Ende der 90er Jahre wandelte sich der Borne erneut. Viele Fassaden der ehrwürdigen Altstadtpaläste wurden renoviert, elegante Geschäfte eröffneten. Es war wieder in, am Borne präsent zu sein.

In den vergangenen Jahren allerdings verlor die Entwicklung am Borne an Schwung. Positiv ausgedrückt. Kritiker sprechen gar von einem schleichenden Niedergang, dass viele Palmesaner die Straße heute links liegen ließen und dass diese Entwicklung, so sie nicht aufgehalten wird, den Borne in die Bedeutungslosigkeit führe.

Mag sein, dass diese Sicht zu pessimistisch ist. Die Geschäftsleute und Anwohner des Borne vermitteln auf jeden Fall ein anderes Bild. Frank Reich von „Engel & Völkers” etwa spricht höchstens von einer gewissen „Stagnation”, allerdings auf hohem Niveau, das sich an einem stetigen Anstieg der Immobilienpreise in der Zone bemerkbar mache. Reich nennt die Zahl von jährlich 8 bis 15 Prozent auf derzeit 3000 bis 4000 Euro pro Quadratmeter Geschäftsfläche, im Ausnahmefall bis 4500 Euro.

Auch Carolina Domingo sieht bereits eine Besserung am Horizont. Zum Beispiel in Gestalt der schwedischen Bekleidungskette „H&M”, die aller Wahrscheinlichkeit nach in etwa einem halben Jahr am Borne eine Filiale eröffnet und von der man eine Aufwertung der Straße erwartet.

Ob das allerdings genügt, um die Gegend zwischen der Plaza de la Reina und der Plaza Joan Carles I aus ihrem Dornröschenschlaf zu reißen? Wer dieser Tage über den Borne bummelt, gewinnt den Eindruck, dass hier die Zeit teilweise stehen geblieben ist. Sichtbarstes Beispiel ist „Can Alomar”, ein alter Stadtpalast an der Ecke Sant Feliu, der seit Jahren leersteht und vor sich hinvegetiert.

Er befindet sich im Besitz der Deutschen Susanne Kaiser, die vor ein paar Jahren hier ein Kasino unterbringen wollte. Der Plan scheiterte jedoch damals. Neuesten Gerüchten zufolge ist jetzt geplant, eine Galerie zu er- öffnen. Näheres war nicht zu erfahren.

Dem Borne wäre zu wünschen, dass dies nicht nur ein Hirngespinst ist. Denn während in der benachbarten Straße Jaime III das pralle städtische Leben herrscht, tobt auf dem Borne nicht gerade der Bär. Ob allerdings die Renovierungsmaßnahmen der Stadtverwaltung für eine Kehrtwende sorgen, mag bezweifelt werden. Irgendwie wirkt das Ganze auf den Betrachter wie Oberflächenkosmetik.

Kritiker sprechen von „Flickwerk” und befürchten in den kommenden Jahren einen Reigen von kleineren Renovierungsarbeiten, anstelle eines großen Wurfs. Wie es anders geht, zeigt ein Ideenwettbewerb der Architektenkammer von Palma, dessen Ergebnisse unter dem Titel „Del Borne al mar” noch bis zum 12. Dezember im Ausstellungspalast Casal Solleric zu sehen sind.

In den 29 Projekten zeigen die Architekten, wie sie sich einen Borne der Zukunft vorstellen: als Fenster zum Meer und als lebendige Stätte der Begegnung. Einziges Manko des Wettbewerbs: Die Verwaltung zeigte sich beratungsresistent und machte keinen Hehl daraus, dass sie an ihren Plänen festhalten möchte. Die Diskussion um den Borne wird das nicht beenden.

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