Behörden greifen durch: Kegelklubs ja, Ballermänner nein

Aber Hoteliers und Politiker gehen gegen Exzesse des Party-Tourismus an der Playa de Palma konsequent vor

410

„Verflucht sei der Erfinder der Zwei-Meter-Strohhalme.” Für Jordi Cabrer sind die bunten Sauf-Röhren ein Symbol für die Exzesse des Party-Tourismus an der Playa de Palma. Der Präsident des dortigen Hotelverbandes befürchtet, dass die hohe Zahl von Feiernden die Zone langfristig als Reiseziel zerstört.

Dabei will der Besitzer des Hotels Manaus um jeden Preis den Eindruck vermeiden, Spaßurlauber seien nicht willkommen: „Ganz im Gegenteil freuen wir uns über jeden Gast. Vor allem der gern kolportierte Eindruck, wir wollten weniger Deutsche, ist so falsch wie ungerecht.”

Rückendeckung erhält er seit Jahren von Joan Bauzá, Tourismus-Dezernent der Stadt Palma. „Die alkoholisierten Urlauber, die über die Stränge schlagen, stören andere Gäste wie Bewohner. Und wenn wegen ein paar hundert lauten Säufern Zehntausende Urlauber abwandern, müssen wir etwas unternehmen”, so der zweite Stellvertreter des OB.

Die erste Maßnahme greift seit zwei Jahren: das Nachtmusikverbot. Um 24 Uhr müssen die Musikanlagen im Freien auf Konversationslautstärke gedrosselt werden, in der Praxis wird Mitternacht abgeschaltet. Cabrer ist ein großer Fan dieses Vorgehens: „Es kann nicht angehen, dass das Vergnügen relativ weniger schlaflose Näche für ganz viele bedeutet.”

Gerald Arnstein, Direktor des Party-Biergartens Mega Parc, sieht das genauso: „Bei uns ist um Punkt 24 Uhr mit der Musik Schluss”. Danach könnten die Unentwegten in geschlossenen Räumen weiterfeiern, etwa in Diskotheken oder Kneipen. Der Österreicher wirbt aber auch für Verständnis: „Drinnen sind die Leute auch zu Hause, und hier halt am liebsten unter freiem Himmel.”

Vor allem gibt es an der Playa ein gravierendes Image-Problem. „Viele, die Mallorca nicht kennen, haben den Eindruck, die Insel bestünde nur aus dem Ballermann”, klagt der balearische Tourismusminister Celestí Alomar in seltener Einigkeit mit den Hoteliers. Cabrer beobachtet auch, dass Gäste, die die Playa sehr wohl kennen, diese nach Berichten in „einigen deutschen Privatsendern” jetzt meiden, weil der „falsche Eindruck vermittelt wird, der ganze Strand sei eine einzige Party-Zone”.

Die gibt es freilich, aber räumlich eng beschränkt auf den zum Ballermann verballhornten Strandkiosk Balneario 6 sowie in den Feier-Meilen der weithin bekannten Bier– und Schinkenstraße.

Das Phänomen der Spaß-Urlauber existiert fast so lange, wie es Massentourismus an der Playa de Palma gibt. Der Pionier für organisierten Kluburlaub heißt Heinz Müller („die tollen Müller-Touren”). Vor 30 Jahren reisten seine ersten Gäste zum Feiern nach Mallorca. Seine Kunden, zu 95 Prozent Gruppen, steigen in Deutschland in ein Flugzeug, um auf der Insel ein paar Tage feste zu feiern.

Pedro Prieto, Gesellschaftsreporter bei MM-Schwesterzeitung „Ultima Hora”, beobachtete diese trinkenden Urlauber und stellte einst fest: „Die Deutschen schwanken, aber sie schwanken diszipliniert.” Im Unterschied zu den Briten, die in den 80er Jahren aus Magaluf eine einzige Tränke machten, dabei nicht nur nach Prietos Meinung jeglichen Benimm vermissen ließen und einen ganzen Küstenstreifen in Verruf brachten, worunter er noch heute zu leiden hat.

Heinz Müller hat in den letzten Jahren an der Playa eine Veränderung des Publikums beobachtet: „Unsere Gäste waren schon immer ganz normale Menschen, die sich auf Mallorca ein paar Tage amüsieren. Aber es sind immer mehr junge Leute gekommen, und die wissen oft nicht, dass es Grenzen gibt.” „Vor allem im Mai und September, also der Vor– und Nachsaison, kommen mehr Erwachsene, die mit dem Verein auf Abschlussfahrt sind”, weiß Gerald Arnstein vom Mega Parc. In der Hauptsaison, also im Juli und August, ist das Publikum jünger. Entsprechend reisen sie eher allein, ihre Kaufkraft ist nicht besonders üppig.

Für Jordi Cabrer wäre das kein Problem, würden nicht so viele dieser Gäste so vehement über die Stränge schlagen. Heinz Müller: „Die Gäste müssen sich an die örtlichen Gepflogenheiten anpassen.”

Viele finden finden das allerdings nicht, lassen ihre Kinderstube zu Hause. Ergebnis: Bilder von Alkoholleichen und Müllbergen am Strand. Jordi Cabrer: „Das schreckt doch normale Urlauber ab.” Nicht ganz ungefährlich wird es, wenn die Flaschen aus Glas sind und im Rausch einfach fallengelassen werden – Scherben bringen bei barfüßigen Strandbesuchern nämlich kein Glück.

Verbandschef Cabrer kritisiert hier mangelnde Aufsicht der Behörden und begrüßt das Gesetz, das seit neuestem den Konsum von Alkohol auf offener Straße verbietet. „Bitte schreiben Sie auch, dass es sich dabei um ein spanisches Gesetz handelt, das ein verbreitetes soziales Phänomen unter jungen Spaniern bekämpfen will – und keinesfalls speziell gegen Touristen gerichtet ist”, fügt er Image-besorgt an.

Seine Hoffnung: Wenn weniger Exzesse stattfinden, verzieht sich auch das zwielichtige Volk wieder, das von den alkoholisierten Urlaubern lebt. Manche lauern auf Alkoholleichen, die ihren Rausch ausschlafen, um ihnen Geldbörse oder Tasche zu rauben. Andere zocken sie mit Hütchenspielen ab, vor allem aber hat sich seit zwei Jahren die Zahl der Prostituierten an der Playa sprunghaft vermehrt.

Nachdem die meist afrikanischen Straßenmädchen von der Polizei aus der Palmesaner Innenstadt vertrieben worden waren, haben sie nämlich festgestellt, dass das Geschäft mit trunkenen Urlaubern viel leichter ist. Außerdem locken sie ihre Freier oft in Fallen; während die abgelenkt sind, lassen sie das Portemonnaie mitgehen.

Hotelier Cabrer fühlt sich in diesem Punkt von der Polizei und den Behörden allein gelassen. Erst wurden die Prostituierten quasi an die Playa gescheucht, jetzt kümmert sich keiner um deren Verschwinden. „Wir wollen in diesem Sommer eine deutlich erhöhte Präsenz von uniformierten Beamten, damit sich die Gäste sicher fühlen können”, fordert er. Dezernent Joan Bauzá kündigt, wie in jedem Jahr, die „Operación Verano” an, bei der mehr Polizisten in den Urlaubsgebieten für Ruhe und Ordnung sorgen sollen. 2001 waren darunter auch Beamte zu Pferd.

Vieles davon, dessen ist sich Hotelverbandchef Cabrer bewusst, ist lediglich Kosmetik. Denn: „Das Bild, das von der Playa de Palma als Party-Zone gezeichnet wurde, war zum Teil völlig verzerrt”, meint etwa Heinz Müller. Auch Tourismusdezernent Bauzá möchte die Probleme relativiert wissen: „Dort, wo viele Touristen sind, wird es immer ein paar Probleme geben. Aber unter dem Strich gibt es auf der Welt nur wenige Orte, wo so viele Urlauber so sicher sind wie an der Playa de Palma.”

Für Gerald Arnstein läuft sich das Phänomen bald tot und kennt ein Beispiel aus der Heimat: „In den 80ern wurde auf Österreichs Skipisten mit Champagner gehaust, heute macht das kein Mensch mehr. In den 90ern war halt der Ballermann der Hot-Spot für Party. Die Zeiten mit dem Koma-Eimern am Strand sind schon verbei.”

Dass der sprichwörtliche Kegelklub nach wie vor kommt, bestätigt Müller: „Unsere Gästezahlen liegen seit Jahren stabil zwischen 25.000 und 30.000. Dieses Jahr verzeichnen wir sogar ein leichtes Plus”. Sein Fazit: „Unsere Kunden kehren Mallorca nicht den Rücken.”

Kommentar

Nutzungsbestimmungen

Rechtlicher Hinweis

» Der Inhalt der Kommentare spiegelt die Meinung der Nutzer wider, nicht die von mallorcamagazin.com

» Es ist nicht erlaubt, Kommentare abzuschicken, die gegen das Gesetz verstoßen oder unangebrachte, beleidigende oder ehrverletzende Inhalte haben.

» mallorcamagazin.com behält es sich vor, unangemessene Kommentare zu löschen.

* Pflichtfelder

Noch kein Kommentar vorhanden.