Die Glosse

Nichts ist schöner als Gäste zu haben / VON SABINE SCHMÖLLER

Meine Freundin will mich auf Mallorca besuchen. Das ist nicht verwunderlich. Seit ich hier lebe, hat sich meine Beliebtheit überdimensional gesteigert. Anrufe, e-Mails und Briefe sind der Beweis.

Ich habe in vier Wochen auch schon zweimal Besuch bekommen. Weil ich so nett bin und die Insel so schön ist. Glücklicherweise hat es meine Besucher nicht gestört, dass ich den ganzen Tag arbeiten musste. Abends waren sie trotzdem ausgeruht genug, um sich von mir durch Palma führen zu lassen.

Meine Wohnung ist noch leer. Ich hatte noch keine Zeit, sie einzurichten. Eine Gästecouch habe ich mir aber schon angeschafft. Ich weiß, was wichtig ist im Leben. Ich weiß auch inzwischen, wo ich deutsches Brot und deutsche Wurst herbekomme, wo es Erdinger und Franziskaner gibt. Auch mit den Banken kenne ich mich aus. Zeit dazu, ein eigenes Konto zu eröffnen, hatte ich noch nicht. Aber ich habe eine Bank aufgespürt, die umsonst Mark in Pesetas umwechselt. Das ist nötiger. Wie ein Experte kann ich erklären, wie die Sehenswürdigkeiten, Buchten, Strände und Berge mit meinem Auto am besten erfahren werden können. Ich war noch nie dort, aber das ist auch nicht notwendig.

Ich freue mich über jeden Besuch. Nichts ist schöner, als vor Wohlbefinden strotzende Menschen um sich zu haben. Sie machen Ausflüge rund um die Insel und erzählen abends ganz aufgeregt von ihren Erlebnissen. Sonnengebräunt strahlen sie mich an und freuen sich für mich, dass ich in so einem Paradies wohne. Ich mich auch. Ich muss auch nicht braun sein, um gut auszusehen. Sonne am Arbeitsplatz könnte ich gar nicht gebrauchen.

Es macht mich glücklich, dass meine Freundin kommen will. Spätestens im August. Als Lehrerin passt ihr das am besten. Bis dahin werde ich ihr und mir beweisen, wie gut ich mich eingelebt habe, werde witzige Leute um mich geschart haben, fließend Katalanisch sprechen, ein Bankkonto und ein spanisches Handy haben.

In Deutschland konnte ich meine Freundin nicht oft sehen. Wir wohnten 100 Kilometer weit voneinander entfernt. Sie hatte kein Auto, aber einen Freund. Ihre Zeit war knapp. Klar, dass ich mich immer nach ihr richtete.

Geehrt über ihr Interesse an meiner Person, öffne ich eine e-Mail von ihr. „Ich komme vom 1. bis 15. Juni. Freust du dich?” Nein. Ich habe doch keine Zeit mehr für Besuche.

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