Meer vor der Nase und Natur im Rücken

| Cala Mondragó, Mallorca |
Weite Küstenstrecken ohne Hotels oder Ferienhäuser: Die Naturschutzauflagen bewahren Cala Mondragó vor neuer Bebauung und Waldro

Weite Küstenstrecken ohne Hotels oder Ferienhäuser: Die Naturschutzauflagen bewahren Cala Mondragó vor neuer Bebauung und Waldrodung. Archiv-Foto: T. Ayuga/Guardia Civil

Weite Küstenstrecken ohne Hotels oder Ferienhäuser: Die Naturschutzauflagen bewahren Cala Mondragó vor neuer Bebauung und WaldroDie meisten Schildkröten in Mondragó werden von Mitarbeitern gemessen und gewogen.Die Flora in Cala Mondragó zeigt sich zu jeder Jahreszeit von einer anderen Seite.Im Frühherbst ist er meist ruhig und friedlich, bei starkem Regen wird er zum reißenden Fluss, der den Strand überspült: der WilBiel Payeras führt Besucher durch den Park. Wer alleine unterwegs ist, dem helfen Karten.Die Wildpistazie ist im Frühherbst an vielen Stellen zu finden.

In der Ferne zwitschert ein Vogel, sonst ist alles still. "Das war eine Kohlmeise", sagt Biel Payeras. "Die frisst die Insekten, die die Pinienbäume auf Mallorca angreifen." Die Kohlmeise ist nur eine von zahlreichen Vogelarten im Naturpark Mondragó. Fast alle kann Payeras allein am Gesang erkennen. Seit 2001 arbeitet Payeras für das Informationszentrum im Park, führt Naturliebhaber durch die Landschaft, gibt Kurse für Schulklassen und veranstaltet Familienaktionen rund um das Thema Natur.

Rund 13.700 Besucher hat Alicia Fraile im vergangenen Jahr im Informationszentrum gezählt, darunter mehr als 4700 Deutsche. "Die meisten kommen vor allem, um mehr über Wanderwege zu erfahren", erzählt Fraile. Sie gibt den Besuchern Auskunft, mündlich auf Englisch und schriftlich auch auf Deutsch. Wer sich vorher ankündigt, kann eine Führung mit Biel Payeras machen. "Aber nur auf Spanisch oder Katalanisch", sagt Payeras und lacht. "Deutsch zu lernen habe ich bisher nicht geschafft. Wer kein Spanisch kann, sollte also besser einen externen Führer mitbringen. Oder auf eigene Faust losziehen."

Auf eigene Faust durch die Landschaft streifen, das liebt Payeras an seinem Beruf. Fast täglich ist er auf dem Gelände des Naturparks bei Santanyí im Süden Mallorcas unterwegs. Langweilig wird es ihm nie, dafür ist die Landschaft in dem 766 Hektar großen Park einfach zu vielfältig. Türkisblaue Buchten mit hellem Sand, Süßwasserwildbäche, Wälder aus Johannisbrotbäumen und Büschen gehen hier ineinander über.

Aufmerksam Ausschau haltend geht Payeras über den Wanderweg vom Informationszentrum in Richtung Strand, entlang an Mandel- und Ölbäumen und Sträuchern mit tiefroten Wildpistazien. "Momentan gibt es vier Wanderwege, aber ein fünfter ist in Planung", berichtet er. Jeden Weg kann man theoretisch jeweils in weniger als einer halben Stunde ablaufen - wenn man nicht so wie Biel Payeras immer wieder stehenbleibt, um die kleinen und großen Naturwunder zu bestaunen.

"Der Wildbach hier ist im Hochsommer fast ausgetrocknet", erzählt er und deutet auf das Flussbecken, das jetzt im September leicht gefüllt ist. "Aber wenn es im Winter stark regnet, dann kommt so viel Wasser zusammen, dass es den Strand überflutet und den Sand ins Meer spült." Extra Sand mit Lkws anfahren, wie es in einigen Gemeinden Mallorcas gang und gäbe ist, ist in Cala Mondragó nicht nötig. "Wenn es auf dem Meer stürmt, treibt es den Sand zurück. Die Natur regelt sich von selbst, wenn man sie nur lässt", betont Payeras.

Als der kleine Wanderpfad eine Kurve macht, kann man ihn sehen: Caló d'en Garrot, einen von zwei Stränden im Naturpark Mondragó. Die Imbissbuden und aufgereihten Strandliegen wirken nach dem Spaziergang durch die friedliche Natur fehl am Platz. "Wir konnten den Bau von Hotels und Unterkünften stoppen, auch die mallorca-typischen Strandfeuer zum Sant-Joan-Tag. Aber die Badetouristen nicht", erzählt Payeras, ein wenig Bedauern liegt in seiner Stimme. "Ich kann gut verstehen, dass die Menschen hier in der Natur baden wollen, das ist auch in Ordnung. Aber die Mengen an Müll, die hier im Hochsommer aufgesammelt werden müssen, sind nicht ok."

Die meisten Badegäste kämen von weiter her, berichtet Payeras. Zwei Parkplätze sind dafür gerüstet, von Mai bis Oktober kostet das Parken pro Tag fünf Euro, im Winter ist es umsonst. Im Naturpark selbst finden sich nur zwei Hotels. Die gab es schon, bevor die Gegend 1992 zum Schutzgebiet erklärt wurde, genauso wie die kleine Urbanisation Es Cap des Moro, weiter im Parkinneren. "Wenn in den 1980-er Jahren nicht protestiert worden und Cala Mondragó unter Schutz gestellt worden wäre, dann wäre hier jetzt alles zugebaut, so wie an den anderen Küstenabschnitten im Süden der Insel", ist sich Payeras sicher.

Das Küstengebiet in Cala Mondragó ist jetzt öffentlicher Raum, betrieben werden Naturschutzprojekte und Pflege von der Balearen-Regierung, genau wie das Informationszentrum. Der Rest des Parks (rund 90 Prozent der Gesamtfläche) ist in Privatbesitz von knapp 400 Eigentümern, zumeist Landgüter, die in Trockenkultur bewirtschaftet werden. Für Besucher zugänglich sind die Grundstücke nicht, dennoch gelten auch hier die Naturschutzauflagen.

Ein kleiner Weg führt am Meer entlang zum zweiten Strand: S'Amarador. Wer hier dem Wasser den Rücken zuwendet, blickt tatsächlich nur in grüne Weiten. "Die Anfahrt mit dem Auto lohnt sich", findet Erika aus Flensburg. Sie ist schon mehrmals auf Mallorca gewesen, kennt viele Strände. "Aber hier ist immer ein ganz besonderes Feeling, ich liebe Natur, und ich liebe es, am Strand zu liegen. Hier habe ich beides", schwärmt sie.

Anja und Christian Bohnet aus Bayern sind zum ersten Mal auf der Insel. Die beiden sind vor allem zum Wandern in Cala Mondragó. Eine Broschüre aus dem Informationszentrum hilft ihnen bei der Orientierung. "Es ist unser zweiter Tag. Eigentlich wollten wir nicht nach Mallorca kommen. Partyurlaub und was man sonst so von der Insel hört, sind nicht unser Ding, aber der Mann im Reisebüro hat uns überzeugt, dass wir hier auch ganz anderen Urlaub machen können", berichtet ihr Mann Christian Bohnet. "Jetzt sind wir begeistert, so wunderschöne Natur wie hier erlebt man selten."

Biel Payeras kennt solche Reaktionen. "Wer sich wirklich für Natur interessiert, kann hier einiges entdecken", berichtet er und schlägt einen weiteren Wanderweg hinter dem Strand ein. Kleine mallorca-typische Trockenmauern durchbrechen die grüne Landschaft, am Wegesrand taucht ein igluförmiges Häuschen auf, ebenfalls aus den hellen Steinen gefertigt. "Hier haben früer Kleinbauern ihre Werkzeuge gelagert."

Wenige Meter weiter bleibt er stehen, bückt sich und hebt behutsam eine Schildkröte auf, die es sich in der Nähe des Pfades gemütlich gemacht hat. Ängstlich zieht sie den Kopf ein, als Payeras sie begutachtet. "An den Kerben im Panzer erkennt man, dass Parkmitarbeiter sie bereits gemessen und gewogen haben", erklärt Payeras und deutet auf kleine Einbuchtungen am hinteren Schildrand.

"So können wir uns einen Überblick darüber verschaffen, wie sich die Population hier entwickelt." Auch Pflanzenschutzprojekte werden von den Mitarbeitern und freiwilligen Helfern durchgängig betreut. "Dadurch unterstützen wir den natürlichen Lebensraum der Tiere, der auf großen Flächen der Insel gefährdet ist." Behutsam setzt Payeras die Schildkröte wieder auf den Boden, erleichtert kriecht sie davon.

In der Nähe des zweiten Parkplatzes beginnt ein weiterer Wanderweg. "Der ist barrierefrei", betont der Naturpädagoge und steuert, an Picknickbänken aus Holz vorbei, auf einen Aussichtspunkt zu. Von hier aus sind beide Strände und das offene Meer zu sehen. Und lange Küstenstreifen ohne Hotels oder Luxusvillen. Kein typischer Mallorca-Ausblick - oder besser gesagt: typischer als das, was heute als mallorca-typisch gilt.

(aus MM 40/2015)

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