Wo Löffel- und Tafelente speisen

| S'Albufera, Mallorca |
Ein System aus Kanälen, natürlichen Becken und Schleusen durchzieht den Naturpark bei Alcúdia.

Ein System aus Kanälen, natürlichen Becken und Schleusen durchzieht den Naturpark bei Alcúdia.

Ein System aus Kanälen, natürlichen Becken und Schleusen durchzieht den Naturpark bei Alcúdia.3000 Tier- und Pflanzenarten leben ganzjährig oder einen Teil des Jahres im Naturpark Albufera, darunter der Seidenreiher.Die Süßwasserkormorane lieben die flache Ebene der Albufera. 3000 Tier- und Pflanzenarten leben ganzjährig oder einen Teil des Jahres im Naturpark Albufera, darunter der Kiebitz.Maties Rebassa ist Biologe und Direktor des Naturparks.Aus Fenstern wie Schießscharten lassen sich die Vögel beobachten, ohne dass man sie stört.
3000 Tier- und Pflanzenarten leben ganzjährig oder einen Teil des Jahres im Naturpark Albufera, darunter das Purpurhuhn.

Die Halme scheinen Punkmusik zu hören, so stark "rocken" sie hin und her. Der Wind pfeift durch das Schilf, die Wellen auf den seichten Seeflächen der Albufera kräuseln sich und die Enten haben ihre Schnäbel tief in ihrem weichen, wärmenden Federkleid vergraben.

Vier deutsche Touristen trotzen dem kalten Wetter und erkunden das Gelände, ihre dicken Anoraks halten den Wind ab, die Mützen tragen sie tief ins Gesicht gezogen.

Das Feuchtbiotop der Albufera ist einzigartig auf den Balearen. "Über 3000 verschiedene Arten von Flora und Fauna haben wir hier", sagt Maties Rebassa, Biologe und Direktor des Zentrums. Der Wissenschaftler liebt das Federvieh, das hier nistet, brütet und im Winter weite Strecken fliegt, um hier ausreichend Würmer und Insekten zu finden.

Viele Enten kommen von Mittel- und Nordeuropa und überwintern im Norden Mallorcas. "Das sieht man Enten nicht an, weil sie ein wenig schwerfällig wirken. Sie brauchen auch ein bisschen beim Start, aber sie können schnell und weit fliegen", erzählt der große schlanke Mann.

Er und seine zirka 14 Kollegen führen interessierte Besucher durch die Parklandschaft. Schmale und breite Kanäle sind ein Überbleibsel der gewinnhungrigen Engländer, die im 19. Jahrhundert die Idee hatten, das Gelände trockenzulegen. "Es galt als wirtschaftlich nicht rentabel", sagt Maties.

Ein großflächiges Kanalsystem mit Abflussmöglichkeiten und Schleusen sollte dieses natürliche Auffangbecken des Süßwassers aus den Bergen und des Salzwassers aus dem unmittelbar daran angrenzenden Meer entwässern und austrocknen. Ein Argument war es, die Malaria bekämpfen zu können, denn wo stehendes Wasser ist, tummeln sich Mücken. Ganz gelungen ist die Trockenlegung den Engländern nicht - zum Glück. Die Albufera ist durch die Mischung aus Salz- und Süßwasser heute Heimat für besonders viele Tiere und Pflanzen. Kormorane, Krick-, Pfeif-, Löffel- und Tafelenten überwintern hier. Die Mopsfledermaus lebt in Einklang mit dem Wanderfalken und der europäischen Sumpfschildkröte. Jeden Tag dreht Maties seine Runde auf dem Gelände; der altersschwache Landrover bringt ihn zu den verschiedenen Nistplätzen, Aussichtsplattformen und Beobachtungshäuschen. Schießschartenähnlich sind die Fenster, durch die man die Vögel ungestört beobachten kann. "Sie hören uns zwar, können uns aber nicht sehen und fühlen sich sicher", erklärt Maties.

Vier besonders dicke Gänse ruhen sich auf einer der kleinen Inseln aus. Maties und sein Team sorgen dafür, dass das Gelände möglichst heterogen ist. Tiefere Gewässer wechseln sich ab mit flachen Gewässern und morastigem Boden, über den die Vögel mit ihren dünnen Beinchen mühelos "tanzen" können. Das fördere die Vielfalt, sagt der Vogelspezialist. "Ein unberührtes Fleckchen ist die Albufera aber nicht, dafür hat der Mensch früher zu sehr eingegriffen." Jetzt sorgen die Betreiber durch menschliches Zutun dafür, dass dennoch möglichst viele Vögel, Reptilien und Fische hier leben können.

Das Gebiet ist plan. Das Meerwasser spült direkt in die Kanäle. Aus den Bergen ergießen sich im Winter die Sturzbäche - Salz- und Süßwasser mischen sich. Wo das Wasser salzig ist, wächst kein Schilf. "Das Salzwasser verdrängt das Süßwasser", sagt der Parkdirektor. Hotels und Fabriken pumpen das Süßwasser ab. Die Touristen möchten im Sommer duschen und die nahegelegenen Fabriken verbrauchen ebenfalls Süßwasser. Eine Obergrenze dessen, was sie abpumpen dürfen, gebe es bisher nicht. "Aber wir sind dran und möchten das ändern."

Einmal monatlich prüfen die Mitarbeiter des Albuferaparks die Wasserqualität. Bei seinen Rundgängen schraubt Maties schon mal an den großen eisernen Rädern und öffnet und schließt die Schleusentore zwischen den Kanälen. "Je klarer das Wasser, desto höher die Qualität." Er braucht keine hochaufgerüsteten Computer und Messgeräte - jahrelange Erfahrung und ein Gespür für sein "Wasserreich" ermöglichen es dem passionierten Biologen, einzuschätzen, wo welche Qualität herrscht, also wo Wasser ab- oder zuzuführen ist.

Die Albufera zieht nicht nur Touristen oder Schulklassen an. Der Mallorquiner mit dem tarnfarbenen Rucksack und der grün-braun gescheckten Kappe ist Fotograf und ein regelmäßiger Besucher. Heute ist er mit der Ausbeute unzufrieden. Es sei einfach zu kalt, schnarrt er auf Mallorquinisch. Nicht nur die Insulaner frieren, auch die Vögel möchten nicht vor die Linse.

Im Frühjahr färbt sich die Albufera mitunter rosa. Dann stelzen Flamingos durch die Tümpel und die Bäume sind grün und saftig. Jetzt hingegen dominiert karge Schönheit mit Erdtönen in Braun und Grau. Einige Süßwasserkormorane fliegen in die Höhe. Die Enten schaukeln über die Wellen. Die Albufera hat es verdient, dass man wiederkommt. An einem sonnigen milden Tag, wenn die Mücken surren und die Reiher nisten und Vogelfreunde die Wege bevölkern.

Lesen Sie auch den Bericht zur Geschichte der S'Albufera: Das Industrieprojekt der Königin.

INFO

Öffnungszeiten:
November bis März: täglich 9 bis 17 Uhr, April bis Oktober täglich 9 bis 18 Uhr.
Eintritt: gratis.
www.balearsnatura.com

(aus MM 6/2015)

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