Kreuzfahrt: „So sollte es immer sein“

Neuer Rekord: Rund 20.000 Kreuzfahrt-Passagiere am Donnerstag vergangener Woche

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Am Paseo Mallorca ist die italienische Reisegruppe endgültig verloren. Im unverkennbaren Singsang ihrer melodiösen Sprache reden die 15 Personen verschiedenen Alters - offenbar eine Großfamilie - wild gestikulierend durcheinander. Vier Erwachsene halten jeweils einen Stadtplan in der Hand, nahezu alle blicken auf den bunten Papierdruck mit dem Straßengewirr. Dann weisen zehn Arme in die unterschiedlichsten Richtungen. Mamma mia! Schließlich erbarmt sich ein Passant und schleust die Gruppe geduldig über den Zebrastreifen in Richtung Jaime III..

An kaum einem anderen Tag waren so viele Kreuzfahrttouristen auf den Straßen und Plätzen Palmas anzutreffen wie am Donnerstag vergangener Woche. Die Hafenbehörde verkündete einen absoluten Tagesrekord: Sechs große Kreuzfahrtschiffe hatten an den Kaimauern gleichzeitig festgemacht, rund 20.000 Passagiere nutzten die Gelegenheit zu einem Landgang. Palmas Bevölkerung, knapp 400.000 Einwohner, erhöhte sich für einige Tagesstunden allein durch die nautischen "Sehleute" um fünf Prozent, ganz abgesehen von den Sommergästen, die aus den übrigen Tourismusorten der Insel zum Bummeln und Einkaufen in die Stadt strömten. Mit einem Wort: Palma war gerammelt voll, ein touristisches Disneyland, überbordend vor Urlaubsflair: Im Umkreis der Kathedrale, auf dem Borne und in den Gassen der Altstadt wogten die Menschenmassen gut gelaunt und unternehmungslustig bei bis zu 28 Grad über die sommerlichen Schattenplätze.

Und dabei war nicht nur Italienisch zu hören. Denn neben der "Costa Concordia" und der "MSC Fantasia", die überwiegend Publikum vom Stiefel durchs Mittelmeer schippern, brachten auch die "Island Escape", die "Navigator of the Seas", die "Adventure of the Seas" und die "Ventura" viele internationale Fahrgäste nach Palma. Ein Stimmengewirr aus Englisch, Französisch, Niederländisch, Deutsch und osteuropäischen Idiomen schwirrte in der sommerlichen Brise.

Der Mitarbeiter des städtischen Tourismusamtes, der seinen Stand zwischen der Kathedrale und dem Almudaina-Palast aufgebaut hatte, wurde förmlich überrannt. Wacker jonglierte er durch die Sprachenflut, antwortete unablässig auf stereotype Fragen wie: Wo ist hier die Altstadt? Wo ist hier der nächste Strand? Wo kann man hier lecker Tapas essen? Wie lange läuft man von hier bis zum Kastell von Bellver? Die gratis verteilten Stadtpläne wurden ihm fast aus den Händen gerissen. "Heute ist ein Rekordtag?", fragte der junge Mann entgeistert, "kein Wunder, dass ich pausenlos am Sprechen bin. Das hört ja gar nicht mehr auf ...!" Ungeachtet der Wirtschaftskrise: Der Markt des Kreuzfahrttourismus boomt, mit jährlichen Zuwachsraten, von denen andere Branchen nur träumen können. Nutznießer dieser Entwicklung ist vor allem Palma, das einigen dieser luxuriösen Hoteldampfer als Basishafen dient. Entsprechend dem Besucherrekord vom vergangenen Donnerstag erwartet die Hafenbehörde auch für das Gesamtjahr 2010 eine neue Bestmarke: 1'3 Millionen Passagiere in Palma, gut 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Händler mit den selbst gemalten Landschaftsbildern machen dennoch nicht das Geschäft ihres Lebens. "Auch wenn hier donnerstags die Schiffe anlegen und viele Landgänger unterwegs sind, ist das keine Garantie, mehr zu verkaufen", sagt eine deutsche Künstlerin. Vor allem die geführten Urlaubergruppen mit Reiseleitung hätten kaum Zeit zum Verweilen.

In den Bars und Cafés rund um den Borne haben die Kellner hingegen keinen Grund zur Klage. Fast keinen. "Uff, ich bin geschafft, heute war hier die Hölle los, ich bin unglaublich viel gelaufen", sagt ein ermatteter "Camarero" der Bar Bosch. Ähnliches im Lírico. "Donnerstags ist hier immer am meisten los", sagt der Chef. Man spüre den Ansturm der Kreuzfahrer sehr wohl. Aber 20.000 Passagiere? "Alle sind hier leider nicht vorbeigekommen."

An den Donnerstagen, erklärt Raimond Jaume von der balearischen Hafenbehörde, beenden und starten diverse Kreuzfahrtschiffe ihre wöchentlichen Touren durchs Mittelmeer. Darum finden sich am vierten Wochentag besonders viele Passagiere in Palma ein. Auch freitags gebe es den Bettenwechsel in den Hoteldampfern. Ein Ende des Aufwärtstrends sei nicht absehbar. Palmas Hafen könnte mindestens acht großen Kreuzfahrtschiffen Platz bieten. Darüber hinaus werde der Port derzeit ohnehin erweitert.

Die Kaufkraft der Kreuzfahrer wird nicht verachtet. Nach Angaben des balearischen Tourismusministeriums gab 2009 jeder Passagier im Schnitt 62'50 Euro am Tag aus. Die Einnahmen für die Balearen summierten sich auf 92'43 Millionen Euro, 1'9 Prozent mehr als im Vorjahr.

So verwundert es nicht, dass viele Geschäfte in Palma davon profitieren möchten. Das Kaufhaus El Corte Inglés etwa stellt jeden Donnerstag und Freitag einen Stand mit España-Souvenirs auf den Bürgersteig im Säulengang der Einkaufsstraße Jaime III.. Dort finden sich Kitsch wie Flamenco-Püppchen, Tassen mit Picasso- und Miró-Motiven, Reiseführer, Aufkleber. Klar, dass auch die roten Trikots des Fußball-Weltmeisters nicht fehlen.

Die Woge der urlaubenden Seefahrer wird von vielen begrüßt: Taxifahrer, Ladeninhaber, Gastronomen - sogar von den kriminellen Nelkenfrauen. Die Besucher bringen Geld, Kauf- und Schaulust mit, und am Abend sind sie alle wieder entschwunden. Selbst nach einem Rekordtag wie am vergangenen Donnerstag lichteten sich die Plätze am späten Nachmittag. Sehr zum Bedauern der Kutschfahrer. "Das war ein super Tag, heute", sagte einer von ihnen. Er und seine Kollegen hatten 40 bis 50 Prozent mehr Fahrten. "So sollte es immer sein!"

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