Tamiflu ist kein Wundermittel

Von den Ländern eingelagert, von Privatpersonen gehortet: Das Antivirusmittel ist eher eine verbale Beruhigungspille als eine Wunderwaffe gegen Vogelgrippe

VON ANJA MARKS
Das Wort ist zur Zeit in aller Munde, schlucken kann man die vermeintlichen Wunderpillen – die auch gegen den Vogelgrippeerreger wirksam seien sollen – auf Mallorca offiziell allerdings noch nicht. Obwohl das Grippemittel Tamiflu bereits in über 50 Ländern weltweit zugelassen ist, dürfen spanische Apotheker und Ärzte die Tabletten der Firma Roche noch nicht verkaufen oder verschreiben. Einige deutsche Ärzte auf Mallorca halten das Mittel für einen Notfall bereit.

Es werde jedoch mit einer baldigen Zulassung von Tamiflu für den spanischen Markt gerechnet, so Javier Alonso, Pressesprecher im Gesundheitsministerium. Vom Staat eingelagerte Vorräte können laut Gesundheitsministerium in Madrid im Falle einer Pandemie jedoch sofort eingesetzt werden. Auf einer Sondersitzung gab Gesundheitsministerin Elena Salgado diese Woche bekannt, dass pro Autonomieregion umgehend 2300 Dosen des Antivirus-Mittels bereitgestellt werden.

Grund zur Freude hat der Hersteller Roche. Die Produktion des Grippemittels, von Medizinern als bisher wirksamstes Mittel gegen alle häufigen Grippeviren (Typen A und B) propagiert, läuft auf Hochtouren. Dabei kann das antivirale Medikament den Ausbruch einer Vogelgrippe-Pandemie nicht verhindern, es ist nicht einmal sicher, ob es überhaupt wirken würden.

Das Virenmittel mit dem Wirkstoff Oseltamivir ist seit 2002 auf dem Markt. Es bewirkt eine Verringerung des Schweregrades und der Dauer der Grippesymptome und vermindert das Risiko von Komplikationen wie Bronchitis, Lungenentzündung oder Mittelohrentzündung. Auch bei Personen, die mit dem gefährlichen H5N1-Erreger infiziert waren, konnte das Mittel erfolgreich eingesetzt werden, in Asien sind allerdings bereits Ende 2005 erste Resistenzen gegen Tamiflu aufgetreten. Im Blut zweier Mädchen, die an der Vogelgrippe gestorben waren, wurden mutierte Viren gefunden, die dem Angriff durch Tamiflu entgehen konnten.

Während die Weltgesundheitsorganisation den Ländern rät, für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung das Virusmittel einzulagern, versuchen immer mehr Menschen, private Hamstervorräte anzulegen. Ein gefährliches Verhalten, so Michael Kochen, Präsident der deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. „Es ist unverantwortlich, wenn Menschen Tamiflu zu Hause horten und es bei den ersten Anzeichen eines Hustens schlucken. Dadurch haben die gefährlichen Erreger erst die Möglichkeit, sich an die Medikamente anzupassen.”

Obwohl Tamiflu laut WHO möglicherweise geeignet ist, die Zeit bis zur Entwicklung eines Impfstoffs zu überbrücken, ist es im Falle einer Mutation des Virus laut Medizinern unwahrscheinlich, dass das Medikament überhaupt wirken würde. „Niemand weiß heute, wie so ein mutiertes Virus aussehen könnte”, sagt Joachim Noack, Kinderarzt in der Clínica Picasso in Palma. Sein Kollege Johannes Gessner, Hals-Nasen-Ohrenarzt im Internationalen Facharztzentrum in Palma, warnt besonders vor Tamiflu-Bestellungen übers Internet: „Als Laie kann man nicht sicher sein, was man da eigentlich bekommt.”

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