„Die Deutschen auf Mallorca sind Individualisten”

Das Wichtigste zuerst: Konsulin Karin Köller bleibt ein Jahr länger in Palma, als es das Bundesaußen- ministerium ursprünglich vorsah. So kann ihre Tochter in Ruhe die Schule beenden. Köllers Dienstzeit endet damit erst 2007.

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Konsulin Karin Köller.

MM:Wenn Sie Ihre Amtszeit auf Mallorca Revue passieren lassen, was kam hier völlig anders, als Sie es zunächst erwartet hatten?
Karin Köller: Auf Mallorca leben so viele Deutsche, dass sich daraus ein völlig anderes Aufgabenfeld ergeben hat, als ich es aus Afrika und vorherigen Auslandsverwendungen kannte. Wenn ich an meinen letzten Posten in Westafrika denke, an die Elfenbeinküste verirrte sich nur selten ein deutscher Tourist und auch die Zahl der deutschen Residenten war mit zirka 400 überschaubar. Hier sind die Dimensionen ganz andere.

MM: Der Arbeitsanfall des Konsulats aufgeschlüsselt, wieviel ist davon Nothilfe, wieviel Landratsamt, wieviel Repräsentieren?
Köller: Wir sind hier mehr als anderswo Bürgerservice. Aufgrund des gleichbleibend hohen Arbeitspensums kommen die Außenkontakte manchmal zu kurz. Der Konsularalltag lässt mir nur wenig Zeit, um diese Kontaktpflege intensiver zu gestalten. Es kommt immer wieder vor, dass ich zugesagte gesellschaftliche Termine kurzfristig absagen muss, weil ein Konsularfall dazwischenkommt.

MM: Was ist ein solcher Konsularfall? Wenn jemand seinen Personalausweis verliert, muss doch nicht die Konsulin umdisponieren?
Köller: Nein, grundsätzlich nicht. Aber auch die Konsulin ist Teil des Konsularalltags mit einem fest umrissenen konsularischen Aufgabengebiet und steht dafür, dass die Besucher während der Öffnungszeiten unseren Service in Anspruch nehmen können. Wenn also zum Beispiel nach einem schweren Verkehrsunfall meine Kollegin den Betroffenen vor Ort beistehen muss, kann deswegen der sonstige Service nicht zum Erliegen kommen. Dann stehe ich gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an vorderster Front. Das ist unser Alltag, auch wenn es nicht immer möglich ist, allen Erwartungen zu entsprechen. Wir sind Stadtverwaltung, Standesamt, Notariat, Schnittstelle zu den innerdeutschen Behörden bis hin zur ersten Anlaufstelle für soziale Fragen der Residenten.

MM: Und Touristen.
Karin Köller: Und natürlich Touristen. Obgleich diese nicht unsere Hauptklientel sind. Die deutschen Urlauber sind noch immer zum größten Teil Pauschaltouristen und werden in der Regel vom Reiseveranstalter versorgt. Das Konsulat wird nur bei schwerwiegenden Problemen zu Rate gezogen, beispielsweise bei einer Verhaftung, ungewöhnlichen Todesfällen oder wenn Minderjährige betroffen sind.

MM: Haben die meisten eine falsche Vorstellung von dem, was das Konsulat an Hilfen leisten kann und was nicht?
Köller: Gemeinsam mit meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen habe ich vom ersten Moment an versucht, und ich tue das noch, unseren Kunden begreiflich zu machen, wo unsere Grenzen sind. Aber es gibt selbstverständlich immer wieder auch diejenigen, die es einfach ausprobieren und versuchen, ihre Möglichkeiten auszuloten. Es kann dann schon mal heißen: „Vorhin an der Plaza de España hatte ich noch 7000 Euro in der Tasche, und die sind mir jetzt gestohlen worden”. Da müssen die Mitarbeiter schon mit viel Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl die Spreu vom Weizen trennen.

MM: Konkret: Nothilfe kann also nur aus einem Rückflugticket bestehen, nicht aber aus Geldhilfe vor Ort?
Köller: Die sogenannte „Nothilfe” besteht in erster Linie aus einer Beratung. Das Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe. Das nimmt Zeit in Anspruch. Es wird relativ aufwendig geprüft, wie sich der Betroffene selbst aus der Notsituation befreien kann. Durch Anrufe bei Verwandten, dem Arbeits– beziehungsweise Sozialamt etcetera. Oftmals kommt man damit schon zu einem Ergebnis. Wenn nicht, muss noch einmal abgewogen werden, ob die Notsituation die Gewährung einer Konsularhilfe rechtfertigt, die in der Regel aus der Vorfinanzierung der umgehenden Heimreise besteht und auf jeden Fall in Deutschland wieder zu erstatten ist. In diesem Jahr waren das bisher 18 Fälle, also gemessen an der Zahl der Hilfesuchenden relativ wenige.

MM: Haben Sie den Eindruck, dass angesichts der wirtschaftlichen Lage in Deutschland mehr Sozialfälle nach Mallorca abwandern?
Köller: Ja, ich denke, dass gerade in diesem Jahr die Zahl derer zugenommen hat, die auf die Insel kommen und eigentlich schon bei der Ankunft wissen, dass das Geld nicht lange reicht. Die Hoffnung für diese Personengruppe, hier einen Job zu finden, ist ziemlich aussichtslos und ich vermute, dass es einige Deutsche gibt, die hier unter schwierigen Bedingungen leben.

MM: Was für einen Eindruck haben Sie von der deutschen Residentschaft auf der Insel?
Köller: Nach drei Jahren Mallorca wage ich zu sagen, dass es Individualisten sind. Man lebt für sich im persönlich gewählten Umfeld, im Bekannten– und Freundeskreis. Ich finde das auch durchaus normal und legitim in einem EU-Land mit der Infrastruktur.

MM: Haben Sie nicht den Eindruck, dass mitunter mehr Gemeinschaft vonnöten wäre? Stichwort, die zwar reichen, aber vereinsamten Residenten, die ihre Langeweile im Alkohol ertränken.
Köller: Ich glaube schon, dass die Einsamkeit der Menschen ein Problemfaktor ist. Es ist eine gesellschaftliche Gesamtentwicklung, dass sich die Familienstrukturen verändern und Menschen vereinsamen, wenn sie es, aus welchen Gründen auch immer, verpasst haben, sich rechtzeitig einen Freundeskreis oder zumindest ein kleines soziales Netzwerk zu schaffen. Nach der Erfahrung in meinem Alltag hier sind es gerade die Menschen, die irgendwann ganz bewusst Mallorca als Rückzugsort für sich und die Partnerin oder den Partner gewählt haben. Ich denke, es ist nicht einfach, sich aus der selbstgewählten Isolation zu befreien und aktiv zu werden.

MM: Hapert es im Zusammenleben mit den Mallorquinern?
Köller: Also, soweit ich das beurteilen kann, finde ich, dass die Mallorquiner und die Deutschen ganz gut miteinander leben. Ich denke, dass eine freundliche, respektvolle nachbarschaftliche Beziehung völlig ausreicht. Und wenn die Chemie stimmt und man sich auch sprachlich versteht, können sich Freundschaften entwickeln, wie überall auf der Welt.

MM: Müsste die Bundesrepublik nicht mehr tun, um eine deutsche Auslandsschule wie in Madrid oder Barcelona zu ermöglichen?
Köller: Was Mallorca angeht, ist meiner Meinung nach die Chance leider schon ganz früh – von wem auch immer – verpasst worden, als es noch Möglichkeiten der Förderung gab. Der Blick auf die sogenannten Deutschen Schulen in Spanien zeigt, dass diese vor 50, gar 100 Jahren gegründet wurden. Es sind etablierte und gewachsene Schulen. Dieses Modell einer staatlich geförderten Auslandsschule gibt es heute so nicht mehr. Zur Zeit bleibt nur die Möglichkeit der Privatinitiative und die Beantragung einer punktuellen Förderung, etwa für Schulbücher oder Mobiliar.

MM: Wie könnte das Konsulat verstärkt Flagge zeigen auf Mallorca?
Köller: Wir sind als Außenstelle des Generalkonsulats Barcelona mit dem hier zur Verfügung stehenden Personal mit unserem konsularischen Auftrag, dem Bürgerservice, mehr als ausgelastet. Ich würde mir schon wünschen, ein wenig präsenter sein zu können, etwa mit punktuellen Aktionen. Die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft könnte ein Aufhänger sein. Daran arbeite ich. Das ist ein Ereignis, das die Menschen verbindet, und eine Chance, unser Land positiv darzustellen.

MM: Was ist mit dem 3. Oktober? In den Vorjahren gab es Kritik, dass nur ein sehr kleiner Kreis von deutschen Residenten zum Empfang des Konsulats geladen war.
Köller: Der Empfang zum Nationalfeiertag ist vor allem ein Instrument der sogenannten „Public Diplomacy”. Die Auslandsvertretungen nutzen den Tag, um den Gesprächspartnern und offiziellen Vertretern des Gastlandes für die Zusammenarbeit zu danken und für Deutschland zu werben. Soweit möglich, werden sogenannte Funktionsträger des eigenen Landes, also Vertreter der Kirchen, großer Firmen, politischer Stiftungen etcetera ebenfalls eingeladen. Es ist nicht etwa ein Fest für die Deutschen, auch wenn es natürlich für uns ein ganz besonderer Tag und deswegen in Deutschland auch ein Feiertag ist.

MM: Was passiert in diesem Jahr?
Köller: In diesem Jahr wird es hier auf der Insel keinen Empfang geben. Er findet in Barcelona und Valencia statt, wo in dieser Woche die Gorch Fock, die wir im Jahre 2004 zu Gast hatten, festmacht.

MM: Was ist Ihre „Lieblingslocation”, wenn Sie einmal Freizeit haben?
Köller: Meine Terrasse zu Hause (lacht). Aber tatsächlich, einer meiner Lieblingsplätze ist Miramar, einer der Landsitze des Erzherzog Ludwig Salvator an der Tramuntana-Küste. Da einfach hinfahren, einen Picknickkorb mitnehmen, zur Ruhe kommen. Ich vermute, dass jeder, der hier wohnt, so seinen Ort hat, wo er seine eigene Muße finden kann.

Mit Konsulin Karin Köller sprachen
Bernd Jogalla und Alexander
Sepasgosarian.

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