Im Schatten der Sucht

Alkohol: Auch auf Mallorca gibt es viele Gründe für Menschen, Trost bei der Flasche zu suchen

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Dolce vita auf Mallorca: Mit dieser Illusion kommen nicht wenige Menschen auf die Insel. Jetzt beginnt ein ganz neues Leben, glauben viele. Ob als Ehepaar oder Single, als Ruheständler oder Berufstätiger, eines steht fest: „Man nimmt sich immer selber mit”, sagt Allgemeinmediziner Dr. Peter Fleischhauer vom Ärztezentrum Palma. Wie andere Suchtexperten auch hat er festgestellt, dass der Alkoholmissbrauch hier eher „inselspezifische” Gründe hat. Stecken in Deutschland häufig beruflicher Stress und Überforderung bis hin zum Burnout dahinter, beginnt die klassische „Säuferkarriere” auf Mallorca oft als „Genusstrinker”. Weil „es” alle – oder zumindest viele – tun, können sich Betroffene ihr Alkoholproblem lange vor sich selbst und anderen schönreden. Das tolle Wetter, das gute Essen, dazu schmeckt doch auch schon mittags das erste Glas Wein. Und überhaupt: „Auf einem Bein kann man doch nicht stehen.”

Das „Schöntrinken” hat viele Gesichter. Es sei ein Irrtum, so Dr. Mario Scheib, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der in Palma eine Suchtklinik leitet, dass Alleinlebende aus Vereinsamung häufiger Alkoholprobleme hätten: „Kummer-Trinker” gibt es in allen sozialen Gefügen. So sei es nicht selten, dass ältere (Ehe-) Paare, die berufsbedingt jahrzehntelang keinen gemeinsamen Alltag kannten, sich plötzlich mit der Herausforderung konfrontiert sehen, täglich 24 Stunden miteinander zu gestalten: „Da kann das Alkoholtrinken schnell zum kleinsten gemeinsamen Nenner werden.”

Die innere Leere kann damit natürlich nicht gefüllt werden. Obwohl viele das spüren, dauert es oft Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis sie sich ihre Abhängigkeit eingestehen. Männer neigen dabei noch mehr zur Verdrängung als Frauen, hat nicht nur Udo Mühmer von der „Suchthilfe Mallorca” festgestellt. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich öffentlich oft in „bester Gesellschaft” mit anderen Männern am Tresen fühlen – Frauen bleiben eher zu Hause und trinken heimlich.

Auch wenn es bekannte Richtwerte gibt, ab wann ein riskanter Alkoholkonsum beginnt – noch im „unkritischen” Rahmen liegen täglich zehn Gramm bei Frauen, 20 Gramm bei Männern (Letzteres entspricht einem halben Liter Bier oder 0'2 Liter Wein – , entscheidend ist die persönliche Einsicht, will man der Abwärtsspirale rechtzeitig Einhalt gebieten. Bis sich körperliche Symptome wie Gastritis oder Fettleber einstellen, können Jahre vergehen – in diesem Stadium kann der Ausstieg schon sehr schwierig werden.

Wer ein kritisches Trinkverhalten bei sich feststellt, findet heute auf Mallorca viele Möglichkeiten, sich kundig beraten und helfen zu lassen. Ob AA oder andere Selbsthilfegruppen, Arztpraxen, Kliniken oder private Einrichtungen: Kein Mensch ist mit seinem Alkoholproblem allein. Nur den ersten Schritt muss jeder selbst tun.

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