Die Playa ist tot, viva la Playa

Saufen oder Strandurlaub? Viele machen beides / Hoteliers beklagen Leerstand / Megalokale eröffnen

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Wäre der zukünftige Präsident der Balearen am Wochenende an der Playa de Palma gewesen, er hätte seine Freude gehabt. Es war rappelvoll. Tausende Besucher säumten ausgelassen die Biergärten. Ein Liedchen hier, ein Tänzchen dort. Der Wahlsieg der Partido Popular (PP), so hätte Jaume Matas beim Besuch der Bier- und Schinkenstraße sicher gedacht, lässt die von der Nochregierung vergraulten Deutschen wieder auf die Insel stürmen.

Den PP-Erfolg feierte allerdings niemand. Am vergangenen Donnerstag war in Deutschland Vatertag und das damit verbundene lange Wochenende wurde im Umkreis von wenigen hundert Metern um das Balneario sechs ausgiebig begossen. Der Startschuss für die diesjährige Partysaison an der Playa de Palma ist gefallen. "Wir wollen Party, Palmen, Weiber und en Bier ..." stimmten sich die "Geilen Jungs aus der Wagnerstadt" mehr laut als musikalisch auf die bevorstehende Nacht am Ballermannstrand ein. Das schwarze T-Shirt mit dem gelb gedruckten Schriftzug hatten sie sich extra für den Mallorcatripp anfertigen lassen. Bekleidungstechnisch einfacher hat es der "Sextrainer" gehabt, der die "erste Stunde gratis" verspricht. Sein Hemdchen ist von der Stange und über das Internet zu haben.

Ohne anzügliche Schriften am Leib, dafür in Gegenwart eines lebensgroßen, weiblichen Nackedeis aus Gummi, er an Menschen unter 18 Jahren nicht verkauft werden darf, schlürfen zwei Partyurlauber am Ballermann durch lange, verschiedenfarbige Strohhalme ihre Sangría aus Weizenbiergläsern. Eimer- und schubkarrenweise wird hier nciht mehr ausgeschenkt. Dennoch, das Klischee lebt. Immer noch.

Den Fluggesellschaften bescherte das Himmelfahrtswochenende volle Maschinen. Freie Plätze nach Mallorca waren seit langem mal wieder knapp. Auch für Pfingsten wird ein Run aus Deutschland auf die Insel erwartet.

Selbst die dem Epizentrum der Partymeile nahe gelegenen Herbergen waren ausgelastet. Dennoch: Der Vatertag hat die Maistatistik der 150 Hotels an der Playa de Palma nur beschönigt. Die Branche steckt nach wie vor in der Krise. Von den 40.000 zur Verfügung stehenden Betten waren im Schnitt lediglich zwei Drittel belegt. Neun Prozent weniger als im Vergleichsmonat des Vorjahrs. Und da wurde schon lauthals gejammert.

Auch die Prognose für Juli ist nicht rosig. Trotz Pfingsten wird nur eine Auslastung von 64'88 Prozent erwartet, ein Punkt weniger als im Mai. „14 Hotels mit insgesamt mehr als 4000 Betten”, so der Präsident des Hotelierverbandes der Playa de Plama, Jordi Cabrer, „haben die Saison noch gar nicht eröffnet und sind geschlossen.” So etwas habe es noch nie gegeben.

Der Präsident des mallorquinischen Hotelvervebandes, Pere Cañellas, sieht die Situation sogar noch düsterer: „Seit dem Golfkrieg haben wir eine solche Situation nicht mehr gehabt”. Viele seiner Mitglieder geben die Saison bereits verloren, noch bevor sie richtig begonnen hat. Vor allem der deutsche Markt schwächelt. Auch an der Playa de Palma.

„Wir müssen uns schnellstmöglich von der antiquierten Denkweise verabschieden, dass die Leute schon kommen werden”, wettert Jordi Cabrer. „Wir haben das schlechte Ballermann-Image und die Deutschen denken, sie seien auf der Insel nicht willkommen. Dagegen müssen wir angehen. Mallorca muss wieder in Mode kommen.” Ein erster Schritt in die richtige Richtung, davon ist Cabrer überzeugt, sei die geplante Abschaffung der Ökosteuer. „Eine Barriere weniger.” Aber es müsse noch viel getan werden, auch von den Hoteliers: „Machen, nicht reden.” Mallorca steht in dem Ruf, teuer zu sein. Das weiß auch Cabrer.

Aber am Preis könne es an der Playa de Palma nicht liegen, zumindest nicht an den Hoteltarifen. „Wir haben seit zwei Jahren die Preise nicht angehoben. Ein Sonderangebot jagt das nächste. Bereits für 13 Euro bekommt man ein Zimmer mit Halbpension.” Auch wenn immer noch jede Nacht Schwarzafrikanerinnen von ihren Zuhältern mit Lieferwagen aus dem Umland angekarrt würden, um den Freiern mehr als nur schöne Augen zu machen, bewege sich die Kriminalität und Prostitution längst nicht mehr auf dem ausufernden Level der vorigen Jahre.

Mit der für diesen Monat geplanten Inbetriebnahme von Überwachungskameras der Ortspolizei in der ersten und zweiten Strandlinie, in der Höhe der Balnearios sechs und sieben, erhofft sich der Hotelier einen weiteren Rückgang des „zwielichten Gewerbes”.

Vieles spreche immer noch für die Playa de Palma als Urlaubsziel. „Nichts gegen Partytouristen, jeder soll seinen Spaß haben. Aber nicht auf Kosten anderer. Die meisten Urlauber wollen ruhige Ferien. Mit den Kindern am Strand spielen und abends gemütlich auf Balkon oder Terrasse sitzen.” Deshalb wollen die Playa-Hoteliers auch weiterhin Ruhestörer anzeigen und mit Polizeidrohung dafür sorgen, dass ab Mitternacht keine Musik mehr in den offenen Bierlokalen gespielt wird. „Hier ist Urlaubszone. Die Mehrheit unserer Gäste will nicht von Open-Air-Discos gestört werden.”

Ein Patentrezept für die Belebung des Tourismus vor den Toren der Inselhaupstadt hat Cabrer aber auch nicht. Vielmehr die Einsicht: „Wir haben die Leute schlecht behandelt. Die Gesellschaft weiß nicht zu schätzen, was der Tourismus der Insel gebracht hat. Die Urlauber sind nicht für die Staus verantwortlich und für vieles andere mehr auch nicht”. Aber, so der optimistische Ausblick des 48-Jährigen, der seit zwei Jahren dem Hotelierverband der Playa de Palma vorsteht: „Mallorca, und damit auch der Playa de Palma, ging es noch vor wenigen Jahren glänzend. Warum sollte das in Zukunft nicht wieder so sein?”

Über mangelnden Umsatz aufgrund fehlender Urlauber klagt auch Jorge. Der 34-Jährige aus Andalusien unterstützt seine Familie mit dem, was an der Playa so rum liegt, vor allem mit dem Erlös der zurückgelassenen blauen Plastik-Eimer. „Die Trinkfreudigen unter den Strandbesuchern”, erzählt Jorge, „decken sich für kleines Geld an den umliegenden Läden literweise mit Sangría aus Tetrapacks ein und füllen sie dann zusammen mit vielen Eiswürfeln in die Eimer”. Wenn das Gelage am späten Nachmittag vorbei ist, sammelt Jorge die zurückgelassenen Gefäße ein, spült sie aus und gibt sie an die Händler zurück. 50 Eurocent bekomme er pro Eimer.

„Früher”, sagt Jorge und deutet mit beiden Händen einen großen Turm an, „hat es viel mehr Eimer gegeben”. Mit zwei Dutzend blauen Sangríakübeln unterm Arm überquert er die Strandpromenade. Die Bimmelbahn, die die Urlauber zwischen Balneario eins und 15 am Strand entlang befördert, verschafft sich tutend Aufmerksamkeit. Die Fahrt kostet sechs Eimer. Jorge geht zu Fuß weiter.

Keinen Grund zur Klage hat Mark Raab. Zu jung ist das Lokal, das er leitet. Der geschäftsführende Gesellschafter betreibt erst seit dem 9. Mai das Restaurant „XII Apostel” in der Calle Sant Ramon Nonat. Mitten drin im Partyzentrum und doch fernab. „Wir wollen der verschrieenen Zone etwas entgegensetzen. Es gibt noch mehr als Ballermann, und irgenwann müssen alle etwas essen”, so der 29-Jährige optimistisch.

Tatsächlich geht von dem schmucken Raum eine ungewöhnliche Ruhe inmitten des Trubels aus. Keine dumpfen Liedtexte übertönen das Gespräch. Die Öffnungszeiten von morgens sechs bis nachts um vier orientieren sich am Umfeld, sonst scheinen die Uhren hier anders zu ticken. Auch auf der Preisschiene. „Mit Menüs unter fünf Euro und Pizza tagsüber zum halben Preis sprengen wir sicher nicht das Familienurlaubs-Budget.”

Auch die bereits an der Playa de Palma omnipräsente Cursach-Gruppe baut ihr Imperium aus. Alles megamäßig. Neben dem Steakhouse „Asadito”, dessen Diminutiv angesichts seiner 560 Plätze mehr als Understatement-Politik zu verstehen ist, wurde Ende Mai auch die Meg-Arena eröffnet. In der Großraumdisco für rund 4000 Gäste kann die Party fortgesetzt werden, die im darüber liegenden Megapark wegen der bestehenden Lärmverordnung um 24 Uhr zu Ende geht. Einfach nur die Treppen runter.

Zum Eintrittspreis von 15 Euro kann beliebig viel getrunken werden, auch in den drei weiteren Cursach-Discos. Eine klare Kampfansage an den Kiez und den Hauptkonkurrenten, den „Bierkönig” und die zu dieser Gruppe gehörenden Etablissemements, darunter auch das „Oberbayern”, in dem man sich für pauschal 10 Euro mit Bier abfüllen kann.

„Solche Angebote sind auf lange Sicht nicht nur der Tod für die kleinen Kneipen, sondern für den Tourismus”, empört sich Bernd Nieswand, der 1971 mit dem „Carrusel” den Grundstein für die Bierstraße legte. Zuviel Alkohol züchte einen Rattenschwanz von Problemen. Heute, so der Ex-Wirt, gehe es nur noch mit allen Mitteln darum, den Laden voll zu kriegen. „Was danach kommt, ist den Leuten egal.

” Man könne abends kaum noch einen Schritt machen, ohne von Tiqueteros den Laden ihres Brötchengebers aufgeschwatzt zu bekommen, so der 60-Jährige. Dennoch sei der Zug für die Playa de Palma noch nicht abgefahren. „Allerdings sollte man bedenken, dass es auch sehr schöne Urlaubsziele in Kroatien, der Türkei oder sonstwo gibt, wo Preis und Leistung stimmen.”

Auch wenn in Can Pastilla noch viele Mallorquiner ihre Ferienhäuschen haben und im Sporthafen von S'Arenal einheimische Yachten liegen, die dazwischenliegenden sechs Strandkilometer der Playa de Palma sind nach wie vor fest in deutscher Hand. Mallorcakrise hin, Deutschlandflaute her. In 62 Prozent der vermieteten Hotelbetten lagen im Mai die Alemanes. Kaum ein Laden, der seine Produkte nicht auf Deutsch anpreist: „Schnitzel mit Pommes nur vier Euro”, selbst gebackener Kuchen und eine Tasse Kaffee für die Hälfte. Ohne Spanisch kommt man hier gut zurecht. Und gesungen wird ohnehin auf Deutsch.

„Ein Rudi Völler, es gibt nur ein' Rudi Völler. Ein Rudi Völler, es gibt nur ein' Rudi Völler...”, trällert ein sichtlich angeschlagenes, auf dem Bürgersteig vor dem Bierkönig sitzendes Trio. Wie oft wird die liebliche Melodie von Guantanamera in diesem Sommer an der Playa de Palma noch vergewaltigt werden?

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