Die Glosse

Stille. Oder Weihnachtsmusik / VON GABIRLE KUNZE

Wirklich, ich liebe Weihnachten. Mit gebratener Gans und süßen Spekulatius, mit Baum und Engeln, mit all dem Flitterkram und den (meist) nutzlosen Geschenken.

Ich mag die ganze Sentimentalität und Nostalgie, die Kinderträume, auch und gerade die unerfüllten. Ich bin versöhnlich gestimmt und liebe (beinahe) auch meine Feinde. Ich will es schön machen, anderen und mir, denn ich möchte es schön haben. Eben weil Weihnachten ist. Und eigentlich möchte ich jedes Jahre jene bekehren, die auf Weihnachten schimpfen, die von Konsumterror, Heuchelei und aufgesetzten Gefühlen reden. Und ich mag weihnachtliche Musik, von Bachs Weihnachtsoratorium bis zu Händels Messias, ich mag in dieser Zeit Kinderchöre und selbst Helmut Lotti rührt mich noch, wenn er „Stille Nacht, Heilige Nacht” singt. Ab dem 28. Dezember bin ich dann wieder etwas qualitätsbewusster.

Nur manchmal wird sogar ein Weihnachtsmensch wie ich leicht ungeduldig. Dann nämlich, wenn die Musik–Berieselung zum Dauerzustand wird. Wenn mich krähende Kinderstimmen aus minderwertigen Lautsprechern foltern, wenn die „Stille Nacht” mich bis in die Toilette des Kaufhauses verfolgt, wenn eben dort die viel zitierten „Jingle Bells” noch von der Klospülung untermalt werden.

Die „Kinderlein”, die da kommen sollen, erscheinen auch bei wiederholten Aufrufen nicht in der Umkleidekabine des Jeansladens, und an der Fischtheke des Supermarktes rühren mich los „Peces en el río” nur wenig. Und klingen die Glocken nie süßer als beim Warten an der roten Ampel?

Je gehobener das Etablissement, desto barocker die Musik. Gerade zu Weihnachten. Das haben Vivaldi, Corelli oder Albinoni wirklich nicht verdient. Und ist ein Restaurant erst einmal mit lässig hingestreuten Früchten dekoriert, werden gerne komplette Choräle aufgefahren.

„Still, still, still – weil's Kindlein schlafen will” – heißt ein Weihnachtslied. Man sollte einfach mehr auf die Texte hören.

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