Die Glosse

„Gepflegte Tischkultur” / VON GABRIELE KUNZE

Manieren, Etikette, Anstand – Auffassungen, die mir als Kind das Essen verleideten. Meine Tante Margarete sprach gerne davon, als ich ein kleines Mädchen war.

Sie sagte: „Gepflegte Tischkultur” und meinte damit ausschließlich Verbote und Gebote. Nicht selten verging mir der Appetit bei soviel „Sitz gerade!” – „Sprich nicht mit vollem Mund!” – „Leg die Ellenbogen an!” – „Man hält Messer und Gabel immer im leichten Winkel nach unten geneigt!” Wie auch immer – das Wort von der „Gepflegten Tischkultur” wurde für mich zum Reizwort.

Später, als ich älter wurde, merkte ich, dass mir ein schön gedeckter Tisch, mit edlem Geschirr und schönen Gläsern, sehr gut gefiel. Nur zu Zeiten rebellischer Studentenjahre bevorzugte ich das Wurstpapier auf einer Apfelsinenkiste und aß nach Möglichkeit nur mit den Fingern. Sozusagen aus politischen Gründen. Doch wie so vieles im Leben ging auch das vorüber.

Als ich anfing zu reisen, stellte ich fest, dass „Gepflegte Tischkultur” keineswegs überall das gleiche ist. Zunächst kam Italien. Dort knackten auch höchst kultivierte Leute ihre Scampi mit den Händen, voller Vergnügen und gutem Appetit. Es folgten arabische Länder, und ich sah, dass man auch mit drei Fingern vollendete Etikette beherrschen kann. Auch in Indien aßen viele Leute ohne Besteck, voller Grazie und Anmut. Und ein schön gedeckter Tisch kann auch nur mit einer Blüte oder mit einem einfach geschnitzten Holzlöffel ganz wunderbar sein.

Mein Nachbar hat Bauarbeiter auf dem Grundstück. Jeden Morgen gegen 10 Uhr setzen sie sich auf ein paar Ziegelsteine, stellen eine Kiste in die Mitte, breiten ein kariertes Küchenhandtuch darüber und packen ihr Frühstück aus. Dazu ein scharfes Messer und ein paar Becher mit Henkel. Sie sprechen mit vollem Mund und legen die Ellenbogen gar nicht an. Dass es ihnen schmeckt, kann man sehen. Vermutlich kannte meine Tante Margarete diese Form von „gepflegter Tischkultur” nicht. Schade für sie.

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